2017年10月10日 – カボチャの島 – kabocha no shima – Kürbisinsel

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Mein Apartment auf Naoshima erinnert mich an jenes, in dem ich letztes Jahr in Tokio drei Monate gewohnt habe. Allerdings ist die Wohnung hier nun größer und ich wäre sehr glücklich über so viel Raum gewesen. Letztendlich verschmelzen hier Attribute, wie ich sie bereits aus mehreren japanischen Wohnungen kenne – die Fensterverriegelungen, die Küchenschränke, die Funktionalitäten im Badezimmer, der Warmwasser-Schalter, der Spiegelschrank überm Waschbecken, die Magnete, welche die Vorhänge zusammen halten – und es ist gut, kein Hotel gebucht zu haben, so dass ich wenigstens für zwei Nächte das Gefühl habe, hier zu wohnen und nicht nur auf der Durchreise zu sein.

 
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Naoshima ist keine große Insel. Dennoch bin ich froh, dass sich der gelbe Kürbis von Yayoi Kusuma nur einen Kilometer entfernt von meiner Wohnung befindet: es ist bereits vormittags sehr heiß, der Weg dorthin bergig und ich habe – im Gegensatz zu den wenigen anderen Menschen hier – kein Elektrofahrrad, ja nicht einmal eine Gangschaltung. Umso dankbarer bin ich, dass ich den Kürbis tatsächlich eine ganze Weile für mich alleine habe. Ich blicke hinaus aufs Meer, leise schwappen ein paar Wellen, die Sonne scheint mit ins Gesicht und ich halte es immerhin zehn Minuten lang aus, einfach nichts zu machen. Mein bisher schönster Moment der Reise.

Dass sich so wenige Gäste auf der Insel befinden, ist dem gestrigen Feiertag geschuldet, weswegen die Museen gestern ausnahmsweise geöffnet und dafür heute geschlossen haben. Zuerst war ich verärgert über meine schlechte Reiseplanung, aber ich bin ja ohnehin hauptsächlich nach Naoshima gekommen, um mich zu erholen.

 

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So angenehm mir die Abwesenheit vieler Menschen ist, wenn ich mich bei einem der Kunstobjekte befinde – sobald ich unterwegs bin, erzeugt die Einsamkeit Stress, der mir leider bereits als junges Mädchen eingepflanzt wurde: Wenn nirgendwo Menschen sind, sind Verbrecher nicht weit, da mir niemand zu Hilfe eilen kann. Dies löste bereits am Vorabend Unbehagen aus, als ich vom Hafen einen Kilometer die Landstraße mit meinem Rollkoffer zu meinem Apartment gehen musste, und auch jetzt, wo ich in der prallen Mittagshitze das Fahrrad immer wieder Hügel hinauf schiebe und mich völlig verausgabe, bin ich angespannter als mir lieb ist, dabei ist Japan vermutlich eines der Länder, in denen ich in solchen Situationen am wenigsten zu befürchten habe. Doch die Angst lässt sich nicht so einfach abschütteln, da sie längst ein Teil von mir geworden ist. Zum Glück entschädigt mich immer wieder die atemberaubende Aussicht. Auf der anderen Seite der Insel gibt es außerdem einen weiteren Kürbis sowie den einzigen Konbini, wo ich mich mit Lebensmitteln eindecke. Noch mehr Gewicht, das ich auf dem Rückweg die Berge hinauf schiebe.

 
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