2016年8月10日 – ゴキブリ – gokiburi – Kakerlaken

Als ich vor vielen Jahren zu Besuch in Berlin war, ging ich ins Aquarium am Zoo, wo es auch eine Insektenabteilung gibt. Einer der vielen Kästen, in denen sich allerlei Getier aufhielt, war wie ein Ausschnitt aus einer Küche eingerichtet: unter anderem mit einem alten Frühstücksbrettchen und einer Plastikschüssel. Dazwischen lungerte eine Kakerlake herum. Die erste, die ich je sah.

Nachdem ich meiner Japanischlehrerin erzählt hatte, dass ich in Japan in einem alten Haus wohnen würde, machte sie ein langgezogenes Geräusch, das nichts Gutes verhieß, und erklärte mir, dass es dort meist auch Kakerlaken gebe.

Als ich meiner ersten japanischen ゴキブリ gokiburi begegne, wohne ich zum Glück bereits mehrere Wochen unbehelligt in Tokio. Sie sitzt an der Wand, kurz unter der Decke, und es ist bereits nach Mitternacht. Weil ich keine Ahnung habe, was zu tun ist, bitte ich den Mitbewohner um Hilfe. Er versucht, die Kakerlake mit Toilettenpapier zu erschlagen, was ihm nicht gelingt, und das Tier versteckt sich hinter einem Stück Holz. Mit normalem Mückenspray lockt er die Kakerlake wieder hervor, fängt und zerdrückt sie, und spült sie die Toilette hinab.

Zehn Minuten später gehe ich ins Bad und sehe das Tier gerade noch rechtzeitig bevor ich es barfuß zertrete auf dem Holzfußboden meines Zimmereingangs liegen, der offenbar die gleiche Farbe hat wie ein Kakerlakenbauch. Der Mitbewohner hatte sich nur eingebildet, das Tier gefangen zu haben. Stattdessen liegt es hier auf dem Rücken und wackelt mit den Beinen. Ich benötige sehr viel Überwindung und Toilettenpapier, um die Kakerlake aufzunehmen und zu töten.

Die nächsten Kakerlaken sehe ich erst wieder, als die Amerikanerin bereits eingezogen ist. Mal eine in der Küche, die schnell in der Wand hinter dem Fuß des Herds verschwindet, mal eine in ihrem Zimmer, die wir gemeinsam jagen. Von dem Ausmaß meines anhaltenden Ekels bin ich inzwischen selbst überrascht, bleibe ich bei Spinnen doch immer recht entspannt. Seltsamerweise habe ich dennoch keine Sorge beim Einschlafen, obwohl sich mein Bett mehr oder weniger auf dem Fußboden befindet. Und weil ich ohnehin bald ausziehe, ignoriere ich den Hinweis, mir eine Kakerlakenfalle zu kaufen.

 
Nach ein paar Tagen in der neuen Wohnung stehe ich in der Drogerie zufällig vor solchen Fallen und gucke sie mir in Ruhe an. Sie sehen niedlich aus, wie kleine Papierhäuschen, und auf der Verpackung sind allerlei darbende Comic-Kakerlaken abgebildet. Ich fühle mich mittlerweile aber sicher und stelle die Fallen wieder zurück ins Regal.

Am selben Abend, ich habe gerade das Licht aus gemacht, erhalte ich einen Videoanruf meiner Mutter. Nachdem ich das Licht wieder angeschaltet und wir zehn Minuten gesprochen haben, sehe ich eine extrem große, sehr dunkle Kakerlake, die die Decke ganz in meiner Nähe entlang huscht. Kreischend unterbreche das Gespräch, um gleich darauf gemeinsam mit meiner Tausende Kilometer entfernten Mutter auf die Jagd zu gehen. Ogott, die ist so riesig! Ogott, die ist so dunkel! sage ich immer wieder entsetzt und überlagere mit Gelächter meinen Ekel.

Mit zwei zusammen geknüllten Handtüchern versuche ich, die Kakerlake zu zerdrücken, doch das ist natürlich Quatsch, weil diese viel zu weich sind und dem Panzer der Kakerlake keinen Schaden zufügen: Als ich mich erfolgreich wähne und die Handtücher wieder anhebe, ist das Tier fort. Da, ich sehe sie! ruft meine Mutter aus Deutschland, ich zucke erschrocken zusammen, drehe mich, rufe aufgeregt Wo, wo, wo? und finde nichts. Erst als ich mich wieder beruhige, sehe ich das Tier vor meiner Wohnungstüre sitzen wie eine Katze, die gerne nach draußen möchte. Erleichtert entlasse ich das Tier in die Freiheit.

