2011年11月21日

Der Wecker klingelt um halb neun, ich habe sieben Stunden geschlafen und bilde mir ein, dem Jetlag entkommen zu sein. Ich bin alleine in der Wohnung. Das Bad ist ein winziger rechteckiger Raum, in dem alles aus einem beigen Plastikguss zu sein scheint, und erinnert mich an eine Zugtoilette. Das Wasser für Dusche und Waschbecken kommt aus der gleichen Mischbatterie. Je nach dem, wohin es fließen soll, bewegt man einen Hebel in die entsprechende Richtung, als betätigte man eine Weiche.

Mein Föhn geht – vermutlich ist es der anderen Spannung geschuldet – fast in die Knie und ich benötige eine Viertelstunde, um meine Haare zu trocknen. Auf dem Weg zur U-Bahn kaufe ich mir erneut Eiersandwiches und grünen Tee. Mit der Yamanote-Line fahre ich in den Südosten der Stadt bis Shimbashi. Von dort aus fährt die Yurikamome-Line – eine automatische Elektrobahn, die ohne Fahrer auskommt – nach Odaiba. Ich löse vorsichtshalber ein Tagesticket, um mich auf dem laut Reisführer großzügig angelegten Areal frei fortbewegen zu können. Odaiba ist ein im Meer künstlich angelegter Stadtteil mit Museen, Hotels, Firmen, einem Schwimmbad, einer Arcade-Halle, einem Riesenrad undsoweiter.

Schon die Fahrt dorthin ist unglaublich. Es ist, als würde man in einem Vergnügungspark mit einer dieser Bahnen für Rentner fahren, in denen man gemütlich dasitzt und in Ruhe die Dinge um sich herum betrachten kann. In meinem Fall handelt es sich um die Skyline Tokios, um die großzügig verteilten Gebäude in Odaiba, um den Horizont, den Himmel!

An der Haltestelle Odaiba steige ich aus und gehe einfach los. Während gestern die Hochhäuser von Shinjuku ganz dicht beieinander standen, ist es hier nun genau umgekehrt. Ich mache einen langen Spaziergang, auf dem mir wieder einmal so gut wie niemand begegnet. Alles wirkt wie ausgestorben. Am Wochenende ist es vermutlich sehr voll, doch nun erscheinen mir die angelegten Wege und Parks grotesk und erneut fühle ich mich wie der letzte Mensch auf der Welt.
Wenn ich jetzt in Ohnmacht falle, bleibe ich hier für immer liegen, denke ich. Da begegnet mir ein Mann von der Straßenreinigung, der mit einer Zange Müll aufhebt. Wie überall ist es auch hier vollkommen sauber. Nichts liegt auf den Straßen und Wegen – obwohl es wenige öffentliche Mülleimer gibt. Vermutlich nehmen die Menschen ihren Abfall einfach mit nach Hause und entsorgen ihn dort.

Ich will zum Miraikan, dem Museum für Technik- und Wissenschaft, und kaum bin ich dort, wimmelt es vor Menschen, hauptsächlich kleinen Kindern, die Schuluniformen tragen. Das Museum ist riesig und erklärt über mehrere Etagen verteilt alles: vom menschlichen Gehirn über die Raumfahrt, Nanotechnik, medizinische Forschung bis hin zu Computern – es gibt sogar ein Modell vom Internet, bei dem man mit Hilfe von Kugeln, die durch eine Bahn geschleust werden, ein Zeichen, das man vorher ausgewählt hat, an eine andere Stelle übermitteln kann. Fast alles ist interaktiv und es gibt sehr viele Angestellte, die überall Aktionen betreuen.

Die vielen Kinder strengen mich an. Deshalb bin ich viel zu früh fertig und habe noch fast eine Stunde Zeit, bis der Planetariumsfilm beginnt, der in der obersten Etage unter einer großen Kuppel gezeigt wird, und für den ich vorher ein kostenloses Ticket gelöst habe. So verlasse ich das Museum und besteige noch einmal die Yurikamome, setze mich ganz vorne ans Fenster, wo im Gegensatz zu normalen Zügen kein Fahrer sitzt, und lasse mich bis zur Endstation tragen.
Es ist so wunderschön! Mal abgesehen von meinen Kopfschmerzen, die vermutlich von meinem Kopfkissen herrühren: ein hartes Schaumgummibrikett in Seifenform, das in regelmäßigen Abständen von Löchern durchsetzt ist.

