2011年11月21日

Der Wecker klingelt um halb neun, ich habe sieben Stunden geschlafen und bilde mir ein, dem Jetlag entkommen zu sein. Ich bin alleine in der Wohnung. Das Bad ist ein winziger rechteckiger Raum, in dem alles aus einem beigen Plastikguss zu sein scheint, und erinnert mich an eine Zugtoilette. Das Wasser für Dusche und Waschbecken kommt aus der gleichen Mischbatterie. Je nach dem, wohin es fließen soll, bewegt man einen Hebel in die entsprechende Richtung, als betätigte man eine Weiche.

Mein Föhn geht – vermutlich ist es der anderen Spannung geschuldet – fast in die Knie und ich benötige eine Viertelstunde, um meine Haare zu trocknen. Auf dem Weg zur U-Bahn kaufe ich mir erneut Eiersandwiches und grünen Tee. Mit der Yamanote-Line fahre ich in den Südosten der Stadt bis Shimbashi. Von dort aus fährt die Yurikamome-Line – eine automatische Elektrobahn, die ohne Fahrer auskommt – nach Odaiba. Ich löse vorsichtshalber ein Tagesticket, um mich auf dem laut Reisführer großzügig angelegten Areal frei fortbewegen zu können. Odaiba ist ein im Meer künstlich angelegter Stadtteil mit Museen, Hotels, Firmen, einem Schwimmbad, einer Arcade-Halle, einem Riesenrad undsoweiter.

Schon die Fahrt dorthin ist unglaublich. Es ist, als würde man in einem Vergnügungspark mit einer dieser Bahnen für Rentner fahren, in denen man gemütlich dasitzt und in Ruhe die Dinge um sich herum betrachten kann. In meinem Fall handelt es sich um die Skyline Tokios, um die großzügig verteilten Gebäude in Odaiba, um den Horizont, den Himmel!

An der Haltestelle Odaiba steige ich aus und gehe einfach los. Während gestern die Hochhäuser von Shinjuku ganz dicht beieinander standen, ist es hier nun genau umgekehrt. Ich mache einen langen Spaziergang, auf dem mir wieder einmal so gut wie niemand begegnet. Alles wirkt wie ausgestorben. Am Wochenende ist es vermutlich sehr voll, doch nun erscheinen mir die angelegten Wege und Parks grotesk und erneut fühle ich mich wie der letzte Mensch auf der Welt.
Wenn ich jetzt in Ohnmacht falle, bleibe ich hier für immer liegen, denke ich. Da begegnet mir ein Mann von der Straßenreinigung, der mit einer Zange Müll aufhebt. Wie überall ist es auch hier vollkommen sauber. Nichts liegt auf den Straßen und Wegen – obwohl es wenige öffentliche Mülleimer gibt. Vermutlich nehmen die Menschen ihren Abfall einfach mit nach Hause und entsorgen ihn dort.

Ich will zum Miraikan, dem Museum für Technik- und Wissenschaft, und kaum bin ich dort, wimmelt es vor Menschen, hauptsächlich kleinen Kindern, die Schuluniformen tragen. Das Museum ist riesig und erklärt über mehrere Etagen verteilt alles: vom menschlichen Gehirn über die Raumfahrt, Nanotechnik, medizinische Forschung bis hin zu Computern – es gibt sogar ein Modell vom Internet, bei dem man mit Hilfe von Kugeln, die durch eine Bahn geschleust werden, ein Zeichen, das man vorher ausgewählt hat, an eine andere Stelle übermitteln kann. Fast alles ist interaktiv und es gibt sehr viele Angestellte, die überall Aktionen betreuen.

