2016年9月18日 – 日曜の夕方 – nichiyō no yūgata – Sonntagabend

Von draußen ertönt das elektronische Big-Ben-Geräusch – ich weiß nicht, ob es zur Firma gegenüber gehört und den Feierabend signalisieren soll, der vermutlich so gut wie nie eingehalten wird. Sogar heute, am Sonntag, sind viele Büros besetzt, ich sehe es an den Lichtern, und manche Räume sind selbst nachts erhellt.

Es ist also schon siebzehn Uhr, denke ich, und stehe endlich auf, weil ich mir vorgenommen habe, nicht auch heute in der Wohnung zu bleiben. Die familiären Dinge zuhause werfen mich aus der Bahn, jeden Tag muss ich mich auf Neue zwingen, die Sehnsucht nach Rückzug zu überwinden. Als ich nach der schweren Luftpumpe unterm Bett greife, weiß ich nicht, was ich draußen eigentlich machen soll.

Ursprünglich wollte ich heute zu einem 祭り · matsuri · Fest mit anschließender Stadtteilführung in Nezu, einer meiner liebsten Gegenden in Tokio. Doch ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und bei diesen Schreinfesten sind immer viel zu viele Menschen. Mir war auch nicht danach, übermüdet in einer Gruppe von 30 Leuten einer Frau mit Schirm hinterher zu trotten und währenddessen sinnlose Konversation zu betreiben. Ich führe seit Monaten immer die gleichen Gespräche: Wo kommst du her? Wie lange bleibst du noch hier? Was ist dein Beruf? Es wird nie mehr daraus, obwohl anschließend immer die Frage gestellt wird, ob man LINE verwende – das ist der Messenger, der hier mit Abstand am weitesten verbreitet ist. Dann fügt man sich gegenseitig als neuen Kontakt hinzu, um sich anschließend meist nie wieder zu schreiben. Ich mache dabei nur noch aus Höflichkeit mit, frage nie selbst. Mittlerweile finde ich die schwierigen Berliner Kennenlern-Zustände geradezu paradiesisch. Ich war hier zu Beginn sehr offen, in der Schule war ich jedoch die Einzige, die in den Pausen Smalltalk betrieb und nach Sprachaustauschtreffen war ich die, die Vorschläge, einmal gemeinsam etwas zu unternehmen, fälschlicherweise ernst nahm.

Ich habe in Tokio eine einzige engere Bekannte. Sie ist Britin, so alt wie ich, führt jedoch ein ganz anderes Leben, mit zwei Kindern und einem Mann, der im Finanzsektor arbeitet. Sie wohnt bereits seit zwei Jahrzehnten hier und spricht kaum besser Japanisch als ich. Kennengelernt haben wir uns in der Sprachschule. Sie war die erste und einzige offene, herzliche Person, die ich dort traf. Zuletzt sahen wir uns im Tokyo American Club – eine Parallelwelt für mich – und unterhielten uns vier Stunden lang über das Erdbeben vor fünf Jahren, den Brexit und Angela Merkel. Zurzeit ist sie in London, wird jedoch im Oktober wieder zurück sein, und wir wollen gemeinsam ein paar Ausflüge unternehmen, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.

Fürs Museum ist es zu spät und zum Spazierengehen bin ich zu erschlagen, deshalb gehe ich ins Erdgeschoss, um Luft in die Reifen meines Fahrrads zu pumpen. Ein Franzose kommt auf mich zu, hält mir einen Brief unter die Nase und fragt, ob ich wisse, wer die Person im Adressfeld sei. Ich kenne hier niemanden, sage ich. Ich auch nicht, antwortet er, Ich bin ja erst seit letztem Monat hier. Geht mir genau so, sage ich und denke, dass er vermutlich auch in einem halben Jahr nicht mehr Leute hier im Haus kennen wird. Die meisten grüßen nicht einmal. Ich sage dennoch immer sehr freundlich Hey!, wenn mir jemand auf dem Gang oder im Waschsalon begegnet. Aus Protest.
Als ich zurück gehe, um die Luftpumpe wieder unters Bett zu schieben und meine Tasche zu holen, sitzt ein Nachbar auf der Treppe und spielt irgendwas auf seinem Tablet. Hey! sage ich. Der Nachbar sagt nichts und ich ziehe eine Grimasse hinter seinem Rücken.

Selbst als ich fünf Minuten später auf dem Rad sitze, weiß ich nicht, wohin ich fahren soll, und mache mich der Einfachheit halber auf den Weg zum nahe gelegenen 隅田川 · sumidakawa · Sumida Fluss. Die Aussicht ist wie immer atemberaubend. In der einen Richtung blicke ich auf den Skytree, in der anderen schaue ich auf Massen an Hochhäusern, die sich bis zum Horizont erstrecken. Es wird bereits dunkel und einige Lichter funkeln schon.