Ich schlafe schlecht in jener Nacht und kaufe am nächsten Tag nicht nur die niedlichen Fallen, sondern auch ein paar schwarze, runde Lockmodule, in denen sich Futter und Gift befindet, sowie Spray, um eine dennoch umherlaufende Kakerlake töten zu können.

Ich verteile sechs Lockmodule in der kleinen Wohnung, die ich ab sofort ständig für Kakerlaken halten werde, schraube die lange Düse auf das Spray, damit ich mit etwas Distanz an die zu ermordende Kakerlake heran treten kann und baue eine der Fallen auf. Dazu klebt man am Rand kleine Fußmatten auf, deren Sinn sich mir nicht erschließt, löst am Boden des Häuschens eine Folie, unter der sich eine klebrige Masse befindet, befestigt in der Mitte des Bodens Futter, das die Kakerlaken anlockt und schiebt die beiden Dachhälften ineinander, um das Ganze von oben zu schließen. Wenn die Kakerlaken das Haus betreten, bleiben sie am Boden kleben und verhungern. Angeblich kann das bis zu neun Tagen dauern.

Tatsächlich wackeln jene fünf Tiere, die ich bis heute mit den Häuschen gefangen habe – Kakerlakenbabys und -teenager, von denen ich vermutlich sonst überhaupt nichts mitbekommen hätte – auch nach Tagen noch mit den Fühlern, wenn ich die Falle inspiziere, um nach neuen Gästen zu schauen. Vor keinem der Tiere ekele ich mich sehr, denn sie sind noch jung, relativ klein und hell, und ich entspanne mich ein wenig hinsichtlich der Ungeziefer.

Bis heute Abend eine offenbar schon durch das Gift geschwächte Riesenekakerlake quer durch meine Wohnung torkelt. Nach kurzem Entsetzen greife ich zum Spray, welches das Tier innerhalb von Sekunden umbringt, und spüle die Kakerlake die Toilette hinunter. Ich gehe davon aus, dass das jetzt Teil meines Alltags ist.

Ich wohne also alleine und bin doch nicht alleine. Ich kann mich nun jedes Mal ekeln, wenn ich eine Kakerlake sehe, was dazu führt, dass es mich, wie beim Verfassen dieses Eintrags, am ganzen Körper juckt und ich bei jedem sonderbaren Lichtreflex, den ich im Augenwinkel wahrnehme, zusammen zucke. Oder ich entscheide mich dafür, mich an die Kakerlaken zu gewöhnen und sie mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Dazu zählt auch, noch ordentlicher zu sein, ständig zu fegen und zu wischen und benutztes Geschirr nicht einmal für einen kurzen Zeitraum stehen zu lassen.

Ich entsorge die alte Falle und stelle ein neues Kakerlakenhotel auf. Morgen wird der brennbare Müll abgeholt.

2016年8月8日 – 半道 – han michi – Auf halber Strecke

Ich bin mit der Idee nach Japan gekommen, meine Komfortzone zu verlassen. Dazu gehörte auch, mit anderen Menschen zusammen zu wohnen. Ich wollte auf diese Weise japanischen Alltag kennen lernen und die Möglichkeit haben, zuhause Japanisch zu sprechen. Die Wohnsituation sollte mich außerdem vor Einsamkeit und Rückzug bewahren.

Nichts davon ist wirklich aufgegangen: Mein Mitbewohner hat so schnell mit mir gesprochen, dass ich nur wenig davon verstand. Wenn ich Japanisch sprach, gab er mir keine Zeit, die richtigen Konjugationsformen zu wählen, sondern beendete meine Verben und Adjektive, bevor ich soweit war.

Anfangs erklärte er mir auch ausführlich und sehr schnell japanische Wörter auf Japanisch und malte dazu meist unleserliche Kanji auf das Whiteboard. Machmal wiederholte ich eines der vielen mir unbekannten Wörter fragend, woraufhin er es auch wiederholte, ich es erneut wiederholte, und dann er wieder, und dann ich, weil ich die Situation so grotesk fand, denn es war ja klar, dass ich das Wort auch nach hundert Wiederholungen nicht plötzlich verstehen würde. Das kam bis zum Schluss vor, doch ich machte früh dicht, und obwohl ich es mir anders vorgenommen hatte, sprach ich die meiste Zeit Englisch mit ihm.

