2011年11月19日

Eine anhaltende Empörung darüber, dass KLM mir einen Tag in Japan gestohlen hat, indem der Flug nach Amsterdam gestrichen und der Anschlussflug somit unerreichbar wurde. Erst ein Tränenausbruch am Telefon konnte verhindern, dass daraus nicht gar drei Tage geworden sind. Der mit Angst erwartete Flug über Paris – wer je am Charles-de-Gaulle-Flughafen umsteigen musste, vermag dies nachzuvollziehen – verläuft erstaunlich reibungslos. Vom Zufall aufeinander abgestimmte Zahnräder greifen präzise ineinander und ich erscheine noch vor der Boarding Time am Gate.

Ich kann während des ganzen Fluges nicht schlafen, sitze gefangen an einem Fensterplatz, neben mir zwei kleine Japanerinnen, die ein von der Bordunterhaltung bereitgestelltes Computergame spielen oder schlafen. Meist sitzen sie mit hochgezogenen und angewinkelten Beinen da. Ich hingegen strecke gequält die Füße unter den Sitz meines Vordermanns.
Drei Stunden vor der Landung, als es schon ein wenig hell wird, schiebe ich das Verdeck des Fensters kurz nach oben. Wir fliegen über flaches Gebirge, in erodierten Mulden und Ritzen liegt Schnee. So sieht die Einsamkeit aus.

In der Ferne kann ich Lichter einer kleinen Siedlung erkennen, ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Vermutlich irgendwo über Russland. Das Boardprogramm mit den Flugdaten zeigt lediglich einen Installationsfehler in einer bestimmten Partition an.
Eine Stunde vor der Landung bekomme ich Panik. Was, wenn ich mich nicht zurechtfinde? Was, wenn das Gefühl, so weit fort und allein zu sein, nicht schwindet?

Während des Fluges schaue ich Lost in Translation, The Beaver, Melancholia, eine Folge Simpsons, eine Folge Two And A Half Men und den Anfang von The Virgin Suicides. Als Trip Fontaine die Szenerie betritt, setzen wir zur Landung an. He’s a magic man!

Bereits im Flugzeug hatte sich alles verkehrt: um mich herum s ausschließlich Japaner. Nun bin ich die, die anders ist. Als ich später in der U-Bahn stehe, alle um mich herum in ihren Alltag versunken sind, ganz so wie ich es sonst bin, wenn ich durch Berlin fahre, erscheint es mir, als befände ich mich in einer invertierten Parallelwelt.

Meine Gastgeberinnen haben mir eine Wegbeschreibung zur Wohnung geschickt. Ich frage mich durch, bekomme Tickets gekauft, weil ich die Automaten nicht entziffern und bedienen kann, folge den spärlichen Schildern, die in lateinischer Schrift verfasst sind. Auf der einen Seite verstörend und die Autonomie beschneidend, fast nichts mehr lesen zu können, so ist es auch befreiend: ein Großteil der überflüssigen Informationen fällt weg, meine Wahrnehmung ist herunter gebrochen auf Bilder.

An der Nezu-Station verlasse ich die U-Bahn, überquere die Straße und weiß genau, wo ich hin muss, weil ich mir den Weg bereits auf Google Street View angeschaut habe. Es fühlt sich vertraut an und so stört mich nicht einmal der strömende Regen, der bereits seit meiner Ankunft ohne Unterlass vom Himmel fällt. Durch große Pfützen stapfe ich die Außentreppe des Wohnblocks hinauf in den zweiten Stock, hebe die Fußmatte an, unter der der Wohnungsschlüssel liegt und schließe auf.

Als später Maria nach Hause kommt, trinken wir grünen Tee. Anschließend gehen wir nach draußen, kaufen einen durchsichtigen Plastikregenschirm für mich und schlendern gemeinsam durchs Viertel, bis wir in einem japanischen Fastfood-Restaurant sitzen. Ich bestelle irgendeine Kombination aus Bildern, die sich als Misosuppe, Kimchi sowie Reis mit fettigen Rindfleischschnipseln und Zwiebeln entpuppt. Die Vegetarierin ist in Deutschland geblieben. Ich will und werde hier – zumindest in dieser Hinsicht – alles gedankenlos essen und probieren. Maria erzählt mir, dass im Supermarkt Gemüse aus Fukushima verkauft wird. Es bleibt niemals liegen.

Draußen ist es grau, der Regen prasselt, ich habe seit über 24h nicht mehr geschlafen und gebe mich am Nachmittag geschlagen. Als ich wieder erwache, ist es halb acht und Joana kommt nach Hause.
Morgen werde ich sehr früh aufstehen.
Es regnet immer noch.