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Ich denke über die Menschen in den Hochhäusern nach. In Deutschland wären diese Stadtteile vermutlich sogenannte Problembezirke wie Marzahn oder Hellersdorf in Berlin, Chorweiler oder der Kölnberg in Köln. Weil ich ahne, dass dem hier nicht so ist, will ich mir die Gegend um die besonders imposanten Hochhäuser und die Brücke, die dorthin führt, aus der Nähe ansehen. Und tatsächlich: am Fuß der Gebäude befinden sich hell erleuchtete Restaurants, die Namen tragen wie Chez Moi und alles wirkt eher nobel. Vermutlich ist die Miete der Wohnungen sehr hoch, weil sie direkt am Fluss liegen und eine großartige Aussicht bereit halten.

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Trotz Fahrradverbots radle am Fluss entlang wieder zurück, dann vorbei an meiner Wohnung, am U-Bahnhof, zu jenem Bereich meines Stadtteils, in dem sich die Tempel und somit viele kleine, altmodische Geschäfte und Restaurants befinden. Tagsüber sind hier viele Menschen unterwegs, doch nun ist es recht leer und ich genieße die Abendstimmung. Mein Blick ruht besonders lange auf den verschiedenen 鳥居 · Torii, die man in der Dunkelheit leicht übersehen kann.

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Weil ich sehr lange an einer roten Ampel warten muss, biege ich kurzerhand links ab und gelange in eine Gegend mit noch mehr kleinen, zum Teil sehr teuren Restaurants. Als ich an einem 焼き鳥屋 · yakitorya · Grillhähnchenrestaurant vorbeikomme, das Smile heißt, beschließe ich, dort zu essen. Beim Yakitori werden allerlei Bestandteile des Huhns auf Spieße gesteckt, gegrillt und währenddessen oder danach mit verschiedenen Saucen bestrichen. Ich bekomme eine japanische Karte und soll auf einem Zettel in den entsprechenden Zeilen meine Bestellungen eintragen. Ich benötige dafür ziemlich lange, schließe besonders unangenehme Körperteile wie zähe Darmstücke aufgrund der Optik aus, denn ich lag beim Yakitori schon einige Male daneben. In der Zwischenzeit esse ich bereits von dem Kohl der mir, gewürzt mit einem köstlichen Sesamdressing, unaufgefordert als Vorspeise gereicht wurde. Ich bereite mittlerweile häufig rohen Kohl zu und frage mich, wieso wir das in Deutschland nicht auch tun. Im Gegensatz zu banalem Salat hat er einen intensiveren Geschmack und ist weitaus knackiger.

Ich mag die Atmosphäre hier. Wie in vielen, eher rustikaleren Restaurants begrüßen die Köche neue Gäste mit einem lauten, tiefen いらっしゃいませ · irasshaimase · Willkommen, wobei das E am Ende sehr in die Länge gezogen wird und die anderen Köche dann meist noch mit einstimmen. Ich lächle bei jedem neuen いらっしゃいませ-Kanon.

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Zum Glück hat das Restaurant einige, bis zum Boden geöffnete Fenster, denn wie fast überall ist es auch hier gestattet zu rauchen. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass sich Menschen direkt neben mir Zigaretten anzünden während ich esse. Neulich bin ich aus einem Ramen-Restaurant wieder hinaus gegangen, weil dort ein Mann rauchte, obwohl das im ganzen Restaurant eigentlich verboten ist. Er hatte sogar einen Aschenbecher vor sich stehen. Erst kürzlich wurde aber auch in Japan wissenschaftlich nachgewiesen, dass Passivrauchen schädlich ist. Ein Rauchverbot in Restaurants ist also sicher nur noch eine Frage der Zeit.

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Nach einer Stunde betrete ich wieder die Straße. Alles ist nass, denn es hat in der Zwischenzeit geregnet, wie so oft in diesen Tagen. Draußen stehen dennoch ein paar Männer, verteilen Flyer und wollen Gäste mit Hilfe von auffordenden Rufen in ihre Restaurants locken. Das ist ziemlich normal, auch vor Geschäften preist häufig jemand Waren an. Oft sind es Frauen, und sie sprechen dann mit einer antrainierten, viel zu hohen Stimme. Mein australischer Bekannter hat eine Freundin, die in Australien Stadtrundfahrten für Menschen aus Japan machte und dabei auch mit solch einer Stimme sprechen musste. Das ging solange gut, bis sie Polypen auf den Stimmbändern bekam. Danke, ich habe schon gegessen, sage ich im Vorbeifahren, atme die kühle Luft ein und freue mich über die Regentropfen im Gesicht.