2016年5月6日 – 序章 – joshō – Prolog II

Nachdem ich mich von Teruko verabschiedet habe, möchte ich ’noch schnell‘ im Supermarkt bei ihr um die Ecke einkaufen. Denn wo sich in meiner Gegend einer befindet, weiß ich noch nicht. Es ist jedoch leider so, dass ich in einem japanischen Supermarkt sehr viel Zeit benötige. Mir fehlt jegliches Gespür für Produkte, Packungsgrößen und Preise. Erst nach einer halben Stunde stehe ich an der Kasse und gebe ein Vermögen aus. Wenigstens erhalte ich an diesem Tag ein drittes Kompliment. Nun ist es die Kassiererin, die mir sagt, wie schön sie meine Gesamterscheinung findet. Ich erinnere mich an Anthonys Worte letztes Jahr: Wenn sie sowieso gucken, dann gib ihnen wenigstens einen guten Grund!

Noch bin ich in Higashi-Nakano, wo nur die Local-Version der Chuō Line hält. Es gibt sie aber auch noch in Rapid, bei der nicht alle Haltestellen bedient werden, für die ich in Nakano umsteigen muss. Viel zu spät merke ich, dass auf dieser Linie offenbar manchmal noch schnellere Züge fahren, die noch mehr Haltestellen auslassen, auch meine! Ich bin längst an Koganei vorbei gefahren und muss mich wieder auf den Rückweg machen. Alles mit fragilem Kreislauf, Müdigkeitsaussetzern, mehreren Plastiktüten in Händen – und im Stehen, denn wegen der Golden Week sind die Züge sehr voll.

brot

Auch die zweite Nacht ist anstrengend, denn um halb drei wache ich auf und kann erst um sieben Uhr wieder einschlafen. Um zehn stehe ich dennoch auf, koche Kaffee und atme tief durch. Draußen scheint die Sonne und am frühen Nachmittag mache ich mich auf den Weg nach Kichijōji, den nächsten größeren Ort, der nur drei Haltestellen entfernt liegt, um vielleicht eine nicht ganz so teure Nachttischlampe zu finden. Dort schlendere ich durch eine der Einkaufsstraßen und dann fällt mir ein, dass sich hier auch die deutsche Bäckerei befinden muss, von der ich neulich las. Eigentlich wollte ich diese ja erst betreten, wenn ich wirklich Sehnsucht nach dunklem Brot verspüre, aber es ist mir nicht möglich, einfach daran vorbeizugehen. So kaufe ich eine Laugenstange mit Sesam und einen winzigen Laib Vollkornbrot (auf dem Foto ist die Hälfte zu sehen), der umgerechnet etwa 4,40 Euro kostet. Im Verhältnis ähnlich winzig ist die Flasche Bodylotion, die ich später in einer Drogerie kaufe, und die auch etwa gleich viel kostet. Bis ich diese überhaupt gefunden habe, irrte ich durch mehrere Kosmetikabteilungen, ohne überhaupt auch nur Körpercremes zu entdecken.

Ich bin sehr dankbar, dass ich bisher keinerlei Termine habe und mich treiben lassen kann. Alles dauert lange, ich muss mich in Kaufhäusern zurecht finden, die Stockwerkschilder mühsam entziffern und viele bunt bestückte Regale entlang streifen, um Dinge zu kaufen, mit denen ich mich hier noch nie befasst habe, weil ich bisher weder Lampen, Körperflegeprodukte oder Lebensmittel zum Selberkochen kaufen musste. Erst hier fällt mir auf, wie einfach das alles in Deutschland für mich ist. Ich kenne die Produkte, Marken, Farben, Anordnungen, kann alles lesen. Hier hingegen hat mein Auge keinen Anker, kaum etwas kann sofort gedanklich eingeordnet werden. Natürlich bin ich genau aus diesem Grund hier, aber um diese Herausforderungen gut zu meistern, muss ich einigermaßen erholt sein. Mit dem Brot und einer LED-Nachttischlampe für etwa 17 Euro unterm Arm mache ich mich auf den Heimweg. Wie ich mich auf mein Bett und vielleicht endlich eine Nacht mit durchgehendem Schlaf freue!

Stattdessen wird es erneut anstrengend, denn Yuki und seine Freundin sind ausgegangen und kommen erst gegen halb zwei nach Hause. Genau die richtige Uhrzeit, um Koffer zu packen, denn am nächsten Tag geht es für den Besuch zurück nach Korea. Anschließend bleiben die beiden wach, um die letzten gemeinsamen Stunden zu nutzen. Yuki scheint geübt darin zu sein, leise zu sprechen, denn von ihm höre ich kein Wort. Seine Freundin kann jedoch nicht flüstern, und nach und nach denke mich in Rage.

