2015年9月23日 – チキン – chikkin

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Heute fahre ich in den Nordosten der Stadt. Als ich zum ersten Mal in Tokio war, habe ich in der Nähe der U-Bahnhaltestelle Nezu gewohnt. Dort steige ich nun aus und erwische auf Anhieb den richtigen Ausgang. Die kleine Bücherei, die funktioniert, ohne dass jemand auf sie aufpasst, ist immer noch da. Zuerst gehe ich zu der Airbnb-Wohnung von damals. Ich weiß, dass Maria längst irgendwo in Südamerika wohnt, deshalb klingele ich nicht. Doch ich stehe eine Weile vor dem Haus und erinnere mich daran, welche ich war vor vier Jahren. Ich bin viel mutiger geworden und gebe nicht mehr so schnell auf.

Hier befindet sich auch ein Restaurant, in dem Saori, die nun in Berlin lebt, ihre Jugend verbracht hat. Deshalb gehe ich durch die Straße, die ich vor vier Jahren jeden Tag entlang lief. Es hat sich nicht viel verändert – außer meinem Blick. Ich merke erst jetzt, wie ruhig, gemütlich und schön es hier ist. Das Restaurant selbst liegt an einer Straße, die ich nicht kenne. Auf der linken Seite befinden sich Friedhöfe, mehrere Schreine und ich wundere mich, warum ich hier nie war. Dabei hatte ich seinerzeit lediglich elf Tage und es war mein erstes Mal in Japan. Leider ist das Restaurant geschlossen. Ich bin enttäuscht. So gerne hätte ich etwas über Saoris Leben hier erfahren. Und ich hätte gerne das Gesicht des Wirtes gesehen, wenn ich ihre Grüße ausgerichtet hätte.

Ich schlendere in Richtung Uneo-Park, der ganz in der Nähe ist. Hier war ich oft, denn es ist sehr schön dort, selbst wenn es so voll ist wie heute. Ich passiere einen Schrein, mache Halt vor einer Japanerin, die auf der Orgel spielt und dazu melancholische Lieder singt, lasse mich treiben und sehe mir die Menschen an. Am Bahnhof betrachte ich die Skyline. Dann schaue ich den Schienen hinterher. Sie sind gesäumt von vielstöckigen Gebäuden. An allen hängen jene typischen hochkant in die Länge gezogenen, schmalen Schilder, die bewerben, was sich im Inneren des Gebäudes befindet. Ich liebe diesen Anblick und er wird mir sehr fehlen.

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Da das Restaurant vorhin geschlossen hatte, fahre ich nach Ebisu, um ein Café aufzusuchen, das mir Saori ebenfalls empfohlen hat – zumal man dort Mittags auch essen kann. Die Karte ist nur auf Japanisch geschrieben. Es gibt keine Bilder, doch weil ich das Wort チキン – chikkin – chicken lesen kann, bestelle ich einfach das Gericht, in dem das Wort vorkommt. Mir wird ein großartiges Curry serviert, zu dem es sogar einen Salat gibt. Während ich die knackigen Blätter esse, merke ich, wie sehr mir frisches Gemüse fehlt. Ich ernähre mich zwar meist von leckeren Dingen, aber gesund und tatsächlich frisch sind sie nicht.

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Später fahre ich nach Shinjuku, um ich mit Anthony zu treffen, den ich von Twitter kenne. Er ist Australier, lebt aber schon seit acht Jahren hier und arbeitet als Übersetzer. Wie sich herausstellt, folgt er auf Twitter so vielen Menschen, dass er schonmal den Überblick verliert – und hielt mich bis zu unserer Begegnung für einen schwulen Typen aus Berlin.
I am so sorry, sage ich lachend und wir gehen zuerst in ein Café, wo ich mit ihm über das Leben hier als Ausländer spreche. Ich möchte zum Beispiel wissen, wie seine Erfahrungen mit Alltagsrassismus sind. Mal abgesehen davon, dass die Menschen in der Bahn manchmal wegrücken, hat man hier als weißer Mensch ein gutes Leben. So sei ihm noch nie Gewalt widerfahren, selbst Bösartigkeiten wurden ihm in all den Jahren nur ein einziges Mal hinterher gerufen.

Ich fand es interessant zu hören, dass Anthony eine Zeitlang versucht hat, sich hier völlig anzupassen, aber irgendwann merkte, dass das nicht geht. Als weiße Person fällt man hier immer auf, egal wie sehr man sich darum bemüht, es nicht zu tun. Dann gib ihnen wenigstens einen guten Grund zu gucken!, sagt Anthony. So ähnlich dachte ich auch schon, denn letztes Jahr, als mein Haar noch nicht rosa war und die Farbe meiner Kleidung nicht so klar gesetzt, fühlte es sich weniger gut an, überall angeschaut zu werden.

Ich bin mir bewusst, dass es mir hier selbst als Teil einer Minderheit sehr gut geht. Meine Erfahrungen hier sind in keinster Weise mit denen von Menschen zu vergleichen, die in Deutschland wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft diskriminiert werden und in diesem Zusammenhang womöglich sogar Gewalt erfahren und / oder in ständiger Angst vor Gewalt leben.

 
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Bevor wir uns mit ein paar anderen treffen, gehen wir noch schnell in eine Buchhandlung, wo Anthony mir ein Buch zeigt, mit dem ich vielleicht einfacher Kanji lernen kann. Anschließend suchen wir gemeinsam mit Justin, sowie Wataru und seiner Freundin Hannah eine Izakaya auf. Alle leben in Tokio, doch getroffen haben sie sich vorher noch nie. Die einzige Verbindung ist Twitter.

Ich mag den Abend sehr. Er ist wegen der vielen Gäste laut, wir sprechen die ganze Zeit Englisch, ich muss mich nicht einmal konzentrieren beim Reden. Alle begrüßen das Abenteuer, das ich nächstes Jahr vor mir habe und machen mir Mut. Die drei, die bereits in Berlin waren, seufzen und bekunden ihren Wunsch, dort noch einmal hinzukommen oder am besten gleich dort zu leben. Da ist es wieder, das grüne Gras auf der anderen Seite und spendet mir ein wenig Trost hinsichtlich meiner Abreise am Samstag.

In der Unterführung des Bahnhofs umarmen wir einander. See you in May! sagen wir.

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