2016年5月26日 – コンサート – konsaato – Konzert

Abends fahre ich etwa eine Stunde lang mit verschiedenen Zügen und U-Bahnen bis Shin-Kiba, wo das Konzert von M83 stattfindet. Bereits von Deutschland aus hatte ich mir ein Ticket gekauft, das ich nun in meiner Wallet-App dabei habe.

Viele junge Menschen befinden sich hier am Ausgang des Bahnhofs, der Konbini ist voll, alle kaufen Getränke und Kleinigkeiten zu essen. Da ich bis zur Location noch einen kurzen Spaziergang vor mir habe, hole ich mir ein Bier, das ich auf dem Weg trinken kann. Damit das nicht so auffällt, stecke ich die Dose in eine Plastiktüte.

Egal wo man hier etwas kauft, bekommt man es in eine Plastiktüte gepackt und wird nur selten dazu im Vorfeld gefragt. Deshalb lernte ich bereits bei meinem zweiten Japan-Besuch, was ich sagen muss, wenn ich keine Tüte benötige. Damit später erkennbar ist, dass man die Dinge bezahlt hat, werden sie in Konbinis und kleinen Geschäften mit Aufklebern versehen. Keine Tüte bedeute also oft mehr Arbeit für die Menschen im Geschäft, wenn es sich nicht gerade um einen Supermarkt handelt.

Mit der verhüllten Bierdose in der Hand mache ich mich auf den Weg. Es ist windig, denn die Location liegt am Rand der Stadt, wo es hinaus geht aufs Meer. Ich überquere eine Brücke, blicke rechts und links auf Wasser und fühle mich an die Warschauer Straße in Berlin erinnert. Auch einige Männer hier erinnern mich daran: Sie tragen Bärte, Skinny-Jeans und haben keine asiatischen Gesichter. In Deutschland bin ich sehr gelangweilt von Leuten mit diesem einheitlichen Erscheinungsbild. Hier lösen sie in mir ein Gefühl von Vertrautheit aus, was mich sehr irritiert. Auf einmal spüre ich mit voller Wucht, was sonst ein eher unterbewusster Teil meines hiesigen Alltags ist: Die Menschen sind völlig anders und ich bin immer die Andere, an vielen Orten bin ich die einzige, die nicht asiatisch aussieht.

Da mich jedoch kaum jemand länger als ein paar Sekunden anblickt, denke ich nicht so oft darüber nach. Die Leute geben sich hier – trotz der zum Teil großen Enge – viel mehr Raum, indem sie sich gegenseitig in Ruhe lassen. Genau das hatte ich mir in Berlin so oft gewünscht! Mit meiner Haarfarbe und meiner Brille ist das offenbar unmöglich. Fast jeden Tag wurde in öffentlichen Verkehrsmitteln auffällig über mich gelästert oder gelacht. Es war sogar vorgekommen, dass mich junge Frauen ungefragt fotografierten oder Teenager Barbie-Girl sangen, als ich an ihnen vorbei ging.

Vollkommen in Ruhe gelassen zu werden bedeutet jedoch auch, unsichtbar zu sein, als sei man gar nicht da. Vor allem, wenn man im Hinterkopf hat, dass sich die japanische Gesellschaft recht konsequent gegenüber Fremdem und Fremden abschottet. Umso verwunderter bin ich darüber, dass mir bisher ein paar ältere Frauen zulächelten oder sogar Komplimente machten. Sie kamen mir auf der Straße entgegen oder saßen neben mir im Café.

Ich beschwere mich nicht, ich ließ mich ja vorsätzlich darauf ein. Ich bin mit dem Bewusstsein nach Japan gekommen, eine Außenseiterin zu sein und zu bleiben. Es ist vielmehr so, dass ich mir diese neuen, verschobenen Verhältnisse ansehe und auch, was sie mit mir machen: Wie sehr genüge ich mir mittlerweile eigentlich wirklich selbst? Wie sehr prägt mich die Aufmerksamkeit von Anderen? Bin ich frei, wenn ich nicht dazu gehöre, weil niemand von mir erwartet, dass ich die unausgesprochenen Regeln befolge? Oder ist das Gegenteil der Fall? Kommt der Punkt, an dem die Stimmung für mich kippt? Was bedeuten Freundschaften und Familie für mich? Was kann ich von den Menschen aus aller Welt lernen, denen ich hier begegne? Will ich am Ende in Japan bleiben oder bin ich dann froh, in ein vertrautes Umfeld zurück zu kehren?