Die vielen Kinder strengen mich an. Deshalb bin ich viel zu früh fertig und habe noch fast eine Stunde Zeit, bis der Planetariumsfilm beginnt, der in der obersten Etage unter einer großen Kuppel gezeigt wird, und für den ich vorher ein kostenloses Ticket gelöst habe. So verlasse ich das Museum und besteige noch einmal die Yurikamome, setze mich ganz vorne ans Fenster, wo im Gegensatz zu normalen Zügen kein Fahrer sitzt, und lasse mich bis zur Endstation tragen.
Es ist so wunderschön! Mal abgesehen von meinen Kopfschmerzen, die vermutlich von meinem Kopfkissen herrühren: ein hartes Schaumgummibrikett in Seifenform, das in regelmäßigen Abständen von Löchern durchsetzt ist.

Später steige ich wieder beim Museum aus und lege mich dort unter ein simuliertes Himmelszelt, um etwas über die Farbe von Sterne zu erfahren. Ich hätte mir denken können, dass meine Hauptaufmerksamkeit den Anstrengungen, bloß nicht einzuschlafen, gelten würde. Vom vielen Augenaufreißen werden diese so trocken, dass ich fast meine Kontaktlinsen verliere.

Zurück in Shimbashi fahre ich mit der Yamanote-Line nach Akihabara; ein Stadtteil, in dem primär Elektronik verkauft wird. Ich habe dort eine Mission zu erfüllen: Ich soll in diesem diesem Laden das Computerspiel Densha de Go! für den Gameboy kaufen. Zwar gibt es eine Bilderstrecke, die den Weg zum Laden erklärt, und das Bild vom Eingang sowie den Ausschnitt von Google Maps habe ich mir zur Sicherheit abfotografiert. In Anbetracht der vielen Geschäfte – und fehlenden Straßennamen – ist es allerdings unmöglich, sich an die Karte zu halten. So gehe ich einfach umher und vergleiche die Eingänge mit dem Foto.

Bereits nach fünf Minuten stehe ich wirklich davor!

Über mehrere Etagen verteilt gibt es gefühlt alle Computerspiele und -konsolen der Welt in gebraucht, sowie dazugehörige Maskottchen und Gimmicks. Das Mädchen an der Kasse guckt für mich nach dem Gesuchten, doch es ist nicht da! Der Ersatzauftrag lautet, einfach irgendein billiges, lustig und möglichst japanisch aussehendes Spiel mitzubringen. Die günstigsten kosten ja gerade mal einen Euro.
Nach einer halben Stunde stehe ich wieder auf der Straße und lasse mich treiben. An allen Ecken stehen junge Mädchen in Manga-Zimmermädchenkleidchen. Sie tragen Overknees und High Heels und es fällt mir schwer, hier nicht ständig an einen Straßenstrich zu denken. Dabei verteilen sie doch nur Flyer für die umliegenden Geschäfte und gucken grimmig als ich sie fotografieren möchte.

Ich erinnere mich noch an Automaten auf der Kirmes, Glaskästen in denen sinnlose Dinge, beispielsweise Plüschtiere liegen. Mit Hilfe eines Greifarms, den man in zwei Richtungen steuern kann, hat man die Möglichkeit, etwas davon zu fassen und zu gewinnen. Hier stehe ich vor einem Gebäude, in dem über viele Etagen verteilt ausschließlich solche Kästen stehen! Zu gewinnen gibt es Plüschtiere, Süßigkeiten, die unterschiedlichsten Mangafiguren, Handtücher, Kissen, Schmuck. Ich verspiele 200 Yen und gewinne selbstverständlich nichts. Unten am Eingang haut ein Junge mit Plastik-Drumsticks auf eine Trommel ein. Damit steuert er ein Computerspiel – ich erinnere mich, dass jemand in Lost in Translation irritiert solch einem Spieler zuschaut und nun mache ich versehentlich genau das Gleiche.

