年10月12日 – 広島 – Hiroshima

142

143

144

145

Um nach Hiroshima zu kommen, muss ich erst einmal mit dem Boot zurück nach Uno, um von dort mit zwei Bummelzügen den Bahnhof zu erreichen, von dem aus der Shinkansen fährt. Dafür, dass Uno winzig zu sein scheint, hat es einen recht progressiven Bahnhof.

 

149

148

152

153

155

154

Da ich vor drei Jahren bereits in Hiroshima war, plane ich nur einen Tag ein. Dass ich überhaupt noch einmal hierher komme, ist dem guten Gefühl geschuldet, das ich damals hatte. Im Gegensatz zu anderen Städten empfand ich es hier als sehr grün und sehr weit. Ganz abgesehen davon, dass mich der Atomic Bomb Dome beeindruckt hat.

Wieder bleibt mein Blick an dem geborstenen Stahl hängen. Es sind weniger Menschen da und als ich später im Dunkeln noch einmal zurück komme, ist es sogar fast leer. Ich spaziere den Fluss entlang, sitze ein wenig herum und denke über die aktuelle politische Lage nach. Vor drei Jahren hätte sich niemand Trump vorstellen können, schien ein Atomkrieg relativ unwahrscheinlich. Wenn es eskaliert, bin ich hoffentlich längst wieder zuhause und liege in meinem Bett – oder in dem des Mannes, mit dem ich schlafe.

Am anderen Ende des Friedensdenkmals bin ich ganz alleine. Das war letztes Mal auch anders: Schulklassen und Reisegruppen drängten sich auf dem Platz vor dem Bogen, durch den man eine brennende Flamme und noch weiter hinten den Atomic Bomb Dome sehen kann. Die hier aufgestellten Blumen duften sehr intensiv. Ich versuche, mir den Moment einzuprägen als einer der letzten schönen Sommerabende in diesem Jahr. Irgendwann kommt ein Wächter, der akribisch alles mit einer Taschenlampe ableuchtet. Ich frage mich, wonach er sucht – Sprengstoff? Als würde ein Profi diesen so offensichtlich unterbringen. Es gibt keine Sicherheit, nirgends, denke ich.

 

156

Beim letzten Hiroshima-Besuch hatte ich es versäumt, Okomiyaki zu essen. Ausgerechnet hier, wo es doch sogar eine Variante gibt, die nach der Stadt benannt ist. Ich habe Glück und kann am Tresen sitzen und zuschauen, wie die vielen Okonomiyakis gebraten werden. Ich liebe die dafür notwendigen Handgriffe und fange fast an zu weinen, so glücklich macht mich das Zusehen. Mein bisher schönster Urlaubsmoment.

 

150

151

157

Am nächsten Morgen steht auf dem Weg zum Bahnhof mein Apartment-Nachbar aus Naoshima vor mir, obwohl die Insel ein paar Stunden mit Boot und Zug entfernt liegt. Ich reise jetzt in den Norden, nach Hokkaido, sagt er. Dann werden wir uns auf keinen Fall noch einmal begegnen, verabschiede ich mich, denn ich bin gerade auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung, nach Kumamoto.

2017年10月9日 – 旅行する – ryokō suru – reisen

106

Der Shinkansen ist bereits ziemlich voll, als ich in Shinagawa einsteige, um nach Okayama zu fahren. Ich benötige mehrere Versuche, bis es mir endlich gelingt, den Koffer in die Ablage über den Sitzen zu wuchten, während alle, die hinter mir sitzen, mit großen Augen zusehen.

Zum ersten Mal denke ich im Zusammenhang mit Höflichkeit, dass das in Deutschland nicht passiert wäre. Bisher wurde mir in solchen Fällen tatsächlich stets geholfen. Ich bin erschöpft und ärgere mich so sehr über die starrenden, passiven Menschen, dass ich ohne nachzudenken eine Verbeugung in ihre Richtung mache, ありがとうございます – arigatougozaimasu – Dankeschön! sage und mich erst dann setze.

So sehr habe ich mich in Japan noch nie daneben benommen, doch die Menschen hinter mir verziehen keine Miene. Kurz bin ich mir peinlich, doch dann fange ich an zu grinsen.