 
Studio Coast

Nachdem ich am Eingang mein Ticket vorgezeigt habe, muss ich noch etwa vier Euro für einen Getränkebon bezahlen, denn beim Kauf der Konzertkarte hatte ich mich dazu verpflichtet. Ich mag das Konzept nicht, denn so fühle ich mich zu einem Drink genötigt, den ich mir ohnehin gekauft hätte.

Im Vorraum mit Bar ist es total still. Es läuft keine Musik, die Menschen unterhalten sich gedämpft, am Kopfende des Raumes stehen ein paar Leute in einem abgetrennten Bereich und rauchen. Zigaretten sind hier nicht so verpönt wie in Deutschland: In vielen Cafés und Restaurants gibt es Bereiche, in denen das Rauchen erlaubt ist, und nicht überall sind diese abgeschlossen voneinander getrennt, was ich unangenehm finde beim Essen. Es raucht jedoch niemand auf der Straße – auch hier gibt es Raucherbereiche. Um die auf mich gedrückt wirkende Stimmung zu kompensieren, trinke ich erst einmal ein weiteres Bier.

Auch im Konzertsaal selbst ist es sehr ruhig, hier wird jedoch wenigstens Musik gespielt. Noch vor der angekündigten Zeit betritt ein Künstler die Bühne. Er hat Blumen mitgebracht, die er erst einmal auf dem Mischpult arrangiert, während erste Elektro-Beats erklingen. Das Publikum ist immer noch still: kein Klatschen, kein Jubeln, nichts. Und niemand bewegt sich. Erst als der Künstler sich vorstellt und das Publikum begrüßt, bricht das Eis. Ich bin sehr erleichtert.

Während der Umbaupause füllt sich der Raum. Ich trinke ein weiteres Bier und bin mittlerweile sehr entspannt und gefühlsduselig. Immer mehr Ausländer, deren Verhalten und Aussehen mir vertraut sind, stehen in meiner Nähe, und ich hätte auf einmal nichts dagegen, mit einem von ihnen zu sprechen. Weil sie – im Gegensatz zu den anderen Leuten – sehr laut sind, kann ich ihre Gespräche verstehen, die sie führen während sie sich mit weiteren Männern anfreunden. Der eine kommt aus Israel, die anderen sind aus New York. Die Gutaussehenden arbeiten alle bei Google und leben schon mehrere Jahre hier. Ein anderer ist Diplomat und kommt aus Holland, der nächste hat Japanologie studiert und arbeitet für irgendein japanisches Unternehmen.

Ich fühle mich auf einmal ganz klein, bin ich doch erst so kurz hier, spreche die Sprache kaum, habe keine Aussicht auf einen Job in Japan. Die Google Boys sind außerdem in Begleitung wunderschöner japanischer Frauen und nun fühle ich mich auch in dieser Hinsicht schrecklich. Da ich bereits Dank meiner Statur den hiesigen Schöhnheitsidealen überhaupt nicht entspreche, bin ich hier in der Regel weder für japanische Männer attraktiv, noch für die aus dem Westen. Ersteres stört mich weniger, weil ich mich damit abgefunden habe, zweiteres löst unerwartet Enttäuschung in mir aus. Ich erinnere mich nun wieder an einen Blogeintrag, in dem ein deutscher Mann schrieb, wie abstoßend er deutsche Frauen fände, seit er in Japan lebe.

 

 

Zum Glück betritt die Band die Bühne, ich bin erleichtert, dass die Menge bei jedem Stück jubelt und die Stimmung so gut ist. Ich lasse mich fallen in jene sonderbare elektronische Musik, die M83 machen: der Sound ist gleichermaßen kitschig wie eindringlich. Die Musik ist total da, es ist unmöglich, mich ihr zu entziehen und ich werde aufgesogen vom Bühnenbild, das durch verschiedene Lichtinstallationen immer wieder andere, entrückt wirkende Szenen wie aus dem Weltall bereithält. Mein Blick klebt an den weichen Bewegungen des Bassisten, seinen Locken, die im Takt der Musik wippen.