Als ich an einer Pachinko-Halle vorbeikomme, gehe ich hinein und setze mich vor einen der Automaten. Es ist relativ leer und eine Frau bringt mir ein englisches Erklärungsblatt. Dennoch wird mir nicht klar, um was es geht. Man kann nur mit Scheinen bezahlen. So muss ich sofort 1.000 Yen investieren – etwa zehn Euro. Das Auffangbecken unter dem Automat wird mit Stahlkugeln gefüllt und ich muss einen Knopf drücken, damit sie ins Spiel gebracht werden. Anschließend werden sie nach oben transportiert und fallen dort hinab, um im Gewirr von kleinen Stangen durch die Gegend geworfen zu werden. Rechts befindet sich ein Drehknauf, den ich – warum auch immer – gedreht halten muss. Egal wie ich ihn bewege, an der Spielsituation ändert sich nichts. Wenn ich Glück habe, fällt eine Kugel in ein bestimmtes Loch und wieder in das Auffangbecken. In der Mitte des Spiels befindet sich zudem ein Monitor, auf dem Karten und Tiere umherfliegen oder rotieren und die ab und an stehen bleiben.
Nach zwei Minuten ist alles vorbei. Das Geld ist weg und ich habe vier Kugeln gewonnen, die ich innerhalb von drei Sekunden verspiele. Mir ist völlig unklar, wie die Menschen um mich herum auf diese Weise so viele Kugeln gewonnen haben, dass sie sie in Plastikschubern sammeln, welche hinter ihren Stühlen gestapelt werden. Es muss mit dem Spiel auf dem Monitor zusammenhängen, das ich nicht verstehe. Verwirrt und ein wenig enttäuscht gehe ich wieder nach draußen und zum Bahnhof.

In der Nähe vom Appartment möchte ich etwas essen. Hier sind viele kleine von Restaurants gesäumte Straßen. Vor manchen befinden sich hässliche Plastikatrappen der angebotenen Gerichten, doch bei den meisten weiß ich nicht, was es dort zu essen gibt und hineinschauen kann man auch nicht. Über einem Eingang steht Udon. Das sind Nudeln, die ich kenne, und deshalb gehe ich dort hinein.

In dem schmalen, langgezogenen Raum befindet sich lediglich eine Theke mit Hockern, hinter der die Köchin steht. Nur eine Frau sitzt da und isst. Ich setze mich hin, deute auf eines der beiden Suppenbilder, die über der Theke hängen und warte. Währenddessen bietet mir die Frau Bier an, das sie für mich in einen kleinen Aluminiumbecher schüttet, und spricht mit mir in gebrochenem Englisch. Weil ich nun Bier trinken, stellt mir die Köchin zusätzlich zur Suppe noch frittierten Tintenfischtentakel hin. Sie sehen ein wenig aus wie diese Spiralmuscheln, die ich als Kind am Strand immer am liebsten gefunden habe.

Es dauert nicht lange und ich halte meine erste japanische Visitenkarten in Händen. Ich kann nichts drauf erkennen, bin aber froh, dass ich auch welche von der Arbeit dabei habe. Ich brauche sie so gut wie nie und nun ausgerechnet im Urlaub… Vielleicht kommt sie in der Sammlung der Frau einen besonderen Platz. Sie arbeitet in Tokio für die Regierung von Nikko und will mich unbedingt dazu überreden, dort mit dem Schnellzug für einen Tagesausflug hinzufahren. Ich sage ihr, dass ich erst einmal nach Kyoto fahren werde. Die Frau hat zum Bier Nüsschen bekommen, von denen sich mich probieren lässt. Sie sind grünlich und weich, fast ein wenig gallertartig. Auf ihrem Minnicomputer in Nintendo-DS-Größe schaut die Frau nach, wie die Nüsse auf Englisch heißen. Es ist Gingko – und ich dachte bis dahin, das gäbe es nur als Baum mit Blättern. Meine Suppe schmeckt mäßig: zu viel Sojasoße, verkochtes Gemüse.

