2016年8月28日 – 怖い – kowai – gruselig

Vergangene Nacht schlief ich zum ersten Mal wieder ohne Klimaanlage und bei geöffnetem Fenster. Alles um die klaffende Lücke zwischen Fliegengitter und Fensterrahmen herum habe ich zuvor großzügig mit Spray zur Kakerlaken-Abwehr bedacht, obwohl mir nun seit drei Wochen keines der Tiere mehr begegnet ist. Mittlerweile zucke ich kaum noch zusammen, wenn ich im Augenwinkel etwas Sonderbares wahrzunehmen glaube, und ich habe aufgehört, Gebäude, Wohnungen und Menschen, die mir begegnen, in Kakerlaken umzurechnen.

Im Ukiyo-e-Museum in Harajuku war ich bereits im vergangenen Herbst gewesen. Ich hatte großes Glück, seinerzeit eine Ausstellung besuchen zu können, die die verschiedenen Techniken des Holzdrucks und der dazu gehörenden Malerei erklärte, sowie die unterschiedlichen Disziplinen. So gab es Handwerker, die besonders gut im Umsetzen von Haaren waren, andere hatten sich zum Beispiel auf Stoffmuster oder Transparenzen spezialisiert. Meist arbeiteten sie gemeinsam an einem Werk, um den Vorstellungen des eigentlichen Künstlers, der das Bild entworfen hat, gerecht zu werden. Das Museum hat an diesem Tag meinen Blick auf japanische Holzdrucke völlig verändert, und weil dort heute die Ausstellung mit dem Titel Scary Pictures of Ukiyo-e endet, mache ich mich auf den Weg nach Harajuku.

 
Die Strecke von meiner Wohnung bis zum U-Bahnhof beträgt fast einen Kilometer. Länger als der Weg von der alten Wohnung bis zum Bahnhof, welcher fast nur geradeaus verlief, und auf dem es nichts zu sehen gab. Weshalb ich ihn stets mit dem Fahrrad zurück legte, was wiederum sehr schön war. Den jetzigen Weg gehe ich immer zu Fuß, denn er ist in mehrere kurze Abschnitte unterteilt, und ich habe mich immer noch nicht satt gesehen an den winzigen Restaurants, alten Häusern, Bürogebäuden, Konbinis, Gehwegverzierungen, Frisiersalons, Bars und Wohnhäusern, die er für mich bereithält. Zumal ich gleich zu Beginn eine kleine Brücke über einen Flussarm hinweg überquere, von der aus ich den Skytree sehen kann.

 

 
Obwohl der Turm aussieht wie eine Rakete, die demnächst in Richtung Todesstern aufbricht, mag ich seinen Anblick, denn er erinnert mich an daheim, wo ich auch sofort den Fernsehturm am Alexanderplatz sehe, wenn ich das Haus verlasse. Dass heute die Spitze des Skytrees verschwunden, sie von ein paar dunklen Wolken umhüllt ist, verstärkt diesen Eindruck noch. Ich bleibe stehen, mein Blick bleibt kurz am Horizont hängen und findet dann zu dem Mann, der am Rand des Flussarmes steht, im trüben, abgestandenen Wasser nach Fischen angelt und einer streunenden Katze etwas zu fressen hinwirft.

Weil ich nichts gefrühstückt habe, kaufe ich mir im Konbini zwei Onigiri, die ich im Gehen esse, obwohl das sehr verpönt ist. Ich glaube, es ist die einzige unausgesprochene Regel hier, die ich bewusst breche. Meine geheime Rache, wegen all jener Menschen, die neben mir ständig die Nase hochziehen, weil das hier nunmal höflicher ist als ein Taschentuch zu verwenden. Dass man Nudeln laut schlürfen darf, finde ich hingegen großartig, denn es erleichtert das Essen von Ramen ungemein – erklärt aber vielleicht, warum in den meisten Ramen-Restaurants, vor allem denen der günstigen Ketten, selten Frauen sitzen. Dass das Gericht sehr viele Kalorien hat, spielt aber gewiss auch eine Rolle, denn Schlanksein ist hier noch viel wichtiger als in Deutschland.

