2015年9月21日 – 春画 – shunga

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Shunga (jap. 春画, Frühlingsbilder) ist der japanische Begriff für Gemälde, Drucke und Bilder jeder Art, die in expliziter Weise sexuelle Handlungen darstellen.

Mittags treffe ich mich am Bahnhof Mejiro mit Wataru und Izumi. Wir wollen gemeinsam in die frisch eröffnete Shunga-Ausstellung gehen. (Weiter unten auf der verlinkten Seite sind viele Bilder zu sehen.)

Ich gehe davon aus, dass es voll wird, denn gerade ist シルバーウィーク – shirubaa wiiku – silver week – Silberne Woche. Das bedeutet: drei Feiertage am Stück. Heute einer zu Ehren der älteren Bevölkerung. Der morgige Dienstag ist jedoch lediglich ein Brückentag. (Es gibt auch noch die Golden Week, bei der sich noch mehr freie Tage aneinander reihen.)

Zum Glück müssen wir nicht anstehen, aber in den Ausstellungsräumen braucht es dennoch sehr viel Geduld, überhaupt Blicke auf die verschiedenen Bilder werfen zu können. An allen Vitrinen schieben sich in sehr langsamer Geschwindigkeit Menschenmassen vorbei. Das ist schade, denn gerne wäre ich hier, ähnlich wie bei der Holzdruck-Ausstellung vor fast zwei Wochen, in den einzelnen Darstellungen versunken. Stattdessen stehe ich dicht gedrängt neben vielen anderen Menschen vor den Werken. Vor allem Männer zücken ihre Lupen, andere dünsten Alkohol, Schweiß und Knoblauch aus und die Klimaanlage arbeitet sich nur mühsam durch die dicke Luft.

Was mir auffällt: die Haut der dargestellten Personen ist meist hell und glatt, ihre Geschlechtsorgane sind jedoch akribisch, feinteilig und rosa oder rot dargestellt. Die Penisse und Vulven wirken manchmal geradezu riesig im Vergleich zum Rest der Körper. Ob die Leute, die hier sind, moderne pornographische Kunst auch so entspannt und offen betrachteten? Ich vermute nicht.

Wataru und Izumi haben weniger Geduld als ich und warten bereits vor dem Ausgang, als ich wieder an die frische Luft trete.

 
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Den Rest des Tages verbringe ich damit, in Cafés zu sitzen. Im ersten sind wir noch zu dritt. Ich verstehe wenig von dem, was die beiden sprechen. Manchmal reden sie über mich. So will Izumi beispielsweise wissen, warum ich so gute Haut habe! Etwas, worüber ich noch nie nachgedacht und so auch noch nie so empfunden habe. Ich beneide sie hingegen um ihr dickes, glattes Haar und ihre atemberaubende Figur. Das Gras auf der anderen Seite ist heute offenbar besonders grün.

Später fahren Wataru und ich nach Harajuku. Es ist so unglaublich voll. Fast vor jedem Restaurant, jedem Stand, an dem Essen verkauft wird, stehen geduldig Menschen an. Wir suchen ein Bio-Café auf, das zum Glück etwas leerer ist und mich ein wenig an daheim erinnert: es gibt gebrauchte Sofas, Plattenspieler und Glasflaschen mit altmodischen Verschlüssen. Ich esse Ojiya, eine Art Risotto. Man kann unter verschiedenen Geschmacksrichtungen und Toppings wählen und es ist ziemlich lecker. Gemeinsam sitzen wir anschließend da und lernen – Wataru Physik, ich Japanisch. Es ist wunderbar gemütlich und schön, hier in einer Art Alltag zu versinken und dabei nicht einmal alleine zu sein.

Am Abend trennen wir uns, ich kaufe Andenken und setze mich alleine in das dritte Café, um noch ein wenig zu lernen. Ich könnte dies auch in Terukos Wohnzimmer tun, doch das Zuhausebleiben hebe ich mir für den Winter in Berlin auf.

PS:

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Du erinnerst mich an Totoro, sagt Wataru, als er mir das Bild schickt. Ich finde außerdem, dass es aussieht, als hielte Izumi ein Kätzchen im Arm.

2015年9月20日 – 駅 – eki

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Ich stehe völlig übermüdet schon um sieben Uhr morgens auf – das ist wirklich nicht meine Uhrzeit–, um nach Kawaguchiko zu fahren. Der Ort liegt am Fuß des Fujis und es gibt dort mehrere Seen, von denen aus man mit viel Glück den Berg sehen kann.

Als ich bereits aus dem Haus gegangen bin, merke ich, dass ich mein Telefon vergessen habe und gehe wieder zurück, um es zu holen. Noch liege ich gut in der Zeit.

Nachdem ich die erste Etappe mit dem Zug hinter mich gebracht habe und mir am 駅 – eki – Bahnhof endlich Kaffee und etwas zu essen kaufen möchte, merke ich an der Kasse, dass ich meinen Geldbeutel vergessen habe und kehre missmutig zurück. So verpasse ich den nächsten Zug, der bis nach Kawaguchiko durchfährt.