In den ersten Wochen fragte er mich mehrfach, wann ich denn nun zur Schule ginge. Ich nehme an, ich war seine erste Mieterin, die für einen längeren Zeitraum mit ihm zusammen wohnte. Im Gegensatz zu den anderen Gästen war ich häufiger zuhause und hatte oft das Gefühl, ihn zu stören. Als ich das Thema ansprach, nickte er kurz angebunden, sagte ok und wies mich an, zuhause wenig Strom zu verbrauchen. In Anbetracht dessen, dass ich allenfalls eine LED-Lampe und meinen Computer verwendete, während er jede Nacht mit der Klimaanlage, dem Ventilator und dem Lufttrockner auf einmal Wäsche trocknete, empfand ich seine Antwort sehr abweisend und meine Zweifel, Willkommen zu sein, wurden größer anstatt kleiner.

Vom hiesigen Wohngalltag weiß ich wenig, außer dass ich in einem alten japanischen Haus gelebt habe. Weil es nur einen kleinen Kessel, eine alte Pfanne und einen größeren Topf mit Deckel gab, habe ich kaum gekocht und schon gar nicht japanisch. Manchmal waren die Töpfe auch besetzt oder von anderen Gerichten in Mitleidenschaft gezogen, dass ich sie nur ungern benutzte. So befanden sich bereits kurz nach meiner Ankunft am Boden des Wasserkessels schwarze Verkrustungen, weil dem Mitbewohner darin drei Eier angebrannt waren.

Der Reiskocher war hingegen so hochtechnologisiert, dass ich ihn nicht bedienen konnte. Der Mitbewohner hatte mir die Funktionen zwei Mal gezeigt, indem er hektisch auf den Knöpfen herumdrückte – ohne dabei zu berücksichtigen, dass ich gar nicht so schnell in der Lage war, die vielen Kanji auf dem Display zu entziffern, geschweige denn zu lesen. Also nickte ich höflich und kochte weiterhin Nudeln. Wenn der große Topf tagelang von Curry besetzt war, auch schon mal im Wasserkessel. Zuletzt zierten den Topf schwarze, verbrannte Abdrücke riesiger Rettichscheiben.

Ich mochte mein Zimmer sehr, räumte jeden Tag akribisch auf, hielt es sauber und lüftete durchgehend. Doch je wärmer und feuchter es draußen wurde, desto mehr intensivierte sich der Geruch muffiger Tatamimatten. Als ich eine Woche bei Teruko wohnte und zurück kehrte, roch es sogar nach Schimmel. Einen Lufttrockner hatte ich nicht, der stand lediglich im Zimmer des Mitbewohners. Ich musste deshalb meine Türe die meiste Zeit geöffnet lassen. Die Alternative war, mich in dem kleinen, zuletzt Dank Sonnenschutz leider sehr dunklen Zimmer zu verschanzen und ununterbrochen die Klimaanlage laufen zu lassen, was ich nur wenige Male tat.

Die Wohnung war sehr schön, aber düster. Sogar tagsüber musste das Licht in der Küche, die auch unser Gemeinschaftsraum war und sich direkt vor den Zimmern befand, angeschaltet werden. Es gab jedoch nur eine Deckenlampe mit weißem, sehr ungemütlichen Licht. Manchmal bieten solche Leuchten die Möglichkeit, verschiedene Helligkeiten und Farbwärmen auszuwählen. Das war hier jedoch nicht möglich.

Die ständig wechselnden Gäste im anderen Zimmer wurden für mich schnell zu Belastung. Ich kann mich nicht immer wieder auf neue Menschen einstellen, mit denen ich meine Privatsphäre teilen muss. Zumal mir nicht immer alle wohl gesonnen waren. In der Woche, nachdem ich die schlechte Nachricht von zuhause erhalten hatte, musste ich mit Leuten zusammen leben, die alles besser wussten, sich ständig über Japan beschwerten und abfällig über mich sprachen, obwohl ich direkt neben ihnen stand.

Zuletzt war für ein paar Wochen eine junge Amerikanerin in das andere Gästezimmer eingezogen. Sie wirkte meist unnahbar, fast schon abweisend, und nur selten hatten wir ein Gespräch, das sich halbwegs normal anfühlte. Mich verunsicherte das, und es verstärkte das negative Gefühl, das ich zuhause mittlerweile ohnehin schon hatte. Ich konnte gar nicht mehr ich selbst sein. Am ehrlichsten war wohl jene Situation, in der wir gemeinsam kreischend eine Kakerlake jagten: kein Verstellen, viel Ekel, aber auch eine Menge Gelächter.

