2017年10月4日 – 北斎 – Hokusai

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Ein weiteres Museum, das ich hier in Tokio so besonders schätze, ist das Ōta Memorial Museum of Art. Hier habe ich meine Liebe zu Ukiyo-e, japanische Holzschnitte, entdeckt.

Mir war jedoch schon vorher klar, dass ich ein wenig gelangweilt sein würde: Hatten die Ausstellungen sonst spannende Themen wie beispielsweise ‚Geister‘, wurden dieses Mal die 36 Ansichten des Berges Fuji gezeigt, derer ich inzwischen etwas überdrüssig bin. Vor allem Die große Welle von Kanagawa kann ich wirklich nicht mehr sehen – zumal ich bereits 2011 in Berlin die riesige Hokusai-Ausstellung besucht habe. Bereits dort faszinierten mich weitaus mehr die vielen Mangas des Künstlers, Darstellungen von Kois – und ich hege eine große Hassliebe für den Traum der Fischersfrau.

Wenigstens sind die Fuji-Ansichten nun thematisch sortiert, und ich lerne heute erstmals etwas über Hokusais Humor und seine Intention, nicht immer die Realität abzubilden. Es gefällt mir, dass bei der Oberfläche des Misaka-Sees in der Provinz Kai die Spiegelung im Wasser – im Gegensatz zum eigentlichen Berg – von Schnee bedeckt ist, Hokusai also zwei Jahreszeiten auf einmal abbildet.

Es ist dennoch mein kürzester Besuch in dem Museum. Sollte ich tatsächlich zur Kirschblüte wieder in Japan sein, freue ich mich auf die Ausstellung „Cross-dressers in Ukiyo-e“, die dann stattfindet.

 

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Das Museum befindet sich mitten in Harajuku – ein Stadtteil, den ich eigentlich meide, da ich mich weder mit den poppigen Modeläden, noch etwas mit den Geschäften der teuren Designer in Omotesando anfangen kann. Dennoch will ich mich im Schaufenster von Issey Miyake verlieren und verbringe viel Zeit auf den Straßen, da ich den ganzen Tag auf öffentliche Verkehrsmittel verzichte. Ich will so viel wie möglich sehen und mich so viel wie möglich bewegen, weil daraus bis zu meiner Rückkehr eine Gewohnheit werden soll.

 

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Zurück in Roppongi habe ich großen Hunger, und als ich ein Schild von CoCo Ichbinaya sehe, weiß ich, dass ich japanisches Curry essen möchte. Ein unfassbar hässliches Gericht und ich gehe außerdem davon aus, dass die braune Soße aus Pulver angerührt wird. Dass ich mich dieses Mal gegen Gemüse, für fettiges Rindfleisch und lediglich den Schärfegrad 2 entscheide, bereue ich, da das Ganze dadurch fast so schmeckt, wie es aussieht. Wenigstens finde ich dieses Mal sofort den Weg nach Hause.

2015年9月10日 – 着いた – tsuita

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Ich habe eine Nachricht von Saori erhalten. Sie kommt aus Tokio, wohnt nun in Berlin und wir unterstützen uns gegenseitig beim Lernen. Sie empfiehlt mir unter anderem eine Buchhandlung und eines ihrer Lieblingscafés. Beide sind in der Nähe des Museums, für das ich gestern zu spät dran war. So fahre ich los nach Harajuku, lasse den schrillen Teil des Viertels hinter mir und gehe in Richtung Omotesando, wo die bekannten Modelabels dieser Welt mit ausgefallenen Flagship Stores vertreten sind. In den kleinen Seitenstraßen befinden sich außerdem kleine Boutiquen. All das lasse ich hinter mir, bis nur noch ab und zu ein Geschäft auftaucht. Mittlerweile regnet es nicht mehr, die Luft ist warm und ich genieße es, so unbeschwert draußen sein zu können.