Zum ersten Mal seit ich in Japan bin, bin ich mir ganz nah, denn ich bin die Musik, ich bin die Lichter, ich bin meine Gefühle und Gedanken. Ich bin alles auf einmal und denke alles auf einmal. Deshalb wird mir auch klar: die Google Boys würden mich zuhause überhaupt nicht interessieren, weil sie ein Männerbild verkörpern, das mich geradezu abstößt. Sie sind Raum einnehmend, laut, selbstherrlich. Dass ich mich eben noch zu ihnen hingezogen fühlte, lag lediglich daran, dass sie schön sind und ich ihre Codes kenne. Hodor, Hodor! ruft einer von ihnen nun ganz laut, während die Musik sich gerade besonders emotional um uns herum auftürmt, und ich lache erleichtert über mich selbst.

 
M83

Sänger Nicolas Fromageau jubelt an diesem Abend mehrere Male Tokioooooo! ins Mikrofon. Alle reißen dann die Arme nach oben und freuen sich, während das mit sehr viel Hall unterlegte Wort langsam in der Musik aufgeht. Eine Erinnerung für mich daran, dass ich wirklich hier bin, denn heute Abend kommt mir alles vor wie eine intensive Halluzination auf Drogen.

Als ich zurück zum Bahnhof gehe, weht mir wieder der Wind vom Meer durchs Haar. Ich fühle mich so frei.

2016年5月26日 – チケット – chiketto – Ticket

Konzertkarten sind hier theoretisch ziemlich einfach zu bekommen. Unter anderem bei einer bestimmten Kette der vielen Minisupermärkte, die rund um die Uhr geöffnet haben. Sie heißen コンビニ · konbini – eine japanische Abkürzung für das englische Wort convenience store. Alleine im nahen Umkreis meiner Wohnung gibt es mehrere solcher Geschäfte von Family Mart, Seven Eleven, Sunkus – und Lawson’s, wo auch ein sogenannter Loppi-Automat steht, an dem man Tickets für alle möglichen Veranstaltungen kaufen kann. Jeder Berliner Späti und jedes Kölner Büdchen verliert gegen die japanischen Konbinis, denn dort gibt es fast alles und das zu jeder Uhrzeit.

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Bereits gestern Abend habe ich gemeinsam mit Yuki online ein Ticket für das Culture-Club-Konzert im Juni reserviert. Als Teenager in den achtziger Jahren liebte ich die Band! Ich höre mir auch heute noch ab und zu das Greatest Moments-Album an, vor allem die Live-Aufnahmen, und sehe verklärt über Reggae-Kitsch und Karma Kameleon hinweg. Bisher bereute ich keines der Konzerte meiner einstigen Helden und Heldinnen – so beispielsweise von Eurythmics, Sister Sledge und Chic, Bryan Ferry, Cyndi Lauper oder A-ha. Nun ausgerechnet in Tokio die Gelegenheit für ein weiteres dieser Art zu haben, macht mich sehr glücklich, auch wenn ich dafür auf ein paar Ramen und Okonomiyaki werde verzichten müssen.

boygeorge

 
Das Gute an Loppi-Automaten: Durchgehend geöffnete Lawson’s-Geschäfte gibt es überall. Das Schlechte an Loppi-Automaten: Sie können kein Englisch, haben nicht mal eine entsprechende Tastatur. Im Internet gibt es zwar eine englische Gebrauchsanweisung, doch die hilft nur, solange nichts Unvorhergesehenes passiert. Entsprechend nervös mache ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg zum nächsten Konbini. Dort komme ich völlig verschwitzt an, weil ich mich noch nicht daran gewöhnt habe, dass ein bedeckter Himmel nicht unbedingt mit Kälte gleichzusetzen ist.

Ich scheitere bereits am ersten Schritt, denn die Internet-Anleitung ist so schlecht formatiert, dass der englische Text neben den Abbildungen abgeschnitten ist. Außerdem wird hier nur erklärt, wie man eine Konzertkarte ohne Reservierung kauft. Ich bin also erst einmal auf mich alleine gestellt.

Auf dem Startbildschirm habe ich drei verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl. Ich probiere die erste aus, wo ich tatsächlich meine Reservierungsnummer eingeben kann, mir anschließend Culture Club angezeigt wird und ich mich für einen der beiden Termine entscheide. Jedes Mal, wenn es erforderlich ist, tippe ich auf die weiter-Taste, die ich nicht nur als solche erahne, sondern tatsächlich erkenne.

Auch dass ich nun noch meine Telefonnummer zur Bestätigung eingeben soll, kann ich lesen. Als wir gestern meinen Account angelegt haben, verwendeten wir allerdings nach vielen Fehlversuchen irgendwelche Teile meiner deutschen Nummer, um auf die erforderlichen zehn Stellen zu kommen, und nun weiß ich nicht mehr, welche das waren. Ich probiere mehrere Kombinationen aus, doch es funktioniert nicht. Ich kann mir das Ticket also auf diese Weise nicht kaufen, was für eine Niederlage!