107

108

109

110

111

 

112

113

 

114

115

116

117

118

 

119

120

121

2015年9月10日 – 着いた – tsuita

05

01
kom
Ich habe eine Nachricht von Saori erhalten. Sie kommt aus Tokio, wohnt nun in Berlin und wir unterstützen uns gegenseitig beim Lernen. Sie empfiehlt mir unter anderem eine Buchhandlung und eines ihrer Lieblingscafés. Beide sind in der Nähe des Museums, für das ich gestern zu spät dran war. So fahre ich los nach Harajuku, lasse den schrillen Teil des Viertels hinter mir und gehe in Richtung Omotesando, wo die bekannten Modelabels dieser Welt mit ausgefallenen Flagship Stores vertreten sind. In den kleinen Seitenstraßen befinden sich außerdem kleine Boutiquen. All das lasse ich hinter mir, bis nur noch ab und zu ein Geschäft auftaucht. Mittlerweile regnet es nicht mehr, die Luft ist warm und ich genieße es, so unbeschwert draußen sein zu können.

04

02

03

Das OMOTESANDO KOFFEE ist von der Straße aus nicht als solches zu erkennen. Hinter viel Grün befindet sich ein kleines, altes Haus mit einem winzigen Vorgarten. Drin bestellt man den Kaffee, draußen kann man ihn trinken. Ich muss kurz an The Barn in Berlin denken, doch der Barista hier ist sehr, sehr freundlich, bereitet mit kunstvollen Bewegungen den Kaffee zu und sorgt für eine ungewöhnlich angenehme Stimmung.

Mir knurrt der Magen und ich bin etwas entsetzt, dass es hier nichts zu essen gibt – bis ich die, wie kleine Schmuckstücke aufgereihten, quadratischen, winzigen Küchlein auf der Theke entdecke. Meines wird mir in einer kleinen braunen Filtertüte serviert. Was ich in Berlin total affig gefunden hätte, weil dort die Menschen, die sich solche Dinge ausdenken und solche Orte aufsuchen, total affig sind, finde ich hier wunderbar.

Vorsichtig setze ich mich draußen mit halbem Hintern auf die noch feuchte Holzbank. Das Kuchenstück schmeckt so wunderbar, wenngleich ich nicht in der Lage bin, zu erklären, wonach.

 
Museum

Vom Ukiyo-e Ota Memorial Museum of Art weiß ich erst seit gestern durch einen Tweet der Japan Times, wo ein Artikel dazu erschienen ist. In einer Seitenstraßen, mitten Im Harajuku-Trubel, steht das kleine Gebäude. Darin ist beinahe alles verboten, sogar Kaugummikauen. Das führt dazu, dass die beiden Ausstellungsräume wundervolle Oasen der Ruhe sind.

Ich war einmal in Berlin in einer großen Katsuhika-Hokusai-Ausstellung und letztes Jahr habe ich in Tokio bereits viele 浮世絵 ukiyo-e gesehen. Aber nirgendwo wurde mir die Kunst so gut nahegebracht wie hier: Schritt für Schritt steht ein anderes Hauptmerkmal der Drucke im Vordergrund. Mal ist es eine bestimmte Farbe, dann eine besondere Drucktechnik. Nacheinander werden verschiedene Details beleuchtet – darunter Haare, Tattoos, Regen, Kimonomuster, Schrift. Für jedes gibt es einige Beispieldrucke, in denen das Detail besonders gut zur Geltung kommt. Ein kleiner Bildausschnitt hängt zudem vergrößert neben dem Druck.

So erfahre ich zum Beispiel, dass der genannte Künstler ‚lediglich‘ die Zeichnung für den Druck angefertigt hat. Das Schnitzen und Drucken übernehmen andere Menschen, die leider nicht immer auf dem Druck selbst und schon gar nicht als Künstler genannt wurden. Dabei gab es hier sogar besondere Spezialisten, die beispielsweise nur für die Haare zuständig waren.

Zum ersten Mal schaue ich mir diese Art von Bildern nicht nur an und nicke während ich ’schön schön‘ denke. Meine Aufmerksamkeit, mein Blick werden gelenkt, und ich lerne erst jetzt, die Kunst zu schätzen, will mich in den meisten der Drucke verlieren. Ich bin so gerührt, dass ich Gänsehaut bekomme und mir Tränen in die Augen steigen.