Als ich in der Wohnung ankomme, ist diese voller Menschen: Joana hat unangekündigten Besuch von zwei Freundinnen und ihrem Bruder bekommen. Dies alles hängt zusammen mit einer noch streng geheimen Werbekampagne von Coca-Cola. In dem Land, aus dem Joana kommt, ist eine virale Online-Aktion plant, bei der Filme vom Menschen gezeigt werden, die von Coca-Cola überrascht und glücklich gemacht wurden. Bei Joana hat das wirklich geklappt.
Mit ihrem Bruder Joao verabrede ich mich für den kommenden Nachmittag. Endlich einmal nicht alleine durch die Straßen gehen.

2011年11月20日

Ich bin bereits gegen fünf Uhr wach. Die Wohnung ist jedoch so hellhörig, dass ich nicht aufstehen könnte, ohne Maria und Joana zu wecken, die nebenan schlafen. Unsere Zimmer sind zum Teil lediglich durch eine Schiebetüre getrennt. Wenn dort das Macbook ein Fehlergeräusch macht, zucke ich hier zusammen, weil ich denke, mein Computer sei defekt.
Zudem ist um diese Uhrzeit am Sonntagmorgen ohnehin nichts los, nicht einmal der Fischmarkt ist geöffnet.

Ich lese und döse, um halb acht stehe ich endlich auf. Später macht mir Maria einen starken Kaffee, gibt mir Ratschläge für die Tagesgestaltung und erklärt mir, dass man die Automaten der Metro-Linien auch auf Englisch umstellen kann. Nun muss ich nur noch anhand der Aushänge die Preise herausfinden und dementsprechende Tickets lösen. Versehentlich schwarzfahren kann ich ohnehin nicht, denn wenn man zu wenig gelöst hat, bezahlt man am Ausgang einfach nach. Auch hierfür gibt es Automaten. Bevor ich zur Haltestelle gehe, kaufe ich mir im Kombini – das Wort kommt vom englischen convenience store – um die Ecke eine Flasche Grünen Tee und ein Paket mit drei Tramezzini. Jedes davon ist mit einer anderer Ei-Verarbeitungsvariante belegt.

Ich nehme die Chiyoda-Line bis Kasumigaseki, steige dort um in die Marounochi-Line und fahre bis Shinjuku. Als ich auf den Bahnhofsvorplatz trete, haut mich die Wärme um und ich ziehe meinen Mantel aus. Gestern habe ich noch gefroren.
Ich blicke auf sehr viele Hochhäuser und das sonderbarste, der Cocoon-Tower, steht mir direkt gegenüber. Der Himmel ist hellblau und von weißen Wolken durchsetzt. Ich bin in einen futuristischen Breitwandfilm in Technicolor geraten.

So marschiere ich durch die Hochhauswelt. Hier sind erstaunlich wenig Menschen unterwegs und je weiter ich mich vom Bahnhof entferne, desto sonderbarer fühlt sich das Umhergehen an. In der Luft liegt ein leises Brummen. Manchmal sehe ich überhaupt niemanden und stelle mir vor, es wäre nur noch ich auf der Welt. Doch nach dem Abbiegen um die nächste Ecke sind zum Glück immer wieder Menschen zu sehen. Ich gucke mich ein wenig vorm Park Hyatt Hotel herum, weil dort Lost in Translation gedreht wurde und gehe kurz in die Lobby. Vorm Eingang befindet sich ein Ständer, in dem Besucher gegen Pfand ihre Regenschirme abschließbar aufbewahren können – wie in der Schweiz mit den Skiern, denke ich.

Als ich die Häuser hinter mir lasse, betrete ich den Shinjuku Central Park und gehe in Richtung Schrein. Vereinzelt sitzen Obdachlose auf den Bänken oder unter Regenschirmen auf dem Rasen. Weiter hinten gibt es eine kleine Siedlung von Hütten aus Kanistern und blauen Müllsäcken. In Deutschland wäre dies undenkbar.
Der Schrein ist unspektakulär. Auf dem Hof davor werden kleine Jungs im Samurai-Kostüm professionell fotografiert. Als ich den Schrein betrete und mein Telefon zücke, werde ich unfreundlich hinaus gebeten. Geschieht mir recht.