Später steige ich wieder beim Museum aus und lege mich dort unter ein simuliertes Himmelszelt, um etwas über die Farbe von Sterne zu erfahren. Ich hätte mir denken können, dass meine Hauptaufmerksamkeit den Anstrengungen, bloß nicht einzuschlafen, gelten würde. Vom vielen Augenaufreißen werden diese so trocken, dass ich fast meine Kontaktlinsen verliere.

Zurück in Shimbashi fahre ich mit der Yamanote-Line nach Akihabara; ein Stadtteil, in dem primär Elektronik verkauft wird. Ich habe dort eine Mission zu erfüllen: Ich soll in diesem diesem Laden das Computerspiel Densha de Go! für den Gameboy kaufen. Zwar gibt es eine Bilderstrecke, die den Weg zum Laden erklärt, und das Bild vom Eingang sowie den Ausschnitt von Google Maps habe ich mir zur Sicherheit abfotografiert. In Anbetracht der vielen Geschäfte – und fehlenden Straßennamen – ist es allerdings unmöglich, sich an die Karte zu halten. So gehe ich einfach umher und vergleiche die Eingänge mit dem Foto.

Bereits nach fünf Minuten stehe ich wirklich davor!

Über mehrere Etagen verteilt gibt es gefühlt alle Computerspiele und -konsolen der Welt in gebraucht, sowie dazugehörige Maskottchen und Gimmicks. Das Mädchen an der Kasse guckt für mich nach dem Gesuchten, doch es ist nicht da! Der Ersatzauftrag lautet, einfach irgendein billiges, lustig und möglichst japanisch aussehendes Spiel mitzubringen. Die günstigsten kosten ja gerade mal einen Euro.
Nach einer halben Stunde stehe ich wieder auf der Straße und lasse mich treiben. An allen Ecken stehen junge Mädchen in Manga-Zimmermädchenkleidchen. Sie tragen Overknees und High Heels und es fällt mir schwer, hier nicht ständig an einen Straßenstrich zu denken. Dabei verteilen sie doch nur Flyer für die umliegenden Geschäfte und gucken grimmig als ich sie fotografieren möchte.

Ich erinnere mich noch an Automaten auf der Kirmes, Glaskästen in denen sinnlose Dinge, beispielsweise Plüschtiere liegen. Mit Hilfe eines Greifarms, den man in zwei Richtungen steuern kann, hat man die Möglichkeit, etwas davon zu fassen und zu gewinnen. Hier stehe ich vor einem Gebäude, in dem über viele Etagen verteilt ausschließlich solche Kästen stehen! Zu gewinnen gibt es Plüschtiere, Süßigkeiten, die unterschiedlichsten Mangafiguren, Handtücher, Kissen, Schmuck. Ich verspiele 200 Yen und gewinne selbstverständlich nichts. Unten am Eingang haut ein Junge mit Plastik-Drumsticks auf eine Trommel ein. Damit steuert er ein Computerspiel – ich erinnere mich, dass jemand in Lost in Translation irritiert solch einem Spieler zuschaut und nun mache ich versehentlich genau das Gleiche.

