2016年8月24日 – 8月の暑さ – hachigatso no atsusa – Augusthitze

kaffee

Gestern habe ich nachgesehen, wann die Temperaturen endlich wieder dauerhaft unter 30 Grad sinken. Ich muss mich leider noch ein wenig gedulden. Gleichzeitig habe ich mir die Messungen der letzten Wochen angesehen, um mich davon zu überzeugen, dass ich seit Anfang Juni das erlebe, was bei uns in Deutschland als Sommer- beziehungsweise Hochsommerwetter bezeichnet wird. Toll, wenn es warm, aber nicht heiß ist.

Eine Bekannte, die seit fast zwei Jahrzehnten in Tokio lebt, sagte neulich, der August sei in Japan immer am schlimmsten, was mich etwas beruhigt, denn die Hitze tut mir nicht gut. Mit ihr sinkt nicht nur mein Blutdruck, ich habe auch ständig Kopfschmerzen. Oft bewege ich mich vorwärts als löste ich mich jeden Moment auf. Ich muss dann immer an jenes Familien-Foto denken, das Marty McFly am Ende von Zurück in die Zukunft an seine Gitarre klemmte: Zuerst verschwinden darauf seine Geschwister, danach beinahe auch er selbst.

Ich verbarrikadiere mich deshalb die meiste Zeit mit schlechtem Gewissen und voller Bedauern in der Wohnung, wo ununterbrochen die Klimaanlage läuft. Ich hätte nie gedacht, dass ich ein elektronisches Gerät so lieben und so sehr um es bangen würde. Ich kenne jede Funktion und weiß genau, wie oft ich den ovalen gelben Knopf der Fernbedienung drücken muss, damit die kalte Luft eine andere Richtung einschlägt.

Gehe ich nach draußen, fällt es mir schwer, den Ausschalter zu betätigen, weil ich weiß, ich werde kaum atmen können, wenn ich die Wohnung nach ein paar Stunden wieder betrete. Bei jeder Rückkehr ist es, als setzte ich mich in ein heißes Auto und ich hoffe, nicht ohnmächtig zu werden, bevor die Klimaanlage die Situation wieder in den Griff bekommt.

Hinaus gehe ich meist nur, wenn ich muss: zum Unterricht oder zum Sprachaustausch. Obwohl beides mehr der Alltagsstruktur, denn der Effizienz dient, denn ich bin nicht so recht aufnahmefähig und kann mich nur mühsam an Grammatik, Satzstrukturen oder Vokabeln erinnern. Den absoluten Tiefpunkt stellte ein Treffen vorletzte Woche dar, bei dem ich mich nach zehn peinlichen Minuten dazu entschloss, meinen Gesprächspartner mit noch mehr Englisch, statt meinem schlechten Japanisch zu beglücken. Ich war seither nicht mehr dort, aus Angst vor einer weiteren Blamage.

Wie bei meinen Nachbarn hängen auch neben meiner Wohnungstüre gleich mehrere Schirme. Ich gehe seit Wochen nicht mehr ohne aus dem Haus. Zum Einen, weil es schonmal regnet, zum Anderen, weil ich mich vor der Sonne schützen möchte. Ein Schirm hält nicht nur die direkte Hitze, sondern auch UV-Strahlung ab, und es gibt hier welche, die deshalb an der Innenseite eine zusätzliche, silberne Schicht haben.

Ich habe letztes Jahr in Berlin auch ab und zu einen Sonnenschirm benutzt – obwohl ich damit als neurotischer Freak abgestempelt wurde. Ein Mal begegnete mir dort jedoch eine Frau, die ebenfalls mit aufgespanntem Sonnenschirm die Greifswalder Straße entlang ging. Wir grüßten uns lächelnd aus der Ferne, indem wir unsere Schirme ein zwei Mal leicht hoben und senkten. Als wir später gemeinsam an der Straßenbahnhaltestelle standen, stellte sich heraus, dass sie die meiste Zeit in Japan lebt. Hier ist es normal, sich vor der Sonne zu schützen. Manche Frauen kleiden sich aus diesem Grund mit großen Hüten, einem Mundschutz und eng anliegende Überziehern für Arme oder gar Beine, sowie Handschuhen. An einem französischen Strand hätten sie so gewiss nicht lange ihre Freude.

Ich trage ausschließlich Kleider und meist ein kleines Jäckchen, um Schultern und Oberarme zu bedecken. Außerdem verwende ich eine Sonnencreme mit sehr hohem Lichtschutzfaktor. Ausgerechnet in geschlossenen Räumen achte ich auch darauf, mein Dekolleté zu verhüllen, denn ein tiefer Ausschnitt ist hier nicht üblich. Ich besitze allerdings fast nur solche Kleider, denn ich mag mein Dekolleté. So werde ich werde ab und zu missbilligend gemustert, wenn ich wieder einmal vergesse, ein Tuch umzulegen, während ich in der vollen U-Bahn stehe oder sitze.

Wegen des Regens der letzten Tage ist die Luft nicht nur heiß, sondern auch feucht und zäh, umschließt jeden Geruch, hält ihn geradezu hoch, und manchmal muss ich mir mein kleines rosa Taschenhandtüchlein vor die Nase halten, damit mir nicht übel wird. Kaffee trinke ich schon seit Wochen die meiste Zeit kalt, und der Einfachheit halber steht in meinem Kühlschrank mittlerweile eine 1-Liter-Packung voller Kaffee aus dem 100-Yen-Shop, dem ich Milch hinzufüge, wenn ich mir daraus einschenke. Ich nehme an, weil sich Zucker in kalten Getränken nicht auflöst, gibt es in Cafés stattdessen klaren Sirup, doch ich habe mich in diesem Monat nicht nur von warmem, sondern auch von gesüßtem Kaffee entfremdet.

Meine Sehnsucht nach frischer Luft, einer angenehm kühlen Brise ist groß, weshalb ich heute Abend in der Hoffnung auf Durchzug meine Wohnungstüre sowie das Fenster geöffnet habe. Der Effekt ist kaum spürbar, aber ich merke, dass die größte Sommerhitze langsam vorüber ist. Bereits gestern saß ich mehrere Stunden so da, schloss erst zum Schlafengehen das Fenster und schaltete die Klimaanlage wieder an. Noch wache ich jeden Morgen erschöpft auf, als habe ich die Nacht im Koma verbracht, doch es ist ein Anfang, und ich merke, wie gut es mir tut, endlich wieder in einem Raum mit geöffnetem Fenster zu sitzen und echte Luft zu atmen.