In diesem Moment spüre ich eine große Erleichterung. Ich finde meinen Aufenthalt in Tokio bisher zwar schön, aber die emotionale Überwältigung, wie ich sie sonst hier erlebt habe, blieb bisher aus. Ich habe nicht so recht verstanden, wieso. Vielleicht lag es am Regen, an der Gewöhnung, am schlechten Schlaf, an dem Druck, hier keinen Tag ungenutzt zu lassen, weil ich nur drei Wochen hier sein kann. Aber das ist nun alles egal: Ich bin 着いた – tsuita – angekommen.

So muss ich nicht überlegen, ob ich mir An introduction to Ukiyo-e, in English and Japanese kaufe.

 
08

11

09

Es ist ein kleiner Fußmarsch bis zur Tsutaya Buchhandlung in Daikanyama, die mir Saori empfohlen hat. Ich genieße jeden Meter – seit Tagen fahre ich nur Bahn, sitze in Cafés oder am Schreibtisch, stehe in Museen oder in Geschäften herum. Ich betrete die Buchhandlung und passiere viele, viele, viele Regale, in denen ausschließlich Bücher zu Autos stehen. Dann erreiche ich die Design-Abteilung und hier fällt mir etwas auf, das ich so noch nirgendwo gesehen habe: direkt daneben befindet sich die Abteilung für die Bücher, die Design-Programme wie Photoshop oder Illustrator erklären. Ebenso verhält es sich bei der Foto-Kunst-Abteilung: direkt daneben stehen Bücher über Fotoapparate und Fotografiertechnik.

Die Buchhandlung ist riesig und fällt durch seine besondere Sortierung und das außergewöhlich vielfätige, hochwertige und auch internationale Programm auf. Hier komme ich mir keine Sekunde fehl am Platz vor, es gibt so viele Bücher, die ich auf der Stelle verstehe, toll finde und kaufen könnte.

An der Kasse frage ich, ob es auch Bücher zum Japanischlernen gibt, da mir immer noch der zweite Band zu meinem Lehrbuch fehlt. Ich werde zwei Gebäude weiter geschickt, wo ich erneut fragen muss. Die Japanisch-Bücher nehmen nur ganz wenig Platz ein, so wundert es mich nicht, dass ich sie übersehen habe. Letzte Woche war ich in Berlin mit Saori bei Dussmann, um ein Deutschbuch für sie zu kaufen. Das Angebot war so riesig, dass ich völlig überfordert war. Hier nun das genaue Gegenteil – und mein Buch ist nicht dabei. Ich kaufe mir stattdessen eines für Kinder, das ausschließlich in Hiragana geschrieben ist. Das Buch befindet sich in einem Schuber, hat wundervolle kleine Illustrationen und stellt für mich eine angemessene Herausforderung dar.

 

Zum Abendessen verabrede ich mich mit Teruko in Shinjuku. Wir schicken uns ausschließlich Nachrichten auf Japanisch – die meiste Zeit spricht sie jedoch leider Englisch mit mir. Wenn die Sachverhalte nicht kompliziert sind, rede ich dennoch stoisch Japanisch. Sie nimmt leider wenig Rücksicht, spricht mit mir nicht langsam und versteht mich manchmal nicht, obwohl ich die richtigen Wort benutze. Dann guckt sie mich fragend an und wiederholt schon mal das, was ich gerade gesagt habe.
Ich weiß aus vielen Erfahrungsberichten, dass es nicht leicht ist, hier im Alltag Japanisch zu lernen, da die Menschen vor Ort wenig kooperativ sind und jede Gelegenheit nutzen, um Englisch zu üben. Ich bin dennoch so optimistisch wie nie zuvor, weil ich gerade die Angst vorm Sprechen verliere, mit der ich mir bisher so sehr im Weg stand.

Wir essen Okonomiyaki, das dieses Mal direkt an unserem Tisch durch uns(!) zubereitet wird. Gerne würde ich Teruko die schönen Dinge zeigen, die ich mir heute gekauft habe, doch diese befinden sich gemeinsam mit meiner Jacke und dem Schirm gut verstaut in einer Kiste, deren Deckel unsere Sitzfläche ist. Die Kiste ist selbstverständlich dennoch sehr praktisch, denn nichts ist im Weg und wird schmutzig.

Später gehen wir zurück zum Bahnhof von Shinjuku, wo ich zielsicher den Weg zu unserem Gleis finde. Du kennst dich ja schon total gut aus hier, sagt Teruko. Ja, antworte ich.