2016年6月15日 – 電車で – densha de – Im Zug I

Wann immer ein Zug, so wie heute Abend, bereits recht voll ist, beobachte ich eine Technik, die angewandt wird, um effektiv, aber dennoch mit Haltung in einen Zug einzusteigen. Dabei machen die Menschen einen Schritt in Richtung Türe, während sie sich über die Schulter eindrehen, bis sie letztendlich rückwärts einsteigen und die Mitfahrenden, ohne sie anzublicken und unangenehm berühren zu müssen, tiefer ins Innere des Wagons schieben können. Ihr Druck ist in der Regel unnachgiebig und stark, und je voller der Zug, desto weniger Rücksicht nehmen sie auf andere Passagiere. Ich werde diese Technik ab November in Berlin anwenden – vermutlich haut mir dann jemand aufs Maul.

2016年6月14日 – いいですよ – ii desu yo – Es ist okay

whiteboard

橋本先生 · Hashimoto sensei schreibt jeden Tag sehr viel mit ihren Textmarkern an die weiße Magnettafel im Unterrichtsraum. Kleinigkeiten wischt sie, ganz so wie Nanami in Berlin, mit den Händen fort. Dann bleibt dort ein kleiner verschmierter Rest Farbe an der Tafel und die Finger bekommen mal schwarze, rote, blaue oder grüne Kuppen. Immer bevor Hashimoto sensei jedoch alles mit einem großen Schwamm entfernt, fragt sie 消してもいいですか。– keshite mo ii desu ka – Ist es okay, wenn ich es wegwische? und wir antworten mittlerweile jedes Mal einstimmig いいですよ。– ii desu yo – Es ist okay!

Wir sind wie pawlowsche Hunde! flüstere ich nach zwei Stunden Unterricht Chloé aus Paris und Daniel aus Melbourne zu, nachdem Hashimoto sensei heute bereits mehrfach gefragt und wir mehrfach geantwortet haben, und beuge mich wieder über meine Aufzeichnungen.

Nach ein paar Sekunden Stille fangen beide an zu kichern und blicken mich großen Augen an. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich den Satz gedankenverloren auf Deutsch statt auf Englisch gesagt habe. Ich bin unerwartet peinlich berührt. Es fühlt sich an, als habe ich eine Beleidigung ausgesprochen, etwas Obszönes geäußert, oder etwas sehr Intimes von mir preisgegeben. Wahrscheinlich ist es Letzteres, denn meine deutsche Persönlichkeit ist in Japan streng geheim.

2016年6月13日 – 変更 – henkō – Veränderungen

schreiben

Seit einer Woche fahre ich jeden Tag nach Ikebukuro zur Sprachschule, wo ich einen Intensivkurs mache. Ich wurde relativ niedrig eingestuft, weil ich zwar bisher schon viele verschiedene Grammatikpunkte gelernt hatte, mir aber die Praxis fehlte und deshalb sehr viel wieder vergessen habe oder nur passiv kann.

Wir sind drei Frauen und drei Männer und haben alle in etwa das gleiche Japanisch-Niveau. Was jedoch auffällt: die Männer sind viel mutiger, sprechen lauter, tun so, als wären sie besser als sie es eigentlich sind. Der Amerikaner benutzt zum Beispiel viele Füllwörter. So sagt man schonmal ettooo mit langgezogenem O, wenn man einen Satz anfängt, oder annooo – zumindest, wenn man einen natürlichen Redefluss hat. Bei ihm ist es jedoch frisch antrainiert. Und obwohl er diesen Trick zu oft nutzt, denn er versucht damit die Zeit zu überbrücken, bis ihm die nächste Wendung einfällt, bin ich bin ein wenig sauer, dass ich nicht so bin.

Denn für mich besteht ein Teil des Lernens einer Sprache aus Imitation. Ich eigne mir einen fremden Singsang an, lerne neue Begriffe zum Beispiel für Erstaunen, Freude oder Entsetzen, und bringe diese Gefühle oft anders als bisher zum Ausdruck. Ich entwickle auf diese Weise eine auch Persönlichkeit, die mit der neuen Sprache verbunden ist. So ändern sich bei mir Stimme, Körperhaltung und Gestik, wenn ich Italienisch spreche. Meine japanische Persönlichkeit hingegen ist noch ein winziger Embryo.

Die drei Männer im Kurs sind dominanter, mutiger und sprechen lauter als wir Frauen. Die Französin ist manchmal so leise, dass ich nicht verstehe, was sie sagt. Ich merke auch, wenn sie einen Blackout hat, weil sie dann auf einmal Dinge nicht mehr kann, die total einfach sind, und sie genau so aussieht wie ich mich fühle, wenn es mir ebenso geht. Selbst bei meinem Unterricht in Berlin, wo ich mit meiner Lehrerin Nanami alleine war, hatte ich solche Aussetzer. Ganbatte, ganbatte sagte sie dann lachend, und manchmal lachte ich mit ihr. Aber oft genug fühlte ich mich völlig entblößt, als blickte Nanami direkt in mein leeres Gehirn und auf meine große Verunsicherung.

Diese eine Woche Unterricht in Tokio hat aber zum Glück schon etwas verändert: Am Freitagabend traf ich mich nach der Schule mit Teruko zum Essen, und wir haben fast nur Japanisch gesprochen. Das war zwar so anstrengend, dass mein Körper darauf mit Gleichgewichtsstörungen reagierte, weil mein Nacken so verspannte, machte mich aber dennoch glücklich.

Ich habe auch angefangen, Radio zu hören. Ich verstehe zwar das meiste inhaltlich immer noch nicht, aber auf einmal sprechen die Menschen nicht mehr so schnell, und ich verstehe die einzelnen Laute, erkenne manchmal grammatikalische Muster.

Ich denke häufiger japanische Sätze und ich kann mittlerweile viel besser die Silbenschriftzeichen schreiben. Da wir freitags auch im Schreiben von Kanji geprüft werden, habe ich wieder angefangen, die Strichfolgen zu üben, und es fällt mir nicht mehr so schwer. Vielleicht liegt es daran, dass ich bereits seit einer Weile lerne, sie zu lesen, wofür ich die Kanji in ihre einzelnen Bestandteile zerlege. Das ist auch beim Schreiben hilfreich.

Meine Schule ist so eingerichtet, dass man sich gerne dort aufhält, und alle Menschen sind sehr, sehr freundlich. Es gibt Wasser, Tee und Kaffee und einen angenehmen Bereich mit Tischen, in dem man aufhalten kann, solange man möchte. Das heißt, ich kann dort auch vor und und nach dem Unterricht lernen, was ich bereits ein paarmal gemacht habe, weil ich dort weniger abgelenkt bin als zuhause.

Seit ich Unterricht habe, verspüre einen großen Drang, so viel Zeit wie möglich mit den verschiedenen Lern-Aspekten zu verbringen und meinen kurzen Aufenthalt hier effektiv zu nutzen. Das bedeutet aber auch, dass ich auf einmal sehr ausgelastet bin und nicht mehr so viele außergewöhnliche Dinge erlebe.

Ich habe in den letzten Tagen viel an die Zeit gedacht, in der ich jeden Tag gebloggt habe. Wo nicht jeder Eintrag lang war, ich auch Momentaufnahmen niederschrieb, kleine Beobachtungen, wo mehr Raum war für Poesie. Ich möchte wieder dahin zurück, weil ich auf diese Weise nicht nur alle paar Tage etwas schreibe, das oft Rückblick ist und gar nicht so dicht dran an meinem Jetzt. Auf diese Weise halte ich hoffentlich mehr fest als bisher.