2015年9月24日 – おいしい毎日 – oishii mainichi

Ich sehne mir eine Auszeit herbei. Nicht vorm Hiersein, sondern von dem Druck, der mit dem Touristinnen-Dasein einhergeht. Ich benötige eigentlich viel Zeit für mich, ohne Ansprüche oder Anforderungen von außen. Zwar vertrödele ich hier so manchen Vormittag, doch mir fehlt ein Tag im Bett oder auf dem Sofa, den ich ausschließlich mit eskapistischen Handlungen verbringe: Lesen, Filmeschauen, Schlafen. Dies alles könnte ich hier zwar auch tun, jedoch nicht ohne schlechtes Gewissen: Ich bin ja nur zu Besuch da. Nutze den Tag! Schlafen kann ich auch zuhause. Undsoweiterundsofort.

Hinzu kommt, dass ich jenes wehmütige Gefühl nicht erleben möchte, das sich von heute an wie ein Filter langsam über meine Wahrnehmung stülpen und dort bleiben wird, bis sich die Enge in der Brust mit dem Abheben des Flugzeugs am Samstagmorgen verflüchtigt.

Anstatt heute also einen letzten großen Tag unterwegs zu verbringen, bevor der Rail Pass abgelaufen ist – eigentlich wollte ich nach Nikko – schaffe ich es nur in die angrenzenden Stadtteile. Ich streife durch Geschäfte, gehe essen, kaufe Geschenke.

 
02

In einem Second-Hand-Buchladen finde ich auf Anhieb einen kleinen Schatz. Weil ich ausnahmsweise lesen kann, was auf dem Buchrücken steht – おいしい毎日 – oishii mainichi – lecker jeden Tag – greife ich nach dem Buch, das ansonsten unauffällig zwischen all den anderen steht. Es ist voller Kochrezepte und jedes ist mit wundervollen, kleinen Illustrationen versehen! Ich kann mein Glück kaum fassen, zumal das Buch beinahe nichts kostet. Eine zusätzliche Freude bereitet mir das Lesezeichen, das ich zwischen den Rezepten finde.

*

Eigentlich bin ich abends mit Toshiyuki zum Essen verabredet, aber wir kommunizieren morgens aneinander vorbei. Erst am Nachmittag fällt mir unser Missverständnis auf, doch da ist es bereits zu spät. Bis nächstes Jahr, wenn mein Japanisch besser ist, schreibe ich. Okay, ich warte, antwortet er. So verbringe ich stattdessen mehrere Stunden lernend in einem Café, wo ich es heute bei meiner Bestellung erstmals geschafft habe, alle eigentlich aus dem Englischen stammenden Worte so auszusprechen, dass ich sofort verstanden werde.

*

Zurück in der Wohnung gucke ich Fernsehen. Beinahe jede abendliche Sendung ist hier eine Art Show. Es werden ständig Einspieler gezeigt und dabei die Köpfe der Gäste oder Moderierenden eingeblendet, die die Einspieler ebenfalls sehen.

Ich schaue YOU 何しに日本に来た? – YOU nanshini nihon ni kita? – Warum bist DU nach Japan gekommen? In der Sendung werden Reisende aus dem Ausland am Flughafen abgepasst, denen man ebendiese Frage stellt – Benedict Cumberbatch ist auch darunter. Einige werden daraufhin mit der Kamera begleitet. Ich bin neidisch, weil manche der Interviewten so gut Japanisch sprechen. Generell verstehe ich aber mehr als sonst. Vielleicht fällt mir auch das Mitlesen schon etwas leichter – denn viele dieser Sendungen sind untertitelt. So ergeben sich für mich also bereits Hausaufgaben für die nächsten sieben Monate.

Ich hoffe, das TV-Team steht im kommenden Mai nicht am Flughafen.