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Das OMOTESANDO KOFFEE ist von der Straße aus nicht als solches zu erkennen. Hinter viel Grün befindet sich ein kleines, altes Haus mit einem winzigen Vorgarten. Drin bestellt man den Kaffee, draußen kann man ihn trinken. Ich muss kurz an The Barn in Berlin denken, doch der Barista hier ist sehr, sehr freundlich, bereitet mit kunstvollen Bewegungen den Kaffee zu und sorgt für eine ungewöhnlich angenehme Stimmung.

Mir knurrt der Magen und ich bin etwas entsetzt, dass es hier nichts zu essen gibt – bis ich die, wie kleine Schmuckstücke aufgereihten, quadratischen, winzigen Küchlein auf der Theke entdecke. Meines wird mir in einer kleinen braunen Filtertüte serviert. Was ich in Berlin total affig gefunden hätte, weil dort die Menschen, die sich solche Dinge ausdenken und solche Orte aufsuchen, total affig sind, finde ich hier wunderbar.

Vorsichtig setze ich mich draußen mit halbem Hintern auf die noch feuchte Holzbank. Das Kuchenstück schmeckt so wunderbar, wenngleich ich nicht in der Lage bin, zu erklären, wonach.

 
Museum

Vom Ukiyo-e Ota Memorial Museum of Art weiß ich erst seit gestern durch einen Tweet der Japan Times, wo ein Artikel dazu erschienen ist. In einer Seitenstraßen, mitten Im Harajuku-Trubel, steht das kleine Gebäude. Darin ist beinahe alles verboten, sogar Kaugummikauen. Das führt dazu, dass die beiden Ausstellungsräume wundervolle Oasen der Ruhe sind.

Ich war einmal in Berlin in einer großen Katsuhika-Hokusai-Ausstellung und letztes Jahr habe ich in Tokio bereits viele 浮世絵 ukiyo-e gesehen. Aber nirgendwo wurde mir die Kunst so gut nahegebracht wie hier: Schritt für Schritt steht ein anderes Hauptmerkmal der Drucke im Vordergrund. Mal ist es eine bestimmte Farbe, dann eine besondere Drucktechnik. Nacheinander werden verschiedene Details beleuchtet – darunter Haare, Tattoos, Regen, Kimonomuster, Schrift. Für jedes gibt es einige Beispieldrucke, in denen das Detail besonders gut zur Geltung kommt. Ein kleiner Bildausschnitt hängt zudem vergrößert neben dem Druck.

So erfahre ich zum Beispiel, dass der genannte Künstler ‚lediglich‘ die Zeichnung für den Druck angefertigt hat. Das Schnitzen und Drucken übernehmen andere Menschen, die leider nicht immer auf dem Druck selbst und schon gar nicht als Künstler genannt wurden. Dabei gab es hier sogar besondere Spezialisten, die beispielsweise nur für die Haare zuständig waren.

Zum ersten Mal schaue ich mir diese Art von Bildern nicht nur an und nicke während ich ’schön schön‘ denke. Meine Aufmerksamkeit, mein Blick werden gelenkt, und ich lerne erst jetzt, die Kunst zu schätzen, will mich in den meisten der Drucke verlieren. Ich bin so gerührt, dass ich Gänsehaut bekomme und mir Tränen in die Augen steigen.

In diesem Moment spüre ich eine große Erleichterung. Ich finde meinen Aufenthalt in Tokio bisher zwar schön, aber die emotionale Überwältigung, wie ich sie sonst hier erlebt habe, blieb bisher aus. Ich habe nicht so recht verstanden, wieso. Vielleicht lag es am Regen, an der Gewöhnung, am schlechten Schlaf, an dem Druck, hier keinen Tag ungenutzt zu lassen, weil ich nur drei Wochen hier sein kann. Aber das ist nun alles egal: Ich bin 着いた – tsuita – angekommen.

