2016年7月31日 – 漢字 – kanji – Kanji

Eine große Hürde beim Lernen der japanischen Sprache ist sicherlich die Schrift. Sie erschwert zu Beginn selbst das Lesen einfachster Sätze und das optische Gedächtnis ist keine Hilfe. Es gibt zwei Silbenalphabete – Kana –, die man zuerst lernt. Eines primär für grammatikalische Endungen (Hiragana), das andere für Lehnwörter (Katakana). Mit beiden könnte man theoretisch auch alles schreiben – Kinderbücher sind zum Beispiel oft nur in Kana verfasst. Oder weite Teile meiner Hausaufgaben.

Anfangs habe ich mich gefragt, warum es dann überhaupt noch die komplizierten chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geben muss. Ein Text nur in Kana ist allerdings auch schwierig zu lesen, denn da es keine Abstände zwischen den Worten gibt, kann man noch schlechter erkennen, wann das eine endet und ein neues anfängt. Aber vor allem gibt es sehr viele Homophone – Worte, die gleich klingen. Und zwar nicht nur zwei, sondern weitaus mehr. (Ich nehme an, Japan ist eine Wortspielhölle, aber soweit bin ich noch nicht.)

So kann mit きじ kiji, was in Hiragana geschrieben ist, beispielsweise 記事 Artikel oder 生地 Material gemeint sein, aber auch noch sehr viele andere Dinge. Werden sie lediglich mit Hiragana geschrieben, muss man aus dem Kontext heraus erkennen, um welches Wort es sich handelt. Dank der Kanji ist die Bedeutung aber sofort erkennbar. So richtig klar wurde mir das erst, nachdem ich selbst ein paar Schriftzeichen lesen konnte und Texte mit und ohne Kanji gegenüber gestellt sah.

Zu Beginn habe ich versucht, die Zeichen mit der Methode von Heisig zu lernen. Dabei merkt man sich Dank Mnemotechnik erst einmal lediglich die Bedeutung der Schriftzeichen und wie man sie schreibt. Selbst wenn man sich beeilt, würde es aber Monate dauern, bis man hier alle durchgearbeitet hat. Erst dann lernt man die Aussprache – weil es eben viele Schriftzeichen gibt, die gleich klingen, und das dann gebündelt werden kann. Wiederum kompliziert ist, dass jedes Kanji meist mindestens zwei Lesarten, also Aussprachen, hat: eine, die dem damaligen chinesischen Klang entspricht, und eine japanische.

Heisigs Methode mag zwar funktionieren, wenn man viel Zeit und Geduld hat, ist aber nicht sehr realitätsnah und eher etwas für rationale Menschen, die gerne auswendig lernen. Alles trifft nicht auf mich zu, und da ich frühe Erfolgserlebnisse benötige, gab ich bald auf.

Während meines letzten Tokio-Aufenthaltes ärgerte ich mich jedoch, dass ich so wenig um mich herum lesen konnte und begann, mit Hilfe von Wanikani Kanji zu lernen. Auch hier wird die Mnemotechnik angewendet, aber sofort für Bedeutung und Aussprache. Die ersten drei Level sind kostenlos, dann muss man einen monatlichen Beitrag bezahlen. Ich habe Dank eines sehr günstigen Weihnachtsangebots mittlerweile einen Lifetime-Account, denn mit dieser App ist es mir tatsächlich gelungen, ein wenig lesen zu lernen. Wenngleich ich vieles wieder vergesse, sobald ich eine längere Pause einlege. So musste ich mich nach meiner Ankunft hier im Mai ein paar Level zurück setzen lassen, und bin erst jetzt wieder an dem Punkt, an dem ich bereits im Februar war, dann aber keine Energie mehr hatte zu lernen, weil es nur noch darum ging, im Job durchzuhalten, ohne durchzudrehen.

Der Haken an Wanikani: ich kenne mittlerweile viele Vokabeln – aber nur passiv, denn die App fragt lediglich in die eine Richtung ab. Es geht schließlich nur ums Lesen, nicht darum, aktiv Worte zu kennen. Angebote von Dritten versuchen, das auszugleichen, aber ich merke, dass meine Kapazitäten begrenzt sind: ich habe ja noch meinen Sprachunterricht und die dazugehörigen Lehrbücher Genki 1 & 2.

Ich kann auch nur sehr wenige Kanji schreiben, denn Lesen und Schreiben haben lediglich bedingt etwas miteinander zu tun. Ich hielt das Schreiben auch lange für vernachlässigbar – bis ich hier zur Sprachschule ging, wo jeden Freitag ein Test stattfand, der auch das Schreiben von Kanji zum Inhalt hatte. Ich habe also angefangen, auch das Schreiben der Kanji zu üben, und es macht mich mittlerweile sehr, sehr glücklich.

