2016年6月29日 – 口 – kuchi – mund

Die meiste Zeit des Tages trage ich draußen einen Mundschutz, damit ich niemanden anstecke und in Ruhe husten kann, ohne dass Menschen von mir abrücken oder hektisch selbst einen Mundschutz auspacken. Vor ein paar Wochen musste ich im Zug einmal niesen und der ältere Herr neben mir rüstete danach sofort auf, indem er den Großteil seines Gesichts hinter weißem Fließ verbarg.

Ich habe den Mundschutz hier aber auch schon getragen, um entspannter atmen zu können, als die Luft im Zug trotz Klimaanlage feucht und schwer war, sie die Ausdünstungen all der Menschen um mich herum fest umschlossen hielt und auf Alkohol- und Schweißausdünstungen sowie in Haaren festhängenden Bettgeruch wirkte wie ein Verstärker.

Bei meinem ersten Aufenthalt in Japan hat mich der Anblick von Menschen mit Mundschutz reflexhaft verstört, musste ich doch sofort an Katastrophenfilme, Epidemien oder Krankenhäuser denken. Ich erinnere mich, wie mir jemand damit in den menschenleeren Häuserschluchten von Shinjuku entgegen kam, und ich sofort zusammen zuckte. Mittlerweile habe ich mich längst an den Anblick gewöhnt und kann nichts Sonderbares mehr daran finden.

Es gab in den letzten Jahren ab und zu Situationen, in denen ich – sowohl zuhause als auch in der Öffentlichkeit – ohne darüber nachzudenken, meine Kopfhörer nicht beiseite gelegt habe, obwohl das Album längst abgespielt oder der Podcast längst zu Ende war. Kopfhörer schaffen eine Distanz zur Welt, sind meine Festung. Mit einem Mundschutz geht es mir ähnlich und es ist gemütlich – obwohl damit schonmal meine Brille beschlägt.

2016年6月26日 – 息する – iki suru – atmen

Tagelang unter der Glasglocke wegen schlechter, bedrohlicher Nachrichten von zu Hause, dazu erstmals Gäste, die ich kaum ertrage, weil ihr Verhalten mir gegenüber immer wieder rechthaberisch und unverschämt ist, nur manchmal drapiert mit einem falschen Lächeln und heuchlerischer Freundlichkeit in zu schrillem Tonfall.

The trick is to keep breathing, denke ich, wenn ich nicht gerade fast durchdrehe. Ich gehe meinem Alltag nach wie eine Marionette, irgendwer bewegt mich von einem Ort zum anderen, zwingt mich, Grammatik und Vokabeln zu behalten, dem Unterricht zu folgen, ohne in Tränen auszubrechen, Tische umzuwerfen und Das ist doch alles Quatsch! zu brüllen.

Dann die erlösende Nachricht: die Situation daheim ist scheiße und eine Zäsur, aber nicht lebensbedrohlich. Endlich darf mein Körper einknicken und die Klimaanlagen in Schule, Zügen und Geschäften haben gewonnnen. Ab Donnerstagbend liege ich mit einer Erkältung im Bett und kann kaum atmen, denn die Luft ist wegen der Regenzeit feucht und warm gleichermaßen. Ich flüchte zum ersten Mal seit ich hier bin stundenlang in Fiktion, in die düstere Welt des Frauengefängnisses in Litchfield.

Da heute endlich wieder die Sonne scheint, will ich ans Meer fahren, mich in der Unendlichkeit verlieren, nur den Horizont sehen und den Möwen zugucken, nichts denken. Doch mir ist nach wie vor schwindelig und ich bin viel zu kurzatmig für einen richtigen Ausflug. Deshalb fahre ich ganz langsam mit dem Fahrrad in den Park um die Ecke, sitze an einem der Picknick-Tische, schreibe Postkarten und lasse Menschen an mir vorbeiziehen wie lose Gedanken.

Ich nehme unbeabsichtigt niemals den gleichen Weg. Jedes Mal fahre ich eine andere Strecke, doch die Straßen ähneln sich. Sie sind schmal, manchmal schotterig, gesäumt von kleinen Häusern, die oft durch Zäune voneinander getrennt sind. Menschen haben auf Balkonen ihre Bettdecken zum Lüften aufgehängt, sie selbst sind meist nirgendwo zu sehen. Wenn es geregnet hat, riecht es an einigen Orten dunkel nach Erde, ab und zu liegt irgendein Blütenduft in der Luft. Ich bewundere die vielen Hortensien, die je nach Beschaffenheit des Bodens eine andere Farbe annehmen, schaue torkelnden Schmetterlingen hinterher und höre dem Vogelgezwitscher zu. Das alles erinnert mich an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin.