Auf dem Rückweg wird in Nakano, das ist nur eine Haltestelle vor meiner, der Zug überraschend zu einem anderen Zug und fährt deshalb nicht zu meinem Bahnhof. Ich muss an der nächsten Haltestelle aussteigen, um wieder nach Nakano zurück zu fahren. Dort nehme ich beinahe erneut den falschen Zug, da er sich nicht wirklich von meinem unterscheidet.

Zuhause hole ich den Geldbeutel und fahre wieder zum ersten Bahnhof. Dieses Mal habe ich bereits gegessen und Kaffee getrunken. Als ich in den nächsten Zug einsteige, ist dieser voll und ich muss über eine Stunde lang inmitten vieler Menschen stehen.

Im nächsten Zug, der mich dann nach Kawaguchiko bringt, kann ich zum Glück sitzen. Dass ich so unfassbar müde bin und kaum klar denken kann, ist Fluch und Segen zugleich.

In Kawaguchiko entscheide ich mich für einen der beiden Ringbusse, um mir erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Mein Bus hält vornehmlich im Nirgendwo, meist an Sehenswürdigkeiten, die mich nicht so recht interessieren: ein Kräutergarten, ein Schmuckgeschäft, ein kleiner Lebensmittelmarkt, eine Fledermaushöhle, eine Vulkansteinhöhle. Deshalb bleibe ich einfach sitzen und versuche, die wirklich sehr schöne Aussicht zu genießen. Die Berge liegen um den See herum, wie Dinosaurier im Tiefschlaf. Graue Wolken und blauer Himmel wechseln sich ab. Das Grün der Wiesen ist mal hell leuchtend und saftig, dann wieder dunkelgrün und rau. Der Fuji ist jedoch nicht zu sehen.

Weil im Bus striktes Ess- und Trinkverbot herrscht – die vielen aufgehängten Zettel lassen keinen Zweifel daran – geht es mir nicht gut, denn ich habe großen Hunger und Durst. Ich wage es jedoch nicht, etwas von den Dingen in meiner Tasche zu mir zu nehmen und hoffe, dass wir bald wieder am Anfangspunkt ankommen.

RUMMS! Der Fahrer nimmt eine Kurve zu schnell! Mit der linken Seite des Busses – es ist die, auf der ich sitze – rammt er eine Leitplanke und hält an. Die Türe direkt vor mir ist kaputt gegangen, Metall liegt im Gang. Wir können nicht mehr weiterfahren und müssen stattdessen am Straßenrand auf einen Ersatzbus warten. Nun kann ich zwar etwas essen, muss aber inzwischen dringend auf die Toilette.

Vom Ersatzbus lasse ich mich bis etwa fünf Haltestellen vor dem Bahnhof fahren, um ein wenig am See spazieren zu gehen. Das Wetter ist mittlerweile jedoch ungemütlich und der See hier wenig stimmungsvoll, denn im Hintergrund sind hohe Häuser zu sehen. Ich überlege, mit der nahegelegenen Seilbahn auf einen der angrenzenden Berge zu fahren, um von dort die Aussicht zu genießen. Aufgrund meiner heutigen Vibes nehme ich jedoch sofort wieder Abstand von dem Gedanken, und da ich Höhenangst habe, ist eine Seilbahnfahrt ohnehin immer mit sehr viel Anstrengung verbunden.

So schlendere ich ein wenig umher, esse einen Burger, spaziere wieder herum und beschließe um kurz nach drei, bereits den Zug um 16:00 Uhr zu nehmen, der ausnahmsweise direkt vom Bahnhof bis nach Shinjuku durchfährt und nur zwei Stunden benötigt. Ich stelle mich an die Haltestelle, bei der verzeichnet ist, dass von hier aus die Busse in Richtung Bahnhof fahren. Dieser liegt nur fünf Haltestellen entfernt, ich bin jedoch zu erschöpft, um den Weg zu Fuß zu gehen, zumal er an einer lieblosen Straße entlang führt. Ohne noch einmal zu fragen, steige ich in den nächsten Bus ein – um nach 10 Minuten festzustellen, dass sich dieser gerade erst in die andere Richtung bewegt. So fahre ich unfreiwillig noch einmal um alle Seen herum und es macht bereits nach einer halben Stunde wirklich keinen Spaß mehr. Ich werde außerdem den praktischen Zug verpassen. Zum Glück schlafe ich irgendwann ein.

Ich wache auf, als der Fahrer etwas von Bahnhof sagt, denn er trägt ein Headset, so bekommen immer alle im Bus mit, was er mit den Leuten am Einstieg spricht. Der Bus ist brechend voll, ich kämpfe mich zur Kasse durch, doch wir sind noch gar nicht am Bahnhof! Der Fahrer hatte lediglich jemandem bestätigt, dass der Bus zum Bahnhof fährt. Nun ist mein Sitzplatz vergeben und ich muss noch eine lange Viertelstunde im dichten, schwülen Gedränge stehend weiterfahren.

Eineinhalb lange Stunden benötige ich letztendlich für die Bustour zum Bahnhof.

Für die Rückfahrt muss ich drei verschiedene Züge nehmen. Zum Glück bekomme ich dieses Mal immer einen Sitzplatz und alles verläuft reibungslos. In Shinjuku verlasse ich erleichtert den Bahnhof, um etwas zu essen.

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