Selbstverständlich schreibe ich dabei nicht stoisch wieder und wieder das gleiche Schriftzeichen. Es ist vielmehr so, dass ich mir einen kleinen Folder erstellt habe, in dem entsprechend der Kanji-Kapitel der Lehrbücher lediglich die englischen Bedeutungen aufgelistet sind. Daran orientiere ich mich und arbeite die Listen ab, indem ich die Schriftzeichen einfach der Reihe nach in ein Übungsheft schreibe. Wenn ich Probleme mit einem Kanji habe, markiere ich es in der Liste mit einem Punkt. So weiß ich, dass ich darauf besonders achten muss und beziehe es in meine Wiederholungen ein.

Leider verhält es sich so, dass ich bei kaum einem Zeichen sicher sein kann, es nun für immer schreiben zu können. Dafür muss ich meine Listen vermutlich noch mehrere Monate oder gar Jahre immer wieder abarbeiten. Das erscheint mir gerade aber nicht sehr schlimm, denn Kanji zu schreiben, ist für mich auch eine Entspannungsübung.

 

Meist setze ich mich direkt nach dem Unterricht in den Gemeinschaftsraum der Sprachschule. Es gibt dort niedrige Gruppentische, aber auch einen langgezogenen Tresen, an dem man auf bequemen Hockern sitzt, gegen die Wand schaut und so kaum Ablenkung erfährt. Um noch mehr mit mir alleine zu sein, höre ich Musik, die mich beruhigt, wenn ich übe Kanji zu schreiben. Oft ist das Apparat.

Die Konzentration auf die Striche und die richtigen Strichfolgen hält mich davon ab, an andere Dinge zu denken. Die Freude darüber, wie durch mich – zum Teil bereits komplexere – Schriftzeichen entstehen, ist hingegen der angenehmere Part. Ich freue mich auch darüber, dass ich nicht aufgegeben habe, und mittlerweile ist es so, dass sich alle meine Kanji-Lernsysteme gegenseitig begünstigen. Außerdem kann ich die Schrifzeichen schneller in ihre Bestandteile (Radikale) zerlegen, da mir viele nicht mehr fremd sind.

Als ich neulich einem Japaner beim Sprachaustausch von meinen Glücksgefühlen beim Kanjilernen erzählte, lächelte er und meinte, dass es vermutlich nur noch wenige Jahrzehnte dauert, bis in Japan niemand mehr so recht von Hand schreiben kann. Schon jetzt nutzen die meisten vor allem den Computer und das Mobiltelefon dafür.

2016年7月29日 – お持て成し – omotenashi – Gastfreundschaft

Die amerikanische Mitbewohnerin kommt meist schon wieder aus der Schule zurück, wenn ich gerade erst die Wohnung verlasse, um meinen Nachmittagsunterricht zu besuchen. Noch sitze ich aber am Küchentisch und lerne Vokabeln, als sie bereits wieder die Wohnung betritt, das Gesicht ganz bleich.

Wegen der Hitze versagte ihr Kreislauf und sie hatte deshalb einen Unfall mit dem Fahrrad. Sie war mit einer Japanerin zusammen gestoßen, deren Vorderreifen dabei kaputt ging. Schnell war eine Frau herbei geeilt, um zu helfen – jedoch ausschließlich der gestürzten Japanerin, mit der sie sich außerdem darüber austauschte, wie dumm die Ausländerin sei, dass sie nicht einmal richtig Fahrrad fahren könne. Meine Mitbewohnerin lag währenddessen auf der Straße, konnte nicht aufstehen, weil ihr immer noch schwindelig war und sie Angst hatte, ohnmächtig zu werden. Erst als eine weitere Frau vorbei kam und ihr Wasser gab, ging es ihr ein wenig besser.

Im Gegenzug erzähle ich der Mitbewohnerin von meiner morgendlichen Auseinandersetzung mit unserem Gastgeber, die mich immer noch belastet. Willst du auch eine Xanax?, fragt sie mich, und als ich den Kopf schüttele, drückt sie mir ein Eis in die Hand. Kirsche-Vanille.

2016年7月27日 – 私の猫バス – watashi no nekobasu – Mein Katzenbus

1990 war ich als Au-Pair in Rom, schaute im Fernsehen Golf-Krieg und dachte darüber nach, ob es besser wäre, zu Hause bei meiner Familie zu sein. Ich beschloss irgendwann, weniger Nachrichten zu gucken.

