2011年11月20日

Ich bin bereits gegen fünf Uhr wach. Die Wohnung ist jedoch so hellhörig, dass ich nicht aufstehen könnte, ohne Maria und Joana zu wecken, die nebenan schlafen. Unsere Zimmer sind zum Teil lediglich durch eine Schiebetüre getrennt. Wenn dort das Macbook ein Fehlergeräusch macht, zucke ich hier zusammen, weil ich denke, mein Computer sei defekt.
Zudem ist um diese Uhrzeit am Sonntagmorgen ohnehin nichts los, nicht einmal der Fischmarkt ist geöffnet.

Ich lese und döse, um halb acht stehe ich endlich auf. Später macht mir Maria einen starken Kaffee, gibt mir Ratschläge für die Tagesgestaltung und erklärt mir, dass man die Automaten der Metro-Linien auch auf Englisch umstellen kann. Nun muss ich nur noch anhand der Aushänge die Preise herausfinden und dementsprechende Tickets lösen. Versehentlich schwarzfahren kann ich ohnehin nicht, denn wenn man zu wenig gelöst hat, bezahlt man am Ausgang einfach nach. Auch hierfür gibt es Automaten. Bevor ich zur Haltestelle gehe, kaufe ich mir im Kombini – das Wort kommt vom englischen convenience store – um die Ecke eine Flasche Grünen Tee und ein Paket mit drei Tramezzini. Jedes davon ist mit einer anderer Ei-Verarbeitungsvariante belegt.

Ich nehme die Chiyoda-Line bis Kasumigaseki, steige dort um in die Marounochi-Line und fahre bis Shinjuku. Als ich auf den Bahnhofsvorplatz trete, haut mich die Wärme um und ich ziehe meinen Mantel aus. Gestern habe ich noch gefroren.
Ich blicke auf sehr viele Hochhäuser und das sonderbarste, der Cocoon-Tower, steht mir direkt gegenüber. Der Himmel ist hellblau und von weißen Wolken durchsetzt. Ich bin in einen futuristischen Breitwandfilm in Technicolor geraten.

So marschiere ich durch die Hochhauswelt. Hier sind erstaunlich wenig Menschen unterwegs und je weiter ich mich vom Bahnhof entferne, desto sonderbarer fühlt sich das Umhergehen an. In der Luft liegt ein leises Brummen. Manchmal sehe ich überhaupt niemanden und stelle mir vor, es wäre nur noch ich auf der Welt. Doch nach dem Abbiegen um die nächste Ecke sind zum Glück immer wieder Menschen zu sehen. Ich gucke mich ein wenig vorm Park Hyatt Hotel herum, weil dort Lost in Translation gedreht wurde und gehe kurz in die Lobby. Vorm Eingang befindet sich ein Ständer, in dem Besucher gegen Pfand ihre Regenschirme abschließbar aufbewahren können – wie in der Schweiz mit den Skiern, denke ich.

Als ich die Häuser hinter mir lasse, betrete ich den Shinjuku Central Park und gehe in Richtung Schrein. Vereinzelt sitzen Obdachlose auf den Bänken oder unter Regenschirmen auf dem Rasen. Weiter hinten gibt es eine kleine Siedlung von Hütten aus Kanistern und blauen Müllsäcken. In Deutschland wäre dies undenkbar.
Der Schrein ist unspektakulär. Auf dem Hof davor werden kleine Jungs im Samurai-Kostüm professionell fotografiert. Als ich den Schrein betrete und mein Telefon zücke, werde ich unfreundlich hinaus gebeten. Geschieht mir recht.

Später lungere ich noch in der Bahnhofsgegend herum. Jedes Mal, wenn ich nur ein wenig weitergehe, tut sich bereits an der nächsten Kreuzung ein neuer Blick auf noch mehr Häuser und noch mehr Menschen auf. Alles scheint kreuz und quer gebaut. Es gibt keine erkennbar festgelegten Höhen, Ausrichtungen, Stile.

Mit der Yamanote-Line, der Ringbahn von Tokio, will ich weiter nach Harajuku. Der Bahnhof von Shinjuku ist einer der größten der Welt und so stehe ich noch vor den Ticketschleusen inmitten von unglaublich vielen umhereilenden Menschen und versuche, dem Schildermeer einen Hinweis abzutrotzen – immerhin gibt es ab und an ja sogar lateinische Buchstaben. Vergeblich suche ich nach der Yamanote-Line und stelle mich lachend an eine Säule, weil nun genau die Situation eingetreten ist, vor der ich mich zuhause etwas gefürchtet hatte. Es ist zwar ein wenig anstrengend, aber nicht schlimm und ich gucke gestrandet den Menschen zu. Irgendwann entdecke ich eine Tafel, auf der das Gleis für meine Linie steht und löse ein Ticket.

