2016年6月26日 – 息する – iki suru – atmen

Tagelang unter der Glasglocke wegen schlechter, bedrohlicher Nachrichten von zu Hause, dazu erstmals Gäste, die ich kaum ertrage, weil ihr Verhalten mir gegenüber immer wieder rechthaberisch und unverschämt ist, nur manchmal drapiert mit einem falschen Lächeln und heuchlerischer Freundlichkeit in zu schrillem Tonfall.

The trick is to keep breathing, denke ich, wenn ich nicht gerade fast durchdrehe. Ich gehe meinem Alltag nach wie eine Marionette, irgendwer bewegt mich von einem Ort zum anderen, zwingt mich, Grammatik und Vokabeln zu behalten, dem Unterricht zu folgen, ohne in Tränen auszubrechen, Tische umzuwerfen und Das ist doch alles Quatsch! zu brüllen.

Dann die erlösende Nachricht: die Situation daheim ist scheiße und eine Zäsur, aber nicht lebensbedrohlich. Endlich darf mein Körper einknicken und die Klimaanlagen in Schule, Zügen und Geschäften haben gewonnnen. Ab Donnerstagbend liege ich mit einer Erkältung im Bett und kann kaum atmen, denn die Luft ist wegen der Regenzeit feucht und warm gleichermaßen. Ich flüchte zum ersten Mal seit ich hier bin stundenlang in Fiktion, in die düstere Welt des Frauengefängnisses in Litchfield.

Da heute endlich wieder die Sonne scheint, will ich ans Meer fahren, mich in der Unendlichkeit verlieren, nur den Horizont sehen und den Möwen zugucken, nichts denken. Doch mir ist nach wie vor schwindelig und ich bin viel zu kurzatmig für einen richtigen Ausflug. Deshalb fahre ich ganz langsam mit dem Fahrrad in den Park um die Ecke, sitze an einem der Picknick-Tische, schreibe Postkarten und lasse Menschen an mir vorbeiziehen wie lose Gedanken.

Ich nehme unbeabsichtigt niemals den gleichen Weg. Jedes Mal fahre ich eine andere Strecke, doch die Straßen ähneln sich. Sie sind schmal, manchmal schotterig, gesäumt von kleinen Häusern, die oft durch Zäune voneinander getrennt sind. Menschen haben auf Balkonen ihre Bettdecken zum Lüften aufgehängt, sie selbst sind meist nirgendwo zu sehen. Wenn es geregnet hat, riecht es an einigen Orten dunkel nach Erde, ab und zu liegt irgendein Blütenduft in der Luft. Ich bewundere die vielen Hortensien, die je nach Beschaffenheit des Bodens eine andere Farbe annehmen, schaue torkelnden Schmetterlingen hinterher und höre dem Vogelgezwitscher zu. Das alles erinnert mich an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin.

Ich denke daran, wie wir im Sumpfgebiet heimlich ein Lagerfeuer machten, wie oft wir verschwitzt durch Gewitter und gegen die Zeit vom nahegelegenen Baggersee nach Hause radelten, wie wir die Sommerferiennächte in dem Wohnwagen verbracht haben, der den Eltern meiner Freundin gehörte, ich denke an die vielen Maisfelder, in deren Reihen man sich verstecken konnte, an Clogs, an den frischen Kohlrabi aus Omas Garten, die grünen Bohnen, die ich trotz Verbots direkt vom Strauch aß, und an den Geruch von frisch gesägtem Holz, wenn Papa und Opa den ganzen Tag im Schuppen hinterm Haus verbrachten, um den Heizvorrat für den Kachelofen im Winter aufzufüllen. Erinnerungen, die ich selten habe, wenn ich tatsächlich dort vor Ort bin.

Im Gegensatz zu Deutschland genieße ich es hier, nicht mitten in der Stadt zu leben. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, warum ich mich hier in einem Vorort von Tokio so wohl fühle, aber unglücklich wäre, lebte ich irgendwo im Umkreis von Köln, Berlin oder gar Freiburg: die Infrastruktur. Hier fährt alle fünf Minuten ein Zug, der mich in 22 Minuten zu einem der größten Bahnhöfe der Welt in der größten Stadt der Welt trägt – ganz abgesehen von den vielen anderen interessanten Orten, die bereits auf dem Weg dorthin liegen. Ich muss auch nach Mitternacht keine Angst im Zug haben, der mich wieder zurück bringt. Und im Umkreis von einem Kilometer rund um meine Wohnung gibt es gleich mehrere Geschäfte, die rund um die Uhr geöffnet sind.

Ich habe hier das beste aus zwei Welten – und solange ich nicht gezwungen bin, morgens und abends im Berufsverkehr Zug zu fahren, ist das wundervoll. Lediglich mehr Katzen könnte es in der Nachbarschaft geben.