 
In Harajuku reihen sich total crazy Geschäfte, Cafés, Designerläden, Restaurants und Menschen aus aller Welt aneinander, und obwohl es eine der wenigen Gegenden in Tokio ist, wo ich überhaupt nicht auffalle, habe ich nur selten Lust darauf, hier zu sein. Vielleicht, weil ich eines der größten Klischees erfülle, wenn ich mich mit rosa Haaren und bunten Kleidern in Harajuku herumtreibe. Dass sich ausgerechnet hier das Museum befindet, wundert mich immer wieder, und zum Glück ist der Weg dorthin vom U-Bahnhof sehr kurz.

Im Museum ist es zwar voll, und dadurch längst nicht so betörend still wie beim letzten Besuch, doch die Anzahl der Menschen, die sich andächtig von Exponat zu Exponat bewegen, ist gerade noch gering genug, dass alle zu jeder Zeit ein Bild oder einen erklärenden Text betrachten können. Lediglich das Chinesisch sprechenden Paar hinter mir geht mir auf die Nerven, weil die beiden mit jeder Minute lauter werden und immer ein wenig zu schnell fertig sind, mir nicht genügend Zeit geben, mich auf ein Bild einzulassen. Als ich sie jedoch passieren lasse, bin ich ganz bei den Geistern, Gespenstern, Monstern und blutüberströmten Figuren.

Utagawa Yoshiiku “One Hundred Ghost Stories: Ghost” (Ōta Memorial Museum of Art)

 
Kaum eine der abgebildeten Szenen wurde von den Künstlern erfunden. Vielmehr handelt es sich um Bilder zu alten Geschichten und historische Überlieferungen, oder – sehr meta – um Bilder von Theateraufführungen jener Geschichten, mit Berühmtheiten in der Rolle der Geister oder ihrer Widersacher. Leider werden die Erzählungen nur kurz oder überhaupt nicht auf Englisch angerissen, obwohl ich sehr gerne viel mehr über sie erfahren möchte. Auch wenn es schonmal Geschichten über Männer sind, die ihre Frauen ermorden – gewollt oder versehentlich – und anschließend von diesen heimgesucht werden. Oder Erzählungen von toten Frauen, die mit ihrer Fehlgeburt im Arm am Wegesrand stehen. Es gibt auch Monster, die bei Nacht Frauen das Gesicht ablecken und welche, die Männern den Zugang zu bestimmten Orten verwehren. Oder Geisterarmeen, die Partygesellschaften schrecken und durch bloßes Zurückstarren des selbstverständlich unbeeindruckten Hausherrn abgewehrt werden. Ich sehe Monsterspinnen, die von Männern in Schach gehalten werden, die sich in Körben vom Himmel herablassen, und Samurai, die bedrohliche Riesen bekämpfen.

Ich lese so viele Namen von Menschen und Bezeichnungen von Monstern und Geistern, dass ich am Schluss nichts behalte. Dabei interessieren mich die Geschichten hinter den Bildern noch mehr als die Bilder selbst. Denn im Gegensatz zur letzten Ausstellung, die einen generellen Überblick lieferte und viele unterschiedliche Exponate zeigte, dominieren nun die immer gleichen düsteren Farben und eben auch die Themen.

Als ich auf der Rückfahrt in der U-Bahn meinen Kindle öffne und auf den Japan-Ordner tippe, bestätigt sich meine Vermutung: Es befinden sich Japanische Geistergeschichten darin, die ich mir irgendwann für 99 Cent gekauft und beinahe vergessen habe. Bereits nach dem Lesen der ersten Zeilen verstehe ich, wieso unter anderem im Titel des oben ausgewählten Bildes, das mir wegen seiner Schlichtheit besonders gut gefallen hat, die Worte One Hundred Ghost Stories stehen:

In der Edo-Zeit (1603-1868) gab es ein beliebtes Gesellschaftsspiel namens ‚Hundert Geschichten‘, bei dem die Gäste sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählten. Nach jeder Geschichte wurde eine Lampe gelöscht, bis die ganze Gesellschaft im Dunkeln saß.
Japanische Geistergeschichten, Lafcadio Hearn, Null Papier Verlag