So muss ich nicht überlegen, ob ich mir An introduction to Ukiyo-e, in English and Japanese kaufe.

 
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Es ist ein kleiner Fußmarsch bis zur Tsutaya Buchhandlung in Daikanyama, die mir Saori empfohlen hat. Ich genieße jeden Meter – seit Tagen fahre ich nur Bahn, sitze in Cafés oder am Schreibtisch, stehe in Museen oder in Geschäften herum. Ich betrete die Buchhandlung und passiere viele, viele, viele Regale, in denen ausschließlich Bücher zu Autos stehen. Dann erreiche ich die Design-Abteilung und hier fällt mir etwas auf, das ich so noch nirgendwo gesehen habe: direkt daneben befindet sich die Abteilung für die Bücher, die Design-Programme wie Photoshop oder Illustrator erklären. Ebenso verhält es sich bei der Foto-Kunst-Abteilung: direkt daneben stehen Bücher über Fotoapparate und Fotografiertechnik.

Die Buchhandlung ist riesig und fällt durch seine besondere Sortierung und das außergewöhlich vielfätige, hochwertige und auch internationale Programm auf. Hier komme ich mir keine Sekunde fehl am Platz vor, es gibt so viele Bücher, die ich auf der Stelle verstehe, toll finde und kaufen könnte.

An der Kasse frage ich, ob es auch Bücher zum Japanischlernen gibt, da mir immer noch der zweite Band zu meinem Lehrbuch fehlt. Ich werde zwei Gebäude weiter geschickt, wo ich erneut fragen muss. Die Japanisch-Bücher nehmen nur ganz wenig Platz ein, so wundert es mich nicht, dass ich sie übersehen habe. Letzte Woche war ich in Berlin mit Saori bei Dussmann, um ein Deutschbuch für sie zu kaufen. Das Angebot war so riesig, dass ich völlig überfordert war. Hier nun das genaue Gegenteil – und mein Buch ist nicht dabei. Ich kaufe mir stattdessen eines für Kinder, das ausschließlich in Hiragana geschrieben ist. Das Buch befindet sich in einem Schuber, hat wundervolle kleine Illustrationen und stellt für mich eine angemessene Herausforderung dar.

 

Zum Abendessen verabrede ich mich mit Teruko in Shinjuku. Wir schicken uns ausschließlich Nachrichten auf Japanisch – die meiste Zeit spricht sie jedoch leider Englisch mit mir. Wenn die Sachverhalte nicht kompliziert sind, rede ich dennoch stoisch Japanisch. Sie nimmt leider wenig Rücksicht, spricht mit mir nicht langsam und versteht mich manchmal nicht, obwohl ich die richtigen Wort benutze. Dann guckt sie mich fragend an und wiederholt schon mal das, was ich gerade gesagt habe.
Ich weiß aus vielen Erfahrungsberichten, dass es nicht leicht ist, hier im Alltag Japanisch zu lernen, da die Menschen vor Ort wenig kooperativ sind und jede Gelegenheit nutzen, um Englisch zu üben. Ich bin dennoch so optimistisch wie nie zuvor, weil ich gerade die Angst vorm Sprechen verliere, mit der ich mir bisher so sehr im Weg stand.

Wir essen Okonomiyaki, das dieses Mal direkt an unserem Tisch durch uns(!) zubereitet wird. Gerne würde ich Teruko die schönen Dinge zeigen, die ich mir heute gekauft habe, doch diese befinden sich gemeinsam mit meiner Jacke und dem Schirm gut verstaut in einer Kiste, deren Deckel unsere Sitzfläche ist. Die Kiste ist selbstverständlich dennoch sehr praktisch, denn nichts ist im Weg und wird schmutzig.

Später gehen wir zurück zum Bahnhof von Shinjuku, wo ich zielsicher den Weg zu unserem Gleis finde. Du kennst dich ja schon total gut aus hier, sagt Teruko. Ja, antworte ich.