Ich denke daran, wie wir im Sumpfgebiet heimlich ein Lagerfeuer machten, wie oft wir verschwitzt durch Gewitter und gegen die Zeit vom nahegelegenen Baggersee nach Hause radelten, wie wir die Sommerferiennächte in dem Wohnwagen verbracht haben, der den Eltern meiner Freundin gehörte, ich denke an die vielen Maisfelder, in deren Reihen man sich verstecken konnte, an Clogs, an den frischen Kohlrabi aus Omas Garten, die grünen Bohnen, die ich trotz Verbots direkt vom Strauch aß, und an den Geruch von frisch gesägtem Holz, wenn Papa und Opa den ganzen Tag im Schuppen hinterm Haus verbrachten, um den Heizvorrat für den Kachelofen im Winter aufzufüllen. Erinnerungen, die ich selten habe, wenn ich tatsächlich dort vor Ort bin.

Im Gegensatz zu Deutschland genieße ich es hier, nicht mitten in der Stadt zu leben. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, warum ich mich hier in einem Vorort von Tokio so wohl fühle, aber unglücklich wäre, lebte ich irgendwo im Umkreis von Köln, Berlin oder gar Freiburg: die Infrastruktur. Hier fährt alle fünf Minuten ein Zug, der mich in 22 Minuten zu einem der größten Bahnhöfe der Welt in der größten Stadt der Welt trägt – ganz abgesehen von den vielen anderen interessanten Orten, die bereits auf dem Weg dorthin liegen. Ich muss auch nach Mitternacht keine Angst im Zug haben, der mich wieder zurück bringt. Und im Umkreis von einem Kilometer rund um meine Wohnung gibt es gleich mehrere Geschäfte, die rund um die Uhr geöffnet sind.

Ich habe hier das beste aus zwei Welten – und solange ich nicht gezwungen bin, morgens und abends im Berufsverkehr Zug zu fahren, ist das wundervoll. Lediglich mehr Katzen könnte es in der Nachbarschaft geben.

2016年6月17日 – 靴 – kutsu – Schuhe

Auch in Deutschland treffe ich immer mal wieder auf Haushalte, wo in der Wohnung keine Straßenschuhe getragen werden. Früher hing manchmal sogar ein riesiger Filzpantoffel im Flur oder im Treppenhaus, der zur Aufbewahrung kleinerer, echter Filzpantoffeln diente. So konnte man als Gast entweder auf Socken die fremde Wohnung betreten oder sich ein Paar Hausschuhe ausleihen.

Auch hier in Tokio stehen am Eingang Hausschuhe für Gäste bereit, denn das Betreten der Wohnung mit Straßenschuhen ist nicht nur ungern gesehen, sondern absolut tabu. Ich habe meine eigenen mitgebracht, bin in der Wohnung aber die meiste Zeit barfuß, weil wir so einen schönen Holzboden haben und mein Zimmer mit Tatami-Matten ausgelegt ist, auf denen ich sehr gerne gehe.

Beinahe alle meine mitgebrachten Straßenschuhe sind flach und simpel, ich kann problemlos hinein und hinaus schlüpfen. Lediglich das Schnüren der rosa Doc Martens, im Flur stehend, mit gebeugtem Rücken, verlangt mir ein wenig Arbeit ab. Ich trage sie meist, wenn es regnet, denn die Gummisohle schützt mich vor dem Wasser.

Häufig entsteht dann allerdings eine Situation, wie ich sie bisher von all meinen Japan-Aufenthalten kenne: Ich habe gerade die Schuhe angezogen als mir einfällt, dass ich etwas in der Wohnung vergessen habe. Weil ich zu faul bin, beide Schuhe wieder aus- und anzuziehen, entscheide ich mich entweder dafür, den Aufwand zu halbieren und hüpfe auf einem bestrumpften Fuß zurück in die Wohnung und behalte den anderen Schuh an. Oder ich ziehe keinen wieder aus und robbe auf Knien zurück in mein Zimmer, um den vergessenen Gegenstand zu holen. Währenddessen muss ich mich sehr darauf konzentrieren, auf keinen Fall mit den Schuhen den Boden zu berühren.

Beide Verhaltensweisen sind lächerlich und ich schneide währenddessen Grimassen, mit denen ich mich selbst verspotte.