In Harajuku gehe ich direkt vom Bahnhof in die Takeshita-Dori, eine enge Einkaufstraße, in der es Kleidung und Accessoires gibt und nichts davon scheint unauffällig zu sein. Vor den Läden stehen überzogen zurechtgemachte junge Menschen, die wie Marktschreier das Angebot der Läden bewerben. Oft halten sie dabei beide Hände wie einen Trichter vor den Mund, denn es ist schwierig zu den Passenten durchzudringen, wird doch in jedem Laden eine andere Musik gespielt, die ebenfalls über die Straße schallt. Wie ferngesteuert lasse ich mich durch das ganze Viertel treiben, denn in meinem Kopf brummt die Müdigkeit. Am Rand der Hauptstraße angekommen, wo die teueren Boutiquen beginnen, setze ich mich zwischendurch erschöpft auf eine Bank und gucke.

Die asiatischen Mädchen kleiden sich entweder im Manga-Emo-Stil, oder im Manga-Französisches-Braves-Mädchen-Stil. Viele tragen Haarreifen mit Schleifen, Blusen mit Schleifen, Schuhe mit Schleifen – nicht selten mit sehr hohen Absätzen. Die meisten Japanerinnen wirken – ähnlich den Italienerinnen – sehr adrett und eigenartig erhaben. Ich muss an die vielen Menschen auf dem Alexanderplatz denken, die so ganz anders sind.

Hinterm Bahnhof beginnt ein riesiger Park, fast schon ein Wald, in dem sich der Meiji-Schrein befindet. Gemeinsam mit vielen Japanern betrete ich den beinahe zehn Meter breiten Kiesweg, durchquere den ersten Holztorbogen und spaziere mit knirschenden Schritten durch die gezähmte Natur. Einige Frauen im Kimono tippeln mit ihren Zehenschuhen langsam vor sich hin. Sie haben einen beschwerlichen, langen Weg vor sich.

Kurz vorm Schrein befindet sich ein Brunnen, an dem die Menschen mit hölzernen Kellen Wasser auffangen, sich damit erst die Hände waschen, dann das Wasser in eine Hand schütten, daraus trinken und so auch den Mund reinigen. Dann geht es durch ein hölzernes Tor zum Schrein. Man muss anschließend allerdings erst einen großen Platz überqueren, bis man wirklich dort ist. An der Absperrung werfen die Menschen Geld in Holzbehälter, beten und klatschen immer mal wieder in die Hände und deuten eine Verneigung an. Ich habe aus Respekt das Reinigungsritual nachgemacht – hier lasse ich es aus dem gleichen Grund lieber bleiben.

Auf dem Platz steht ein angeblich magischer Baum, um den ein Holzzaun gebaut wurde, an den man Brettchen hängen kann, auf die man vorher seine Wünsche und Gebete geschrieben hat. Die meisten sind auf Japanisch verfasst, aber ich sehe auch ein paar englische und französische Begehrlichkeiten – gute Schulnoten, Gesundheit, Weltfrieden undsoweiter. Das Ganze kostet fünf Euro, und auch die Glücksbringer für allerlei unterschiedliche Gelegenheiten, die an Holzständen verkauft werden kosten relativ viel Geld. Als ich mich ganz hinten zum Ausruhen ein wenig hinsetze, kommt eine Hochzeitsgesellschaft vorbei, weil hier ja schließlich kein Lost-in-Translation-Klischee ausgelassen werden darf. Es wird Zeit, auf dem Waldweg zurückzuknirschen.

Ich kaufe mir im Kombini am Bahnhof einen Snack mit Fisch. Es gibt in diesen Läden immer ein ganzes Regal voll mit unterschiedlichen Talern und Bällchen aus Reis, mit und ohne Fisch, manchmal in Seetang eingewickelt, manchmal in Sesam gewälzt und niemals wird man als Nichtjapaner erfahren, aus welchen Zutaten sich die einzelnen Snacks tatsächlich zusammensetzen. Dieser hier schmeckt toll.

Ich gehe über die Jingu-Brücke in Richtung Yoyogi Park. Auf der Brücke stehen drei Jugendliche und halten Free-Hugs-Schilder in die Höhe, winken und rufen die Passenten herbei. Weil ich mir vor geraumer Zeit vorgenommen habe, ganz viele Sachen zu machen, die ich früher nicht getan hätte – erst kürzlich habe ich beispielsweise in einem Berliner Karaoke-Laden ganz alleine vor sehr vielen mir unbekannten Menschen ein Lied gesungen – und weil ich mich ein wenig einsam fühle, gehe ich hin und lasse mich von jedem ein Mal umarmen.