Mit meinem kleinen Handtuch, wie sie hier viele Menschen im Sommer mit sich herum tragen, und die ich Schwitzläppchen nenne, wische ich mir den Schweiß von der Stirn. Ich bin verärgert, dass es nicht auf Anhieb geklappt hat. Dabei ist es doch völlig egal, ob ich nun zehn Minuten oder eine Stunde dafür benötige. Dennoch verfluche ich in solchen Momenten meine Entscheidung. Nicht lesen zu können und dazu die Sprache und die ganzen gesellschaftlichen Codes nicht zu kennen, macht mich manchmal zu einem unselbständigen, hilflosen Menschen. Selbst wenn ich mittlerweile ein paar Fragmente lesen kann, bedeutet das nur geringfügig weniger Stress, denn 95 Prozent der Dinge kann ich nicht entziffern und überall lauert somit irgendein Fallstrick. Diese Situationen dann dennoch in den Griff zu bekommen, machen mich allerdings zur Heldin.

schwitzlaeppchen

Obwohl ich nicht weiß, ob die Online-Reservierung verpflichtend war, beschließe ich, mir jetzt auf herkömmliche Weise ein Ticket zu kaufen. Dazu brauche ich die Loppi-Nummer, die der Veranstaltung zugewiesen wurde. Zur Sicherheit hatte ich mir auch diese notiert, und nun weiß ich Dank Anleitung wenigstens grob, welche Knöpfe zu drücken sind.

Danach muss ich nur noch zwei Mal meinen Namen eintippen – マイケ ハンク – was sehr lange dauert, weil ich mit der Anordnung der Schriftzeichen nicht zurechtkomme, und werde anschließend auch hier dazu aufgefordert, meine Telefonnummer anzugeben. Kurz möchte ich verzweifeln, denn es geht wieder nicht. Als ich die Nummer ohne Landesvorwahl ausprobiere, funktioniert es endlich und der Automat druckt einen Beleg aus. Hurra!

Mit diesem muss ich nur noch zur Kasse, das Ticket bezahlen – und dann von Hand meinen Namen auf einen Beleg schreiben. Zwischen Lesen und Schreiben können liegt ein großer Unterschied, der mir vorm Japanischlernen gar nicht klar war. Ich weiß zwar ohne lange zu überlegen die Zeichen meines Vornamens, für die des Nachnamens muss ich jedoch zu lange nachdenken. Stehen hinter mir etwa schon Menschen an? Wartet jemand ungeduldig darauf, dass es weitergeht? Hektisch tippe ich auf meinem Telefon herum und suche zum Abgucken jene Tastatur, die lateinische Buchstaben hat, aber japanische Silbenzeichen ausgibt, obwohl ich mir schon im Februar vorgenommen hatte, die richtige japanische Tastatur zu verwenden.

 
Mit einem Culture-Club-Ticket und dem schlechten Gewissen, keine Ahnung zu haben, was mit der Reservierung geschieht, radle ich nach Hause. Zum Glück habe ich die Karte für das heutige Konzert von M83 bereits in Deutschland über das Internet gekauft.

2016年5月26日 – 日常生活 – nichijō seikatsu – Alltag

brosche

Ich war gestern zum ersten Mal den ganzen Tag zuhause und gehe auch heute erst abends auf ein Konzert. Der Besuch ist fort, es gibt zurzeit keine weiteren Gäste und in der Wohnung ist es ganz ruhig. Ich genieße das sehr. Nur ab und zu dringt Yukis Schnarchen durch die Schiebetüre, die unsere beiden Zimmer voneinander trennt. Manchmal höre ich auch sein Bett knarren oder ein Rascheln. Gestern haben wir uns kurz gesehen, heute noch nicht. Ich schleiche auf Zehenspitzen durch die Wohnung, wenn ich mir Kaffee koche oder auf die Toilette gehe, und auch in meinem Zimmer mache ich leise, bedächtige Bewegungen. Ich muss immer noch lernen, mich normal zu verhalten und nicht überrücksichtsvoll zu sein.