Später lungere ich noch in der Bahnhofsgegend herum. Jedes Mal, wenn ich nur ein wenig weitergehe, tut sich bereits an der nächsten Kreuzung ein neuer Blick auf noch mehr Häuser und noch mehr Menschen auf. Alles scheint kreuz und quer gebaut. Es gibt keine erkennbar festgelegten Höhen, Ausrichtungen, Stile.

Mit der Yamanote-Line, der Ringbahn von Tokio, will ich weiter nach Harajuku. Der Bahnhof von Shinjuku ist einer der größten der Welt und so stehe ich noch vor den Ticketschleusen inmitten von unglaublich vielen umhereilenden Menschen und versuche, dem Schildermeer einen Hinweis abzutrotzen – immerhin gibt es ab und an ja sogar lateinische Buchstaben. Vergeblich suche ich nach der Yamanote-Line und stelle mich lachend an eine Säule, weil nun genau die Situation eingetreten ist, vor der ich mich zuhause etwas gefürchtet hatte. Es ist zwar ein wenig anstrengend, aber nicht schlimm und ich gucke gestrandet den Menschen zu. Irgendwann entdecke ich eine Tafel, auf der das Gleis für meine Linie steht und löse ein Ticket.

In Harajuku gehe ich direkt vom Bahnhof in die Takeshita-Dori, eine enge Einkaufstraße, in der es Kleidung und Accessoires gibt und nichts davon scheint unauffällig zu sein. Vor den Läden stehen überzogen zurechtgemachte junge Menschen, die wie Marktschreier das Angebot der Läden bewerben. Oft halten sie dabei beide Hände wie einen Trichter vor den Mund, denn es ist schwierig zu den Passenten durchzudringen, wird doch in jedem Laden eine andere Musik gespielt, die ebenfalls über die Straße schallt. Wie ferngesteuert lasse ich mich durch das ganze Viertel treiben, denn in meinem Kopf brummt die Müdigkeit. Am Rand der Hauptstraße angekommen, wo die teueren Boutiquen beginnen, setze ich mich zwischendurch erschöpft auf eine Bank und gucke.

Die asiatischen Mädchen kleiden sich entweder im Manga-Emo-Stil, oder im Manga-Französisches-Braves-Mädchen-Stil. Viele tragen Haarreifen mit Schleifen, Blusen mit Schleifen, Schuhe mit Schleifen – nicht selten mit sehr hohen Absätzen. Die meisten Japanerinnen wirken – ähnlich den Italienerinnen – sehr adrett und eigenartig erhaben. Ich muss an die vielen Menschen auf dem Alexanderplatz denken, die so ganz anders sind.

Hinterm Bahnhof beginnt ein riesiger Park, fast schon ein Wald, in dem sich der Meiji-Schrein befindet. Gemeinsam mit vielen Japanern betrete ich den beinahe zehn Meter breiten Kiesweg, durchquere den ersten Holztorbogen und spaziere mit knirschenden Schritten durch die gezähmte Natur. Einige Frauen im Kimono tippeln mit ihren Zehenschuhen langsam vor sich hin. Sie haben einen beschwerlichen, langen Weg vor sich.

Kurz vorm Schrein befindet sich ein Brunnen, an dem die Menschen mit hölzernen Kellen Wasser auffangen, sich damit erst die Hände waschen, dann das Wasser in eine Hand schütten, daraus trinken und so auch den Mund reinigen. Dann geht es durch ein hölzernes Tor zum Schrein. Man muss anschließend allerdings erst einen großen Platz überqueren, bis man wirklich dort ist. An der Absperrung werfen die Menschen Geld in Holzbehälter, beten und klatschen immer mal wieder in die Hände und deuten eine Verneigung an. Ich habe aus Respekt das Reinigungsritual nachgemacht – hier lasse ich es aus dem gleichen Grund lieber bleiben.