Am Eingang des Yoyogi-Parks läuft laute Rockabilly-Musik und abgehalfterte Teds tanzen über den ganzen Platz verteilt dazu Twist. Manche tragen Lederwesten, auf deren Rücken in weißer Schrift ihr Gang-Name steht: The Lebels. Mit L! Als das Lied zu Ende ist, rotten sie sich biertrinkend am Wegrand zusammen und ein paar Groupies versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Ich gehe weiter und erneut haben drei Jungendliche – unter anderem ein Manga-Mädchen – Free-Hugs-Schilder und winken mich zu sich. Dieses Mal umarmen wir uns als Gruppe und alle drei kreischen, weil ich eine der Wenigen bin, die mitmacht.

Vor einem Baum zucken zwei schlecht gekleidete Cosplayer zu total verrückter Musik herum. Zuerst denke ich, sie machen sich mit ihren Bewegungen über eine Gruppe anderer Menschen lustig, die direkt gegenüber von ihnen mit Stäben in den Händen nicht nachvollziehbare Meditationsbewegungen vollführen, doch die beiden Jungs haben wirklich etwas einstudiert, das offenbar nicht so recht klappt, und grimmig verziehen sie ihre Gesichter. Ich gehe schnell weiter und fotografiere noch ein paar andere Cosplayer. Es ist eigenartig, wenn man von den vielen Allgemeinplätzen, die man im Kopf hat, mit voller Wucht getroffen wird. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg in das nahe gelegene Shibuya.

Bereits nach kurzer Zeit stehe ich an der Kreuzung. Als die Fußgängerampel auf grün umstellt, gehe ich einfach mal los, überquere die Straße, stelle mich an die nächste Ampel und überquere die Kreuzung erneut. Das Ganze wiederhole ich noch zwei Mal, und immer wieder blicke ich von einer anderen Seite auf den Platz und jene Gebäude, die ich alle schon einmal gesehen habe. Im Kino, im Internet, auf Fotos. Aber keine dieser Abbildungen kann vermitteln, wie es sich anfühlt, zwischen diesen Menschenmassen zu sein, die sich über die Zebrastreifen bewegen, und zwischen all jenen Gebäuden mit ihren Neonreklamen und den vielen Leinwänden, auf denen zeitgleich unterschiedliche Werbespots mit Ton gezeigt werden und alle, außer einem selbst, scheinen das ganz normal zu finden.

Ich stehe und sitze abwechselnd auf dem Platz vor der Shibuya-Station und denke zwischendurch, dass ich es keine Sekunde länger mehr aushalte, denn mein Körper ist von der Reise und der Zeitumstellung völlig erschöpft, in mir schreit bereits einen Stimme ununterbrochen ICH KNALL GLEICH DURCH!

Als ich im Gebäude auf der anderen Straßenseite ein Starbucks-Café sehe, husche ich hinüber, kaufe mir einen Chai Latte und Christstollenkuchen (!), gehe damit in die erste Etage und finde einen Platz am Fenster, von wo aus ich eine Stunde lang auf die Kreuzung unter mir starre.
WHAT THE FUCK? denke ich ohne Unterlass über den heutigen Tag und niemand ist da, mit dem ich das teilen kann.

Später gehe ich ein wenig entspannter durch die Straßen von Shibuya. Geschäfte, Bars, Restaurants, Burgerläden. So viel Blingbling. Vor einer Spielhölle winkt ein Pandabär-Maskottchen die Menschen herein. Ich drücke auf den Türknopf, mache einen Schritt nach vorn und höre ein Geräusch wie ich es in Art und Lautstärke noch nie vernommen habe. In vielen Reihen, alle sind voll, sitzen Menschen auf kleinen Hockern vor Geräten, die blinken und in denen Metallkugeln durch die Gegend fliegen. Gleichzeitig rasen auf einem Display Abbildungen vorbei. Der ohrenbetäubende Lärm hier setzt sich zusammen aus den umhergeschleuderten Metallkugeln – es müssen Tausende sein–, den Spielautomatendudelgeräuschen, der Musik, die in der Spielhallenhölle läuft, sowie der Stimme eines Animateurs, die den Menschen ununterbrochen per Lautsprecher einheizt. Und hinter dem ersten, riesigen Raum tun sich noch weitere Räume dieser Art auf.
In allen wird Pachinka gespielt!

Mir wird auch nach konzentriertem Beobachten der Vorgänge an den Automaten nicht klar, um was es hier eigentlich geht, was zu tun ist. Ich begreife nur, dass es die Metallkugeln zu gewinnen gilt. Manche Spieler – das Durchschnittsalter scheint mir bei Mitte 30 oder höher zu liegen – haben bereits mehrere volle Plastikwannen hinter ihren Sitzen stehen. Angestellte laufen durch die Gegend und kümmern sich um die die Stapel der Behältnisse.

Als ich wieder auf der Straße stehe, weiß ich, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren. Mittlerweile ist es ganz dunkel geworden. Die Kreuzung verstört mich nun noch mehr. Ich bin zu voll mit Eindrücken.
Im Kombini in der Nähe der Wohnung kaufe ich mir einen Reissnack und eine Creme Brulé. Auf dem Bett sitzend fange ich an mit den Bildern.