Wenn ich mich bewege, wissen sie, dass ich ebenfalls wach bin und sind womöglich genervt. Wieso kümmert es mich überhaupt, dass sie genervt sein könnten, ich bin doch selbst auch von ihnen genervt! Wenn ich mich nicht bewege, kann ich vor lauter Anspannung noch schlechter einschlafen. Wie gerne würde ich jetzt gegen die Schiebetür klopfen. Wahrscheinlich ist es für die beiden völlig normal, nur mich strengt diese räumliche Nähe an. Was mache ich eigentlich, wenn die beiden gleich neben mir Sex haben? Womöglich haben sie gerade Sex!

Ich wusste bereits in Deutschland, wie die Wohnsituation hier ist, aber es fällt mir schwer, mich sofort gleich so weit außerhalb meiner Komfortzone aufzuhalten.

yukisensei

Dass ich nicht alleine wohne, obwohl ich eigentlich sehr viel Raum für mich benötige, hat mehrere Gründe. Nur so habe ich am ehesten die Gelegenheit, Japanisch zu sprechen und erhalte einen Einblick in einen gewöhnlichen Alltag. Ich kann mich auf diese Weise auch nicht tagelang in Serien flüchten oder zu lange schlafen. Yuki hat mir ‚verboten‘, Englisch mit ihm zu sprechen. So erklärt er mir auch Wörter, die ich nicht verstehe auf Japanisch, was meist einen Domino-Effekt hat: aus einer einfachen Frage wird ein halbstündiger Schnellkurs. Foto um Foto mache ich von den Aufzeichnungen, die Yuki auf ein kleines Whiteboard kritzelt, das immer auf dem Küchentisch liegt. Die Sache hat bisher nur zwei Haken: in diesem Tempo lernen wir uns nur sehr langsam kennen, und solange ich noch nicht ausgeschlafen bin, behalte ich wenig von dem, was er mir erklärt.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist der Besuch bereits fort. Heute fühle ich mich endlich so gut, dass ich zu Fuß die Gegend um meine Wohnung erkunden kann. Auf in den Park!

2016年5月5日 – 序章 – joshō – Prolog I

Seit drei Tagen bin ich in Tokio und langsam weicht die alles verzerrende Jetlag-Brille, wird meine Wahrnehmung normaler. Außerdem lasse ich endlich die Anspannung der letzten Wochen, ja Monate, hinter mir.

Ich wohne dieses Mal nicht bei Teruko. Ich könnte mir das Zimmer bei ihr ohnehin nicht leisten, und außerdem wollte ich etwas Neues erleben, in einer mir bisher unbekannten Umgebung sein. Meine Wahl fiel auf eine Art Wohngemeinschaft im Westen Tokios. Zum einen, weil mir die Einrichtung des alten Gebäudes mit 和室 – washitsu – japanischen Räumen auf Anhieb zusagte, zum anderen, weil ich unbedingt nicht alleine wohnen wollte und Yuki sehr gute Bewertungen hat. Dafür nehme ich in Kauf, dass unsere beiden Zimmer nur durch eine Schiebetüre getrennt sind, noch ein weiterer Raum an Airbnb-Gäste vermietet wird, und ich mit dem Zug etwa 20 Minuten bis nach Shinjuku benötige. Da dieser jedoch in der Regel alle fünf Minuten fährt, stellt das allenfalls ein finanzielles Problem dar.

Aber mein Plan ist es ja ohnehin, nicht so viel Zeit in Tokio selbst zu verbringen und eher eine Art unaufgeregten Alltag zu haben. Das gelingt viel besser auf dem Land, wo die Wege kurz sind und ich Orte wie Parks und Supermärkte mit dem Fahrrad erreichen kann. Außerdem bewahre ich mich auf diese Weise davor, dem Alkohol zu verfallen, da ich hier bisher bei jedem Aufenthalt abends mindestens ein Bier trinken musste, um von den täglichen Eindrücken der Stadt runterzukommen. Ein Bedürfnis, dem ich während eines Urlaubs gerne nachgebe – nicht jedoch sechs Monate lang.

