2014年10月23日***

Abends treffe ich mich mit Wataru. Ich habe mir den Besuch eines Okonomiyaki-Restaurants gewünscht und er hat eines in Shinjuku ausgesucht, das Okonomiyaki im Hiroshima-Stil anbietet. Das ist super, denn ausgerechnet dort habe ich keines gegessen, dabei ist dieses sehr speziell, weil der Kohl nicht mit Teig vermengt wird und weil zusätzlich auch noch Soba-Nudeln mit angebraten werden.

Da es im Restaurant voll ist, tragen wir uns in die Warteliste ein und setzen uns draußen auf ein paar Stühle. Direkt gegenüber ist ein Dosen-Restaurant. Dort bekommt man offenbar alles in Büchsen serviert. Die Leute im Fenster sehen fröhlich aus – ich kann mir das bei dieser Art von Essen allerdings kaum vorstellen.

Es dauert höchstens zwanzig Minuten, bis wir hinein können und direkt an der heißen Zubereitungsplatte sitzen dürfen. Ich kann mich gar nicht sattsehen daran, wie die Okonomiyakis hergestellt werden. Wir bestellen zwei unterschiedliche Varianten, deren Namen ich mir nicht merken kann, da alles auf der Karte für mich nicht lesbar ist und ich mich auf Wataru verlasse.

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Bevor sich später am Bahnhof von Shinjuku unsere Wege trennen, gehen wir dort noch in eine Kneipe, die BERG heißt. Es gibt hier sogar Weißwurst und ich muss erst einmal erklären, dass ich das eigentlich erst zwei Mal in meinem Leben gegessen habe. Es ist schon sehr deprimierend, dass das Bairische immer als einziger deutscher Export herhalten muss. Spätzle wären doch auch mal was. Oder Flammkuchen. Ich bestelle ein Edelpils und finde mich dabei albern. Wieso gibt es bei uns eigentlich keine gerösteten Bohnen als Snack?

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Lass uns irgendwann einmal wiedersehen, sagt Wataru, als wir zu unserem Bahnsteig gehen. Sein Zug fährt auf der einen, meiner auf der anderen Seite. Ich bin ziemlich ergriffen, weil das mein vorletzter Abend ist und weil ich mir fest vorgenommen habe, bald wiederzukommen. Es ist sonderbar, sich hier nun so förmlich zu verabschieden. Weil wir bereits vor zwei Wochen über Umarmungen gescherzt haben, verhalte ich mich dann völlig entgegen der japanischen Etikette: ich nehme Wataru auf dem vollen Gleis der Yamanote-Line in den Arm und es ist offensichtlich okay. Wir lachen beide etwas unbeholfen und ich steige ohne mich noch einmal umzusehen in meinen Zug.

Das ist das vorletzte Mal, dass du abends diesen Weg nach Hause gehst, denke ich unfassbar traurig und müde.

2014年10月15日***

Ich gehe später noch einmal nach draußen, weil ich etwas essen möchte und es nicht übers Herz bringe, im Bett liegen zu bleiben. Am Eingang der überdachten Einkaufsgasse haben junge Leute einen Straßenstand aufgebaut. Fast alle tragen aus Papier gebastelte Kronen mit Katzenohren. Dazu machen zwei drei Leute Straßenkunst, indem sie sehr schlecht jonglieren und unbeholfen versuchen, die Umstehenden mit einzubeziehen. Eine seriös dreinblickende Frau steht am Rand und verteilt Flyer. Ich verstehe leider überhaupt nicht, um was es hier geht.

Auf der Straße selbst ist es nun immerhin ein bisschen belebter. Die Restaurants haben geöffnet, Leuchtreklamen blinken und ab und zu kommen mir Menschen entgegen. Trotzdem ist da nach wie vor jener Hauch von Trostlosigkeit, der mir durchaus gefällt.

Ich gehe mindestens vier Mal auf und ab, weil ich mich wie immer nicht entscheiden kann, auf welchen Fotos das Essen am wenigstens schlimm aussieht und wo ich mich am wenigsten unwohl und versunsichert fühlen könnte.

Als ich an einem Club vorbeikomme, vor dem ein ernster Mann mit Headset hin und her schleicht, entsteht auf einmal Aufruhr. Geschäftsmänner betreten über eine Querstraße die Szene. Ich fühle mich an Takeshi Kitanos Film Hana-Bi erinnert und stelle mir vor, dass all diese Männer gefährliche Jakuza sind.

Damit ich endlich aus diesem sonderbaren Umfeld fort komme, gehe ich in das einzige Restaurant, das Okonomiyaki im Angebot hat. Dieses Mal schmeckt es besser als in Nara. Es sind sehr viele der üblichen Zutaten beigefügt: Schweinespeck, Krabben, Tintenfisch.

Zum Nachtisch kaufe ich Rote-Bohnen- und Kastanien-Eis im Kombini und eine große Dose Bier, lege mich damit in das weiche, große Bett, lerne Kanji und lasse mich vom Fernsehprogramm berieseln.

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Während ich einschlafe, singt im Nachtlcub nebenan ein Mann mit japanischem Akzent sehr laut O sole mio. Morgens um fünf werde ich geweckt, denn die letzten Huren und Freier gehen offenbar gleich nach Hause und schreien, lachen, klatschen auf jenem Parkplatz, der direkt neben dem Hotel liegt.

2014年10月12日***

Endlich komme ich dazu, Okonomiyaki zu essen. Das Restaurant ist winzig und wird von zwei Frauen betrieben. Am Eingang befinden Tische, an denen ältere, betrunkene Männer sitzen – ich hingegen darf direkt an der heißen Platte Platz nehmen, auf der gekocht wird. 

Die Frauen sind freundlich interessiert und fragen mich aus. Ich mag die Stimmung hier und kann zum ersten Mal ein paar Satzfetzen sprechen. Wie schwer es mir fällt, die Worte zu finden, während mich vier Augen angucken! Vor lauter Aufregung vergesse ich Vokabeln und Eselsbrücken. Es fehlt mir so sehr an Übung. 

Die Stimmung im Restaurant beginnt ein wenig zu kippen, als sich ein betrunkener Japaner zu mir setzt. Anfangs ist es noch lustig mit ihm, aber dann fasst er immer wieder meine Hand an und die beiden Köchinnen stellen mir in seinem Auftrag Fragen. Als er wissen will, in welchem Hotel ich übernachte, signalisiere ich höflich, dass es reicht. Nun reden alle ganz offensichtlich über mich und lachen dabei, während ich nichts verstehe. Das fühlt sich schrecklich an und ich bin froh, fast fertig zu sein mit essen. Ich lüge, dass es sehr lecker war und gehe. Dabei schmeckt mir das Okonomiyaki im Hanage in Berlin besser – und meines auch.