Auf dem Platz steht ein angeblich magischer Baum, um den ein Holzzaun gebaut wurde, an den man Brettchen hängen kann, auf die man vorher seine Wünsche und Gebete geschrieben hat. Die meisten sind auf Japanisch verfasst, aber ich sehe auch ein paar englische und französische Begehrlichkeiten – gute Schulnoten, Gesundheit, Weltfrieden undsoweiter. Das Ganze kostet fünf Euro, und auch die Glücksbringer für allerlei unterschiedliche Gelegenheiten, die an Holzständen verkauft werden kosten relativ viel Geld. Als ich mich ganz hinten zum Ausruhen ein wenig hinsetze, kommt eine Hochzeitsgesellschaft vorbei, weil hier ja schließlich kein Lost-in-Translation-Klischee ausgelassen werden darf. Es wird Zeit, auf dem Waldweg zurückzuknirschen.

Ich kaufe mir im Kombini am Bahnhof einen Snack mit Fisch. Es gibt in diesen Läden immer ein ganzes Regal voll mit unterschiedlichen Talern und Bällchen aus Reis, mit und ohne Fisch, manchmal in Seetang eingewickelt, manchmal in Sesam gewälzt und niemals wird man als Nichtjapaner erfahren, aus welchen Zutaten sich die einzelnen Snacks tatsächlich zusammensetzen. Dieser hier schmeckt toll.

Ich gehe über die Jingu-Brücke in Richtung Yoyogi Park. Auf der Brücke stehen drei Jugendliche und halten Free-Hugs-Schilder in die Höhe, winken und rufen die Passenten herbei. Weil ich mir vor geraumer Zeit vorgenommen habe, ganz viele Sachen zu machen, die ich früher nicht getan hätte – erst kürzlich habe ich beispielsweise in einem Berliner Karaoke-Laden ganz alleine vor sehr vielen mir unbekannten Menschen ein Lied gesungen – und weil ich mich ein wenig einsam fühle, gehe ich hin und lasse mich von jedem ein Mal umarmen.

Am Eingang des Yoyogi-Parks läuft laute Rockabilly-Musik und abgehalfterte Teds tanzen über den ganzen Platz verteilt dazu Twist. Manche tragen Lederwesten, auf deren Rücken in weißer Schrift ihr Gang-Name steht: The Lebels. Mit L! Als das Lied zu Ende ist, rotten sie sich biertrinkend am Wegrand zusammen und ein paar Groupies versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Ich gehe weiter und erneut haben drei Jungendliche – unter anderem ein Manga-Mädchen – Free-Hugs-Schilder und winken mich zu sich. Dieses Mal umarmen wir uns als Gruppe und alle drei kreischen, weil ich eine der Wenigen bin, die mitmacht.

Vor einem Baum zucken zwei schlecht gekleidete Cosplayer zu total verrückter Musik herum. Zuerst denke ich, sie machen sich mit ihren Bewegungen über eine Gruppe anderer Menschen lustig, die direkt gegenüber von ihnen mit Stäben in den Händen nicht nachvollziehbare Meditationsbewegungen vollführen, doch die beiden Jungs haben wirklich etwas einstudiert, das offenbar nicht so recht klappt, und grimmig verziehen sie ihre Gesichter. Ich gehe schnell weiter und fotografiere noch ein paar andere Cosplayer. Es ist eigenartig, wenn man von den vielen Allgemeinplätzen, die man im Kopf hat, mit voller Wucht getroffen wird. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg in das nahe gelegene Shibuya.

Bereits nach kurzer Zeit stehe ich an der Kreuzung. Als die Fußgängerampel auf grün umstellt, gehe ich einfach mal los, überquere die Straße, stelle mich an die nächste Ampel und überquere die Kreuzung erneut. Das Ganze wiederhole ich noch zwei Mal, und immer wieder blicke ich von einer anderen Seite auf den Platz und jene Gebäude, die ich alle schon einmal gesehen habe. Im Kino, im Internet, auf Fotos. Aber keine dieser Abbildungen kann vermitteln, wie es sich anfühlt, zwischen diesen Menschenmassen zu sein, die sich über die Zebrastreifen bewegen, und zwischen all jenen Gebäuden mit ihren Neonreklamen und den vielen Leinwänden, auf denen zeitgleich unterschiedliche Werbespots mit Ton gezeigt werden und alle, außer einem selbst, scheinen das ganz normal zu finden.

