2016年7月19日 – 電車で – densha de – Im Zug II

Einen Sitzplatz im Zug zu bekommen, ist morgens eigentlich unmöglich, aber auch mittags muss ich oft stehen, während ich mich in die Stadt tragen lasse. Doch besonders abends, nach einem langen anstrengenden Tag, verfluche ich meine Entscheidung, in einen Vorort gezogen zu sein und 25 lange Minuten mit müden Beinen ohne Sitzplatz im Zug verbringen zu müssen.

Es gibt aber auch Fahrten, die ich sitzend zurück lege, denn an ein paar Bahnhöfen steigen viele Menschen aus und ein, manchmal wechselt gewiss die Hälfte der Passagiere. Deshalb ist es immer sinnvoll, sich irgendwo in dem Gang zwischen den Sitzen aufzuhalten, die sich mit dem Rücken entlang der Fenster reihen, und nicht in der Nähe der Türen zu stehen. Nur so kann ich eventuell einen Platz bekommen, der unterwegs frei wird, und meist merke ich schon vorher, ob eine Person gleich aussteigen wird, weil sie ihre Dinge zusammen räumt, sich etwas aufrechter hinsetzt und ihr Körper leicht angespannt ist.

Sitz ist jedoch nicht gleich Sitz. Wer, so wie ich, breite Schultern hat, muss sich inmitten der Sitzreihe sehr schmal machen, um rechts und links niemanden zu berühren. Außerdem kann es passieren, dass die Person, neben der man sitzt, schläft und immer wieder in Zeitlupe umkippt. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn man zwischen zwei schlafende Menschen gerät.

So kommt es öfters mal vor, dass sich Menschen umsetzen. Zum Beispiel, wenn sich an einer anderen Stelle ein Platz auftut, neben dem nur eine Seite besetzt ist. Noch besser sind selbstverständlich drei freie Plätze nebeneinander, damit man sich auf den mittleren Platz setzen kann. Doch wer weiß schon, wie lange diese Freiheit anhält?

Deshalb sind die Sitze am Rand, direkt neben der Türe, am beliebtesten. In vielen Zügen haben sie eine Begrenzung mit einer Vertiefung. Das bedeutet, man kann sich dort anlehnen, hat mehr Platz, muss nur auf die Person auf der anderen Seite Rücksicht nehmen und kann auch nur von einer Seite angeschlafen werden. Außerdem bietet die Begrenzung die Möglichkeit, den Sonnen- oder Regenschirm einzuhängen, der dann nicht mehr umständlich festgehalten werden muss.

Ich habe den Eindruck, dass es eher Frauen sind, die die Plätze wechseln. Ich bin eine von ihnen.

2016年6月29日 – 口 – kuchi – mund

Die meiste Zeit des Tages trage ich draußen einen Mundschutz, damit ich niemanden anstecke und in Ruhe husten kann, ohne dass Menschen von mir abrücken oder hektisch selbst einen Mundschutz auspacken. Vor ein paar Wochen musste ich im Zug einmal niesen und der ältere Herr neben mir rüstete danach sofort auf, indem er den Großteil seines Gesichts hinter weißem Fließ verbarg.

Ich habe den Mundschutz hier aber auch schon getragen, um entspannter atmen zu können, als die Luft im Zug trotz Klimaanlage feucht und schwer war, sie die Ausdünstungen all der Menschen um mich herum fest umschlossen hielt und auf Alkohol- und Schweißausdünstungen sowie in Haaren festhängenden Bettgeruch wirkte wie ein Verstärker.

Bei meinem ersten Aufenthalt in Japan hat mich der Anblick von Menschen mit Mundschutz reflexhaft verstört, musste ich doch sofort an Katastrophenfilme, Epidemien oder Krankenhäuser denken. Ich erinnere mich, wie mir jemand damit in den menschenleeren Häuserschluchten von Shinjuku entgegen kam, und ich sofort zusammen zuckte. Mittlerweile habe ich mich längst an den Anblick gewöhnt und kann nichts Sonderbares mehr daran finden.

Es gab in den letzten Jahren ab und zu Situationen, in denen ich – sowohl zuhause als auch in der Öffentlichkeit – ohne darüber nachzudenken, meine Kopfhörer nicht beiseite gelegt habe, obwohl das Album längst abgespielt oder der Podcast längst zu Ende war. Kopfhörer schaffen eine Distanz zur Welt, sind meine Festung. Mit einem Mundschutz geht es mir ähnlich und es ist gemütlich – obwohl damit schonmal meine Brille beschlägt.

2016年6月15日 – 電車で – densha de – Im Zug I

Wann immer ein Zug, so wie heute Abend, bereits recht voll ist, beobachte ich eine Technik, die angewandt wird, um effektiv, aber dennoch mit Haltung in einen Zug einzusteigen. Dabei machen die Menschen einen Schritt in Richtung Türe, während sie sich über die Schulter eindrehen, bis sie letztendlich rückwärts einsteigen und die Mitfahrenden, ohne sie anzublicken und unangenehm berühren zu müssen, tiefer ins Innere des Wagons schieben können. Ihr Druck ist in der Regel unnachgiebig und stark, und je voller der Zug, desto weniger Rücksicht nehmen sie auf andere Passagiere. Ich werde diese Technik ab November in Berlin anwenden – vermutlich haut mir dann jemand aufs Maul.