Erst jetzt merke ich, wie sehr mich die Situation belastet hat. Ich war am Ende immer angespannt: Sogar alleine zuhause zuckte ich bei jedem vorbeigehenden Menschen, bei jedem herannahenden Fahrrad zusammen, weil ich dachte, der Mitbewohner oder die Mitbewohnerin kehrten zurück.

Ich muss mich zuhause wohl und frei fühlen können und brauche genügend Raum für mich, den ich nicht hatte. Stattdessen versuchte ich, darüber hinweg zu sehen, dass die Freundin des Mitbewohners gleich zu Beginn morgens um fünf laut ihren Koffer packte. Ich wollte ein lockerer Mensch sein, dem es nichts ausmacht, jedes Geräusch aus dem Nebenzimmer zu hören. Ich wollte entspannt sein, obwohl der Mitbewohner während eines nächtlichen Skype-Gesprächs über mich sprach und gar nicht auf die Idee kam, ich könnte es hören. Ich wollte es ignorieren, dass der Mitbewohner Freunde zu Gast hatte, mit denen er bis nachts um drei in der Küche saß und sich laut unterhielt, und morgens um sieben direkt damit weiter machte. Ich wollte die positiven Seiten daran sehen, Dank der wechselnden Gäste immer wieder neue Menschen aus verschiedenen Ländern kennen zu lernen.

Ich dachte, ich könnte hier einer dieser Easy-Going-Leute sein, die offen auf Menschen zugehen, meist gut gelaunt sind, die es nicht stört, wenn mal jemand zu unmöglichen Zeiten Krach macht, und die bei Problemen kurz mit den Schultern zucken, bevor sie sie wohl überlegt beheben.

Ich wollte in Tokio die Anspannungen der Monate davor loswerden, doch ich hatte sie gegen neue getauscht, von deren Ursachen ich keine Rückzugsmöglichkeit hatte, denn selbst wenn ich die Zimmertüre schloss, hörte ich den Mitbewohner durch die Schiebetüre, die unsere Zimmer voneinander trennte. Ich war deshalb meist bis nach acht Uhr in der Schule, anschließend auswärts essen, trank jeden Abend mindestens einen halben Liter Bier und aß sehr viel Schokolade und Eis. Erst jetzt, wo ich alleine wohne, komme ich zur Ruhe.

Ich kann nun kochen, wann und was immer ich möchte, wofür mir eine größere Auswahl sauber blitzender Töpfe zur Verfügung steht. Ich habe endlich wieder warmes Wasser zum Geschirrspülen und muss nicht mehr einen bereits drei Monate alten gehäkelten Spülschwamm dafür verwenden oder den Mitbewohner mit einem neuen in Verlegenheit bringen.

Ich habe wieder einen Überblick, welche Dinge ich im Kühlschrank lagere und niemand legt mir meine nicht mehr ganz so frischen Zwiebeln und Tomaten in zugeknoteten Plastiktüten auf den Küchentisch, ohne ein Wort zu sagen, oder guckt mich vorwurfsvoll an, weil mein Tofu versehentlich vor Verwendung ablief, so dass ich mich mehrfach dafür entschuldigen muss.

Ich kann in Ruhe auf die Toilette gehen, mit abstehenden Haaren und verschmierter Schminke herumlaufen, ich kann kurze Nachthemden tragen und nicht ständig einen BH, muss meinen Bauch nicht mehr einziehen und kann nackt sein, wann immer ich möchte. Ich kann ohne Kopfhörer Musik und zum Einschlafen Hörspiele hören. Ich kann japanisches Fernsehen schauen, laut lernen und laut Lesen üben.

Tagsüber fällt von draußen viel Helligkeit in meine Wohnung, Decken- und Nachttischlampe halten warmes Licht bereit, ich habe einen Schreibtisch, an dem ich sitzen kann, bekomme vom Lesen im Bett keine Rückenschmerzen mehr und fühle mich nicht eingepfercht, obwohl Fenster und Türe geschlossen sind und die Klimaanlage läuft.

 

Zuerst hatte ich meinen vorzeitigen Auszug als Versagen eingeordnet: Ich habe nicht geschafft, was ich mir vorgenommen hatte, ich habe es nicht geschafft, ein halbes Jahr mit jemandem zusammen zu wohnen. Ich hatte mich jedoch an alle Regeln gehalten, war rücksichtsvoll, sauber, ließ nie etwas stehen, war immer leise und in den drei Monaten gab es so gut wie keine Auseinandersetzung. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich den Umgang mit Problemen so gehandhabt, wie es hier üblich ist: man spricht nicht darüber und macht sie mit sich alleine aus.

