2016年6月29日 – 口 – kuchi – mund

Die meiste Zeit des Tages trage ich draußen einen Mundschutz, damit ich niemanden anstecke und in Ruhe husten kann, ohne dass Menschen von mir abrücken oder hektisch selbst einen Mundschutz auspacken. Vor ein paar Wochen musste ich im Zug einmal niesen und der ältere Herr neben mir rüstete danach sofort auf, indem er den Großteil seines Gesichts hinter weißem Fließ verbarg.

Ich habe den Mundschutz hier aber auch schon getragen, um entspannter atmen zu können, als die Luft im Zug trotz Klimaanlage feucht und schwer war, sie die Ausdünstungen all der Menschen um mich herum fest umschlossen hielt und auf Alkohol- und Schweißausdünstungen sowie in Haaren festhängenden Bettgeruch wirkte wie ein Verstärker.

Bei meinem ersten Aufenthalt in Japan hat mich der Anblick von Menschen mit Mundschutz reflexhaft verstört, musste ich doch sofort an Katastrophenfilme, Epidemien oder Krankenhäuser denken. Ich erinnere mich, wie mir jemand damit in den menschenleeren Häuserschluchten von Shinjuku entgegen kam, und ich sofort zusammen zuckte. Mittlerweile habe ich mich längst an den Anblick gewöhnt und kann nichts Sonderbares mehr daran finden.

Es gab in den letzten Jahren ab und zu Situationen, in denen ich – sowohl zuhause als auch in der Öffentlichkeit – ohne darüber nachzudenken, meine Kopfhörer nicht beiseite gelegt habe, obwohl das Album längst abgespielt oder der Podcast längst zu Ende war. Kopfhörer schaffen eine Distanz zur Welt, sind meine Festung. Mit einem Mundschutz geht es mir ähnlich und es ist gemütlich – obwohl damit schonmal meine Brille beschlägt.