Als ich 2001 einige Monate in einem spanischen Ferienclub arbeitete, änderte sich am 11. September die Welt. Dieses Mal schien mir die Bedrohung weitaus realer und ich überlegte, ob es sicherer wäre, nach Deutschland zurück zu kehren – doch ich blieb. Das Gute: ich hatte keinen Fernseher, las nur ab und zu eine Zeitung, und manchmal fühlte sich das Leben an wie vorher. Viele Gäste, die nach dem elften September zu uns kamen, erzählten, dass sie große Zweifel hatten, die Reise überhaupt anzutreten. Nicht aus Angst, sondern aus moralischen Gründen. Nach ein paar Tagen waren sie jedoch froh, einmal der bedrückten, alarmierten Stimmung in Deutschland entkommen zu sein und bedankten sich bei uns. Ich war rückblickend sehr froh, dass ich den Aufenthalt nicht abgebrochen habe. Mein fehlender Anteil an der kollektiven Dauerverstörung hat die Entwicklungen sicherlich nicht beeinflusst.

Seit etwa drei Monaten bin ich in Japan und fast jeden Tag passieren Dinge, die in mir Entsetzen, Angst, Ratlosigkeit und Verzweiflung auslösen. Leider auch im Privaten, aber vor allem in der Welt. „Bekommst du überhaupt mit, was bei uns los ist?“ fragte mich gestern eine Freundin. Selbstverständlich bekomme ich alles mit. Manchmal zeitversetzt, manchmal jedoch sofort, wie die Schießerei in München. Ich lese Artikel und Tweets zu allem, was in der Welt geschieht, doch ich äußere mich nicht dazu, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, außer, dass ich überfordert bin.

Anders als bei meinen letzten Auslandsaufenthalten sind die schlechten Nachrichten und Informationen überall und sie sind zahlreich. Ich verarbeite außerdem sämtliche Eindrücke alleine und glaube, dass meine Situation die Dinge noch absurder erscheinen lässt als sie es ohnehin schon sind. Mein ganzes Leben ist ja gerade im Ausnahmezustand. Letzteres ist keine Beschwerde – ich wollte das genau so, denn wenn man ohne Begleitung im Ausland ist, erfährt man nicht nur eine Menge über eine andere Kultur, sondern auch über sich selbst.

Dass ich ein sehr emotionaler Mensch bin und mich nur sehr schlecht von Ereignissen und Gefühlen anderer abgrenzen kann – was oft sehr anstrengend ist –, weiß ich allerdings schon eine ganze Weile. Gestern war ich beim Hören einer schlimmen Nachricht jedoch nicht mehr in der Lage mit der angebrachten Bestürzung zu reagieren. Ich habe heute den ganzen Tag darüber nachgedacht, warum das so ist, und welche Konsequenzen ich daraus ziehe.

Mein Limit ist offenbar erreicht, und tatsächlich schleppe ich mich seit geraumer Zeit durch jeden Tag, funktioniere mehr, als dass ich die Dinge bewusst und mit tiefer Freude erlebe, flüchte in langweiligen Alltag und Gewohnheiten, um mich aufgehoben zu fühlen. Deshalb habe ich beschlossen, keine der schrecklichen Nachrichten und Ereignisse in der Welt mehr über die Schlagzeile oder einen Tweet hinaus zu verfolgen – es sei denn sie bedrohen akut meine Sicherheit oder die von Menschen, die mir wichtig sind. Denn mein Entsetzen und meine Betroffenheit haben keinen Einfluss auf die Geschehnisse, sondern lediglich auf meine Gesundheit.

Ich werde mich bis Ende Oktober so gut es geht dem Eskapismus hingeben, um nicht krank zu werden und wieder mehr Energie zu haben für die Dinge wegen denen ich nach Japan gekommen bin. Ich werde also noch mehr lernen, und viele sinnlose Sachen machen wie Pokemon Go spielen, alleine tanzen gehen, mich betrinken, unglaublich viele tolle Sachen essen, Ausflüge machen, ab Montag meine neue Nachbarschaft erkunden und versuchen, wieder jeden Tag zu genießen. Über den Rest mache ich mir Gedanken in Deutschland, wo ich wieder Teil eines ratlosen Kollektivs bin.

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Der Katzenbus ist eine Figur aus dem Film Mein Nachbar Totoro und dem Kurzfilm Mei and the Kittenbus. In letzterem führt ein kleiner Katzenbus die Figur Mei an einen magischen Ort, an dem sie auf Totoro und viele Waldgeister trifft, die ebenfalls mit Katzenvehikeln angereist sind.