Ich komme am Montagnachmittag nicht in Narita, sondern auf dem der Stadt viel näheren Flughafen Haneda an. Dort benötige ich weitaus weniger Zeit als sonst für die Einreise-Formalitäten. Allerdings wähle ich aufgrund meiner Müdigkeit den falschen Zug, muss deshalb mehrfach umsteigen und verlaufe mich auch noch auf dem etwa einen Kilometer langen Weg zu Yukis Wohnung. Da sich dabei wegen der Schwere des Koffers eine Rolle verhakt, verbrennt diese durch das Ziehen über den Asphalt regelrecht, und ich komme immer langsamer voran. Die Bücher im Handgepäck zerren außerdem an meiner Schulter. Lange kann ich jenen Modus, in dem ich mir selbst flüsternd Mut zuspreche, nicht mehr aufrecht erhalten. Wo bist du denn? fragt Yuki dann irgendwann per Textnachricht. Ich schicke ihm einen Google-Maps-Screenshot, und warte erschöpft darauf, dass er mich aus der Parallelstraße abholt.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, eine Wohnung zu betreten, die ich bereits von so vielen Bildern und sogar von einer Fernsehaufnahme kenne. Alles ist vertraut und doch nicht. Mehrere Monate lang war ein Foto meines jetzigen Zimmers der Bildschirmhintergrund des Arbeitsrechners, um durchhalten zu können. Es sind keine offiziellen Gäste da, doch Yuki hat Besuch von einer Freundin, die in Korea lebt und schon bald sitzen wir da und essen Curry, das Yuki gekocht hat. Ich bekomme dazu das einzige noch verfügbare Ei – jedoch nicht aus Gastfreundschaft, sondern weil ich beim Schere-Stein-Papier-Spiel gewonnen habe.

hellokitty

Bereits gegen acht gehe ich schlafen, liege jedoch die halbe Nacht wach und mache mich am nächsten Tag angeschlagen auf den Weg nach Shinjuku, um ein paar Dinge einzukaufen: ich benötige eine Nachttischlampe, Kisten für die Dinge in meinem Schrank, Lebensmittel. Es ist, als sei ich nur kurz und keine sieben Monate fort gewesen. Den ersten wunderbaren Moment erlebe ich sofort bei Starbucks, wo die Barista mir Komplimente für meine Kleidung und mein Aussehen macht. Der Kaffee, den sie mir verkauft, richtet jedoch nur wenig gegen meine körperlichen Beeinträchtigungen aus. Immer wieder gehen meine Ohren zu, in meiner Blutbahn scheint es zu vibrieren, meine Hände zittern, die Bewegungsabläufe sind fahrig und meine Beine stehen unter Spannung. Unsicher bewege ich mich fort. Fall jetzt bloß nicht in Ohnmacht! wird zu meinem Mantra. Jetlag aufgrund einer Reise in die Zukunft fühlt sich für mich jedes Mal an wie eine Krankheit, die ich aushalten muss.

Weil ich aus Kostengründen unbedingt in einen großen 100-Yen-Shop möchte und sich der einzige, der mir auf Anhieb einfällt, auf Harajukus überfülltester Einkaufsstraße befindet, fahre ich gegen meine Vorsätze dorthin. Ich war im September während der Silver Week dort, als es unerträglich überfüllt war. Dieses Mal ist Golden Week und alle, die nicht gerade im Verkauf oder im öffentlichen Dienst arbeiten, haben noch länger frei und überall befinden sich noch mehr Menschen.

Während ich schwankend am Anfang der völlig überfüllten Takeshita Dōri stehe – ich habe den Eindruck, hier befinden sich genau so viele Touristen und Touristinnen auf einmal wie sonst im gesamten Rest Japans – und innerlich wegen meiner Entscheidung die Augen verdrehe, spricht mich auf Englisch eine junge, weiße Frau an, um mir zu sagen, dass ich toll aussehe. Oh, Dankeschön! antworte ich versehentlich auf Deutsch – und es stellt sich heraus, dass Ami wie ich aus Berlin kommt. Sie bietet an, mir die Links zu all ihren wundervollen Couchsurfing-Hosts in verschiedenen Städten Japans zu schicken, und ich bin erstaunt über den schönen Zufall, will ich doch dieses Mal auch jene Form des Reisens für mich wählen. Vor einigen Jahren habe ich selbst über Couchsurfing einige Leute in meinem Wohnzimmer beherbergt.

Nachdem ich mit dem Einkaufen bei Daiso fertig bin, fahre ich zu Teruko nach Higashi-Nakano. Wie im Schlaf finde ich das richtige Gleis, die Haltestelle, den richtigen Ausgang, den Weg zu ihrer Wohnung. Irgendwo zu sein, wo ich fast nichts lesen kann, die Menschen kaum verstehe und dennoch solch einen vertrauten Weg habe, ist sehr sonderbar. Gleichzeitig bin ich froh, nicht erneut wieder hier zu wohnen. Wir fallen uns in die Arme, sitzen zwei Stunden beisammen und reden. Ab und zu sieht Teruko nach den mit Nüssen und Cranberries gefüllten Brötchen, die sie gerade backt, und schenkt mir zum Abschied ein paar davon. Ich bin so glücklich, dass du tatsächlich hier bist! sagt sie. Ich glaube, sie hat mir nicht zugetraut, dass ich wirklich komme.