2016年9月11日 – 漫画 – manga

Ich habe wenig Ahnung von Mangas. In meinem Bücherregal zuhause stehen ein paar, die ich alle auf einmal geschenkt bekam, weil ein Bekannter seine Comic-Sammlung aufgeräumt hat. Viele davon sind sogar auf Japanisch und ich ahne mittlerweile, dass sich darunter ein paar Schätze befinden. Hoffentlich fällt es mir demnächst endlich leichter, sie zu lesen.

Ich hatte mir jedoch auf Deutsch Kirihito des Manga-Meisters 手塚 治虫 · Tezuka Osamu besorgt, weil ich einen ersten Eindruck von japanischen Comics bekommen wollte und mir deshalb der Künstler – zurecht – sehr ans Herz gelegt wurde. Ich möchte hier auf jeden Fall noch etwas von ihm kaufen, weil gebrauchte Comics sehr günstig sind und ich versuchen will, ihn im Orignal zu lesen. Da ich jedoch wenig Platz im Koffer habe, stelle ich die meisten Bücher schweren Herzens wieder ins Regal und kaufe auch nur ab und zu Mangas. Beispielsweise die Vorlage für eines der ersten japanischen ドラマ · dorama · Dramas, das ich je gesehen habe: 日本人の知らない日本語 · Nihonjin no shiranai nihongo · Das Japanisch, das die Japaner nicht kennen.

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Die Autorin 海野凪子 · Umino Nagiko erzählt von ihren Erlebnissen als Japanischlehrerin. In jedem Kapitel geht es um andere Probleme, die ihre Schüler und Schülerinnen mit der japanischen Sprache oder der Kultur haben. Es ist deshalb eigentlich auch ein kleines Lehrbuch und erinnert mich an meinen hiesigen Schulalltag.

So fragte ich ganz zu Beginn eine meiner Lehrerinnen, ob die Aussprache kara des gerade gelernten Kanjis 空 mit der Bedeutung leer auch für das Kara in Karaoke verantwortlich sei, weil ich mich zu erinnern glaubte, dass dies leeres Orchester bedeutet. (So wie in 空手 für Karate, also leere Hand.) Da Oke jedoch die Abkürzung für Orchester ist, wird カラオケ · Karaoke immer nur mit dem Silbenalphabet geschrieben, das ausschließlich für Lehnwörter da ist (und nur manchmal für andere Wörter genutzt wird, um sie zu betonen oder moderner zu machen). Meine Lehrerin konnte – ganz wie die Figur aus dem Manga – die Frage erst einmal nicht beantworten, doch am nächsten Tag kam sie extra in den Unterrichtsraum, um mir zu sagen, dass das Kanji 空 theoretisch tatsächlich Teil des Wortes Karaoke sei.

 

Ich habe mir auch einen ドラえもん · Doraemon-Band gekauft. Zwar kannte ich bereits die Figur, doch ich wusste nicht, worum es in dem Manga eigentlich geht, bis er in meinem Lehrbuch vorgestellt wurde: Ein Roboter aus der Zukunft wird zum helfenden Gefährten eines Jungen, der schwach, unsportlich und faul ist, und unterstützt ihn mit allerlei Gerätschaften und magischen Dingen, die er aus seiner Bauchtasche zieht.

Ich finde es gut, dass ich mein Wissen über Doraemon ausschließlich auf Japanisch erlange. Das ist vor allem deshalb toll, weil es exklusive Dinge im Doraemon-Universum gibt, die ich sofort mit ihren japanischen Namen kennengelernt habe. Beispielsweise die どこでもドア · dokodemodoa – eine Türe, mit deren Hilfe man überall hingelangt. Oder das アンキパン · ankipan – ein Brot, das dabei hilft, sich Dinge zu merken. Bei diesem Wort findet übrigens das gleiche statt wie bei Karaoke: der vordere Teil 暗記 · anki bedeutet Auswendiglernen und wird eigentlich mit Kanji geschrieben. Weil pan aber ein Lehnwort ist, wird das zusammengesetzte Wort vollständig mit einem der Silbenalphabete dargestellt. Dass es ein Vokabelkartenprogramm gibt, das Anki heißt, ist selbstverständlich kein Zufall.

Die Kanji, aus denen sich Anki zusammensetzt, bedeuten übrigens 暗 · dunkel und 記 · Aufzeichnung. Solche Dinge sind es, die mich erneut motivieren, wenn ich wieder einmal merke, dass ich nach wie vor so wenig weiß und lediglich banale Gespräche auf Japanisch führen kann. Dann nehme ich eines der oben genannten Bücher mit und lese darin, während U-Bahn fahre. Dabei freue ich mich allerdings so sehr darüber, dass ich in Japan in der Öffentlichkeit einen Manga im Original lese, dass ich noch länger dafür benötige als ohnehin schon.

 
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Im neu eröffneten Parco Museum in Ikebukuro findet noch bis Ende des Monats eine Ausstellung der Mangakünstlerin 安野モヨコ · Anno Moyoco statt.

Beim Anblick des Plakates denke ich erst, es handele sich um pseudoerotische Kunst eines Mannes – doch zum Glück sehe ich genauer hin und lasse mich darauf ein, mir die verschiedenen Ausrichtungen Anno Moyocos Schaffens über zwei Jahrzehnte hinweg in Ruhe anzusehen, widme ihr die gleiche Aufmerksamkeit, mit der ich auch Ukiyo-e betrachte, denn letztendlich ist mir die Kunst des Manga ebenso fremd.

Ich mag die Selbstbestimmtheit und Stärke Anno Moyocos aktuelleren erotischen Figuren, und so fällt es mir leicht, zum Beispiel über Illustrationen kitschiger Insektenmädchen aus vergangenen Tagen hinweg zu sehen. Mir gefallen auch die Frauen mit den Kimonos oder jene mit den jugendstilhaft überladenen Frisuren und Roben. Ich gucke sehr lange auf die wütenden Frauen mit den großen aufgerissenen Augen, und mein Blick ruht eine ganze Weile auf ein paar schönen Männern. Seit ich den Film Das wandelnde Schloss gesehen habe, wundert es mich nicht mehr, dass auch Illustrationen eine Projektionsfläche für die eigenen Sehnsüchte sein können.

 
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Im Verkaufsraum am Ende der Ausstellung entscheide ich mich für einen von Anno Moyocos neueren Bänden, denn ich möchte mich unbedingt bildhaft an den heutigen Nachmittag erinnern können. Ironischerweise kann ich nicht einmal den Titel lesen.