Mittlerweile schätze ich die Situation ganz anders ein: Nicht immer laufen die Dinge so, wie man sie plant. Mit anderen Menschen zusammen zu wohnen, birgt immer Konflikte, selbst wenn man sich sehr gut versteht. Ich habe hier nun sogar mit Menschen zusammengelebt, mit denen mich nichts verband außer dem Wohnraum. Bevor ich nach Japan kam, habe ich viele Entscheidungen vor mir her geschoben: kleine, aber auch große, wie die hinsichtlich der mich unglücklich machenden Arbeit. Hier verhalte ich mich nicht mehr so und finde mittlerweile immer für alles schnelle Lösungen.

Eines hat sich seit dem Umzug jedoch nicht geändert: Ich höre immer noch einen Nachbarn schnarchen – aber dieses Mal ganz leise.

2016年8月6日 – ゴミ – gomi – Abfall

Ich bin in Freiburg aufgewachsen, wo Mülltrennung schon sehr früh ein Thema war. Seither habe ich in verschiedenen Städten gelebt, wo man sich mal mehr, mal weniger intensiv um die separate Entsorgung des Abfalls kümmerte. Immer war jedoch die Einteilung ähnlich: Restmüll, Pappe und Papier, Grüner Punkt, Kompost, Sondermüll, Glas.

Seit ich in Japan wohne, muss ich in zwei neuen großen Kategorien denken: brennbar und nicht brennbar. Hinzu kommen dann noch ein paar andere Einteilungen, die auf Anhieb für mich verständlicher waren.

In der alten Wohnung hatten wir für die großen Kategorien entsprechend eingefärbte Plastiktüten – blau und gelb –, die man im Supermarkt kaufen konnte. In meinem jetzigen Bezirk kann ich jedoch normale, halbtransparente Tüten verwenden.

Oft entschied ich oft nach Gefühl, welche Produkte brennbar und welche nicht brennbar sind, und war manchmal verwirrt über die Gegenstände, die ich bereits im gelben oder blauen Beutel vorfand. Ich habe offenbar eine recht verklärte Vorstellung davon, was man verbrennen kann: Papier, Holz, Lebensmittelreste, Stoff, Wolle – aber auf keinen Fall Kunststoff!

Zum Glück erhielt ich von meiner jetzigen Hausverwaltung eine Auflistung, die mir das System endlich näher bringt und genau erklärt, an welchem Tag ich welche Art von Müll unten vorm Haus in einen Gitterverschlag legen muss, damit er entsorgt werden kann.

Der brennbare Müll wird montags und donnerstags abgeholt und besteht aus Altpapier, Gummi, Lederprodukten, CDs, Plastikprodukten, Kleidung, Stoff, Windeln und Essensabfällen, die ich erst einmal in einer Art Tischabfallbehältnis neben dem Waschbecken sammele, denn meine Mülleimer haben keine Deckel.

Nicht brennbarer Müll setzt sich zusammen aus Porzellan, Dingen aus Glas, Metallprodukten, Aluminiumfolie, Glühbirnen, Tuben, höchstens 30 cm große Elektrogeräten, Batterien, Metallkabeln, leeren Spraydosen und Feuerzeugen und können nur jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat vor die Türe gestellt werden.

Jeden Dienstag werden folgende Dinge abgeholt, die entsprechend der Kategorien getrennt bereit gestellt werden müssen: Mit einem Faden zusammen gebundene Zeitungen, Pappe und Milchkartons – die zuvor gewaschen, dann zu einer großen Fläche auseinander geschnitten beziehungsweise gerissen und anschließend getrocknet wurden.
PET-Flaschen, die zuerst gespült und dann zusammengedrückt wurden, wobei die Deckel in den brennbaren Montags- und Donnerstagsmüll gehören. Glasflaschen ohne Deckel sowie Aluminium- und Stahldosen.

Am Samstag kommt die Müllabfuhr für Plastik- und Styroporverpackungen, die das Recycling-Zeichen tragen. Sollten sich Essensreste daran befinden, müssen diese vorher abgespült werden, sonst gehören sie in den brennbaren Müll.

Die Einteilung in brennbar und nicht brennbar ist für mich mittlerweile sehr nachvollziehbar und die Überlegung, welchen Müll ich für den nächsten Tag vor die Türe stellen muss, wird schon bald eine abendliche Routine sein.