Ich stehe und sitze abwechselnd auf dem Platz vor der Shibuya-Station und denke zwischendurch, dass ich es keine Sekunde länger mehr aushalte, denn mein Körper ist von der Reise und der Zeitumstellung völlig erschöpft, in mir schreit bereits einen Stimme ununterbrochen ICH KNALL GLEICH DURCH!

Als ich im Gebäude auf der anderen Straßenseite ein Starbucks-Café sehe, husche ich hinüber, kaufe mir einen Chai Latte und Christstollenkuchen (!), gehe damit in die erste Etage und finde einen Platz am Fenster, von wo aus ich eine Stunde lang auf die Kreuzung unter mir starre.
WHAT THE FUCK? denke ich ohne Unterlass über den heutigen Tag und niemand ist da, mit dem ich das teilen kann.

Später gehe ich ein wenig entspannter durch die Straßen von Shibuya. Geschäfte, Bars, Restaurants, Burgerläden. So viel Blingbling. Vor einer Spielhölle winkt ein Pandabär-Maskottchen die Menschen herein. Ich drücke auf den Türknopf, mache einen Schritt nach vorn und höre ein Geräusch wie ich es in Art und Lautstärke noch nie vernommen habe. In vielen Reihen, alle sind voll, sitzen Menschen auf kleinen Hockern vor Geräten, die blinken und in denen Metallkugeln durch die Gegend fliegen. Gleichzeitig rasen auf einem Display Abbildungen vorbei. Der ohrenbetäubende Lärm hier setzt sich zusammen aus den umhergeschleuderten Metallkugeln – es müssen Tausende sein–, den Spielautomatendudelgeräuschen, der Musik, die in der Spielhallenhölle läuft, sowie der Stimme eines Animateurs, die den Menschen ununterbrochen per Lautsprecher einheizt. Und hinter dem ersten, riesigen Raum tun sich noch weitere Räume dieser Art auf.
In allen wird Pachinka gespielt!

Mir wird auch nach konzentriertem Beobachten der Vorgänge an den Automaten nicht klar, um was es hier eigentlich geht, was zu tun ist. Ich begreife nur, dass es die Metallkugeln zu gewinnen gilt. Manche Spieler – das Durchschnittsalter scheint mir bei Mitte 30 oder höher zu liegen – haben bereits mehrere volle Plastikwannen hinter ihren Sitzen stehen. Angestellte laufen durch die Gegend und kümmern sich um die die Stapel der Behältnisse.

Als ich wieder auf der Straße stehe, weiß ich, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren. Mittlerweile ist es ganz dunkel geworden. Die Kreuzung verstört mich nun noch mehr. Ich bin zu voll mit Eindrücken.
Im Kombini in der Nähe der Wohnung kaufe ich mir einen Reissnack und eine Creme Brulé. Auf dem Bett sitzend fange ich an mit den Bildern.

2011年11月19日

Eine anhaltende Empörung darüber, dass KLM mir einen Tag in Japan gestohlen hat, indem der Flug nach Amsterdam gestrichen und der Anschlussflug somit unerreichbar wurde. Erst ein Tränenausbruch am Telefon konnte verhindern, dass daraus nicht gar drei Tage geworden sind. Der mit Angst erwartete Flug über Paris – wer je am Charles-de-Gaulle-Flughafen umsteigen musste, vermag dies nachzuvollziehen – verläuft erstaunlich reibungslos. Vom Zufall aufeinander abgestimmte Zahnräder greifen präzise ineinander und ich erscheine noch vor der Boarding Time am Gate.