Als ich an einer Pachinko-Halle vorbeikomme, gehe ich hinein und setze mich vor einen der Automaten. Es ist relativ leer und eine Frau bringt mir ein englisches Erklärungsblatt. Dennoch wird mir nicht klar, um was es geht. Man kann nur mit Scheinen bezahlen. So muss ich sofort 1.000 Yen investieren – etwa zehn Euro. Das Auffangbecken unter dem Automat wird mit Stahlkugeln gefüllt und ich muss einen Knopf drücken, damit sie ins Spiel gebracht werden. Anschließend werden sie nach oben transportiert und fallen dort hinab, um im Gewirr von kleinen Stangen durch die Gegend geworfen zu werden. Rechts befindet sich ein Drehknauf, den ich – warum auch immer – gedreht halten muss. Egal wie ich ihn bewege, an der Spielsituation ändert sich nichts. Wenn ich Glück habe, fällt eine Kugel in ein bestimmtes Loch und wieder in das Auffangbecken. In der Mitte des Spiels befindet sich zudem ein Monitor, auf dem Karten und Tiere umherfliegen oder rotieren und die ab und an stehen bleiben.
Nach zwei Minuten ist alles vorbei. Das Geld ist weg und ich habe vier Kugeln gewonnen, die ich innerhalb von drei Sekunden verspiele. Mir ist völlig unklar, wie die Menschen um mich herum auf diese Weise so viele Kugeln gewonnen haben, dass sie sie in Plastikschubern sammeln, welche hinter ihren Stühlen gestapelt werden. Es muss mit dem Spiel auf dem Monitor zusammenhängen, das ich nicht verstehe. Verwirrt und ein wenig enttäuscht gehe ich wieder nach draußen und zum Bahnhof.

In der Nähe vom Appartment möchte ich etwas essen. Hier sind viele kleine von Restaurants gesäumte Straßen. Vor manchen befinden sich hässliche Plastikatrappen der angebotenen Gerichten, doch bei den meisten weiß ich nicht, was es dort zu essen gibt und hineinschauen kann man auch nicht. Über einem Eingang steht Udon. Das sind Nudeln, die ich kenne, und deshalb gehe ich dort hinein.

In dem schmalen, langgezogenen Raum befindet sich lediglich eine Theke mit Hockern, hinter der die Köchin steht. Nur eine Frau sitzt da und isst. Ich setze mich hin, deute auf eines der beiden Suppenbilder, die über der Theke hängen und warte. Währenddessen bietet mir die Frau Bier an, das sie für mich in einen kleinen Aluminiumbecher schüttet, und spricht mit mir in gebrochenem Englisch. Weil ich nun Bier trinken, stellt mir die Köchin zusätzlich zur Suppe noch frittierten Tintenfischtentakel hin. Sie sehen ein wenig aus wie diese Spiralmuscheln, die ich als Kind am Strand immer am liebsten gefunden habe.

Es dauert nicht lange und ich halte meine erste japanische Visitenkarten in Händen. Ich kann nichts drauf erkennen, bin aber froh, dass ich auch welche von der Arbeit dabei habe. Ich brauche sie so gut wie nie und nun ausgerechnet im Urlaub… Vielleicht kommt sie in der Sammlung der Frau einen besonderen Platz. Sie arbeitet in Tokio für die Regierung von Nikko und will mich unbedingt dazu überreden, dort mit dem Schnellzug für einen Tagesausflug hinzufahren. Ich sage ihr, dass ich erst einmal nach Kyoto fahren werde. Die Frau hat zum Bier Nüsschen bekommen, von denen sich mich probieren lässt. Sie sind grünlich und weich, fast ein wenig gallertartig. Auf ihrem Minnicomputer in Nintendo-DS-Größe schaut die Frau nach, wie die Nüsse auf Englisch heißen. Es ist Gingko – und ich dachte bis dahin, das gäbe es nur als Baum mit Blättern. Meine Suppe schmeckt mäßig: zu viel Sojasoße, verkochtes Gemüse.

Als ich in der Wohnung ankomme, ist diese voller Menschen: Joana hat unangekündigten Besuch von zwei Freundinnen und ihrem Bruder bekommen. Dies alles hängt zusammen mit einer noch streng geheimen Werbekampagne von Coca-Cola. In dem Land, aus dem Joana kommt, ist eine virale Online-Aktion plant, bei der Filme vom Menschen gezeigt werden, die von Coca-Cola überrascht und glücklich gemacht wurden. Bei Joana hat das wirklich geklappt.
Mit ihrem Bruder Joao verabrede ich mich für den kommenden Nachmittag. Endlich einmal nicht alleine durch die Straßen gehen.