Ich glaube, es ist sehr unwahrscheinlich, in Japan ausgerechnet mit einem Menschen zusammen zu wohnen, dessen Tagesablauf noch weniger geregelt ist als meiner. Ich hatte mir das eigentlich so ausgemalt: Mein Mitbewohner verlässt morgens das Haus und kehrt abends wieder zurück, macht mir auf diese Weise ein schlechtes Gewissen und hilft mir so bei der Strukturierung meines Tages.

Stattdessen bin ich nun die, die einigermaßen pünktlich und geregelt aufsteht. Seit beinahe vier Wochen versuche ich, einen Ablauf für mein Leben hier zu finden. In Berlin bin ich unter der Woche zur Arbeit gegangen und traf abends ab und zu andere Menschen. Die Wochenenden verbrachte ich meist zu Hause, weil ich zu erschöpft war, noch mehr Reize von außen zu verarbeiten. Es war mir auch egal, wenn ich einmal drei freie Tage am Stück verrinnen ließ, in denen einfach gar nichts geschah – Hauptsache ich hatte meine Ruhe. Selbstverständlich war mir bewusst, dass dieses Verhalten nicht gerade dazu beitrug, mich fröhlicher zu stimmen und mein Leben mit schönen Dinge zu füllen – aber ich war nicht mehr in der Lage, meine Tage anders zu gestalten, da es nur noch darum ging, den ungeliebten Job bis zum Greifen der Kündigung zu überstehen.

Hier in Tokio kann ich mich noch nicht so recht einfinden in das neue, ungewohnte Tempo und die Freiheiten, die der Aufenthalt mit sich bringt. Ich kenne das nur aus Zeiten der Arbeitslosigkeit, wo über allem die düstere Wolke aus schlechtem Gewissen und immer größer werdenden Selbstzweifeln schwebte. Mit Freisein hatte das wenig zu tun.

Sitze ich längere Zeit am Computer, um zu schreiben, habe ich hinterher ein schlechtes Gewissen, weil ich nichts Richtiges gemacht habe. Dabei bin ich ja genau dafür hierher gekommen! Wenn ich zwei Stunden damit verbringe, Schriftzeichen zu lernen, fühlt es sich danach falsch an, weil ich währenddessen im Bett gelegen habe. Dabei bin ich ja genau dafür hierher gekommen! Wenn ich, so wie gerade, eine halbe Stunde fort war, um in einem Geschäft am Automaten mit ausschließlich japanischen Schriftzeichen, eine Konzertkarte zu kaufen, dann fühlt es sich an wie vergeudete Zeit, dabei bin ich doch genau wegen solchen Herausforderungen hierher gekommen!

Dazwischen finden all jene Unternehmungen statt, die mich immer wieder in die Rolle der Touristin drängen, in der ich mich sonst ausschließlich befand: Ausflüge, Sehenswürdigkeiten, Besuche verschiedenster Restaurants, gemütliches Sitzen in Cafés oder im Park. Der Gedankengang ist natürlich albern, denn im Gegensatz zu mir machen das die meisten Menschen auch außerhalb von Urlaubsreisen. Ich bin das nur nicht mehr gewohnt! Heute merke ich zum Glück, dass ich hier nicht länger als einen Tag planlos daheim verbringen kann. Mir ist klar geworden: Es wird langsam Zeit, den Hebel umzulegen.

Ich will meine Tage besser strukturieren, damit sie mir mehr Halt geben und ich meine Rolle hier finde, die nun eine andere ist als während der Japan-Besuche zuvor. Dazu gehört, mich für eine festgelegte Anzahl von Stunden am Tag verschiedenen Punkten des Lernens zu widmen, regelmäßiger zu schreiben, eine halbe Stunde draußen mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs zu sein und zehn Minuten am Tag Sport zu machen.

Noch habe ich aber ein wenig Zeit, denn Anfang nächster Woche werde ich mit dem Nachtbus nach Kobe fahren, um Anthony zu besuchen, der mittlerweile dorthin gezogen ist. Ich hatte ihn über Twitter kennengelernt und im vergangenen Oktober zum ersten Mal getroffen. Am Samstagmorgen werde ich wieder nach Tokio zurückkehren, dann beginnt am Montag endlich mein vierwöchiger Sprachkurs.

Die Schule wird hoffentlich vieles hinsichtlich Tagesstruktur und meines Selbstvertrauens beim Sprechen ändern. Gestern habe ich mich zum ersten Mal dabei ertappt, wie ich in Gedanken längere fiktive Gespräche auf Japanisch geführt habe. So hatte es in Italien auch angefangen. Ich glaube, es geht endlich los!