Ich kann während des ganzen Fluges nicht schlafen, sitze gefangen an einem Fensterplatz, neben mir zwei kleine Japanerinnen, die ein von der Bordunterhaltung bereitgestelltes Computergame spielen oder schlafen. Meist sitzen sie mit hochgezogenen und angewinkelten Beinen da. Ich hingegen strecke gequält die Füße unter den Sitz meines Vordermanns.
Drei Stunden vor der Landung, als es schon ein wenig hell wird, schiebe ich das Verdeck des Fensters kurz nach oben. Wir fliegen über flaches Gebirge, in erodierten Mulden und Ritzen liegt Schnee. So sieht die Einsamkeit aus.

In der Ferne kann ich Lichter einer kleinen Siedlung erkennen, ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Vermutlich irgendwo über Russland. Das Boardprogramm mit den Flugdaten zeigt lediglich einen Installationsfehler in einer bestimmten Partition an.
Eine Stunde vor der Landung bekomme ich Panik. Was, wenn ich mich nicht zurechtfinde? Was, wenn das Gefühl, so weit fort und allein zu sein, nicht schwindet?

Während des Fluges schaue ich Lost in Translation, The Beaver, Melancholia, eine Folge Simpsons, eine Folge Two And A Half Men und den Anfang von The Virgin Suicides. Als Trip Fontaine die Szenerie betritt, setzen wir zur Landung an. He’s a magic man!

Bereits im Flugzeug hatte sich alles verkehrt: um mich herum s ausschließlich Japaner. Nun bin ich die, die anders ist. Als ich später in der U-Bahn stehe, alle um mich herum in ihren Alltag versunken sind, ganz so wie ich es sonst bin, wenn ich durch Berlin fahre, erscheint es mir, als befände ich mich in einer invertierten Parallelwelt.

Meine Gastgeberinnen haben mir eine Wegbeschreibung zur Wohnung geschickt. Ich frage mich durch, bekomme Tickets gekauft, weil ich die Automaten nicht entziffern und bedienen kann, folge den spärlichen Schildern, die in lateinischer Schrift verfasst sind. Auf der einen Seite verstörend und die Autonomie beschneidend, fast nichts mehr lesen zu können, so ist es auch befreiend: ein Großteil der überflüssigen Informationen fällt weg, meine Wahrnehmung ist herunter gebrochen auf Bilder.

An der Nezu-Station verlasse ich die U-Bahn, überquere die Straße und weiß genau, wo ich hin muss, weil ich mir den Weg bereits auf Google Street View angeschaut habe. Es fühlt sich vertraut an und so stört mich nicht einmal der strömende Regen, der bereits seit meiner Ankunft ohne Unterlass vom Himmel fällt. Durch große Pfützen stapfe ich die Außentreppe des Wohnblocks hinauf in den zweiten Stock, hebe die Fußmatte an, unter der der Wohnungsschlüssel liegt und schließe auf.

Als später Maria nach Hause kommt, trinken wir grünen Tee. Anschließend gehen wir nach draußen, kaufen einen durchsichtigen Plastikregenschirm für mich und schlendern gemeinsam durchs Viertel, bis wir in einem japanischen Fastfood-Restaurant sitzen. Ich bestelle irgendeine Kombination aus Bildern, die sich als Misosuppe, Kimchi sowie Reis mit fettigen Rindfleischschnipseln und Zwiebeln entpuppt. Die Vegetarierin ist in Deutschland geblieben. Ich will und werde hier – zumindest in dieser Hinsicht – alles gedankenlos essen und probieren. Maria erzählt mir, dass im Supermarkt Gemüse aus Fukushima verkauft wird. Es bleibt niemals liegen.

Draußen ist es grau, der Regen prasselt, ich habe seit über 24h nicht mehr geschlafen und gebe mich am Nachmittag geschlagen. Als ich wieder erwache, ist es halb acht und Joana kommt nach Hause.
Morgen werde ich sehr früh aufstehen.
Es regnet immer noch.