2015年9月19日 – 大きい目 – ōki me

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Heute fahre mit dem Zug nach Kawagoe, eine kleine Stadt westlich von Tokio, die dennoch zwei riesige Bahnhöfe hat. Tatsächlich ist vor Ort aber alles sehr gemütlich und gediegen. Es gefällt mir hier besser als in Kanazawa, wohin ich viel länger unterwegs war.

Zuerst nehme ich den Bus, und schon wieder finde ich mich mit den Haltestellen nicht zurecht. Dieses Mal habe ich zwar einen englischen Stadtplan, die Haltestellen des Ringbusses sind jedoch nicht darauf eingetragen – oder ich finde sie nicht, weil sie im Bus nur auf Japanisch angezeigt werden und meine Karte in Romaji – mit lateinischen Buchstaben – geschrieben ist.

Ich schaue mir einen Schrein und ein altes Schlossgebäude an, in dem es nicht viel mehr zu sehen gibt, als unzählige leere Tatami-Räume und einen hässlichen Garten. Anschließend mache ich mich zu Fuß auf den Weg zu einem Verkaufsviertel, das angeblich an frühere Zeiten erinnert.

Zufällig komme ich dabei an einem Werbeplakat für die Miffy-Ausstellung im Kawagoe City Art Museum vorbei, die anlässlich des 60. Geburtstages der Figur stattfindet. Ich kenne zwar den Hasen, weiß jedoch nichts über den niederländischen Künstler Dick Bruna, der ihn erfunden hat. Es werden auch noch andere Werke von ihm vorgestellt, die nichts mit Miffy und seiner Welt zu tun haben – beispielsweise Mengen an Buchcovern, die Bruna gestaltet hat, sowie einige Werbeplakate. Die Ausstellung passt gut nach Japan, auch wenn sie einem Niederländer gewidmet ist: Miffy sowie die anderen Tiere und Figuren haben ähnlich wie Hello Kitty kaum eine Mimik und sind sehr niedlich. Diese Niedlichkeit findet sich zudem auch in ernsten Bereichen wieder, beispielsweise auf Plakaten, die Bruna für das Rote Kreuz gestaltet hat, und die zum Blutspenden animieren sollen.

Weil die Ausstellung auch für Kinder ist, sind viele der Schilder ohne Kanji geschrieben, so dass ich sie lesen und manchmal sogar verstehen kann. Das ist ungewohnt und fühlt sich gut an. Am Ende der Ausstellung können Kinder und Erwachsene gleichermaßen aus einem Bastelbogen Miffy-Ohren zum Aufsetzen ausschneiden. Ich hoffe, dass ich meine heil bis nach Tokio transportieren kann.

 
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Das Einkaufsviertel erinnert tatsächlich an früher beziehungsweise das, was ich mir unter einem früheren Japan vorstelle. In alten oder alt aussehenden Holzhäusern am Straßenrand verkaufen allerlei Händler Lebensmittel und Andenken. Es sind sehr viele Menschen unterwegs – sowohl zu Fuß als auch in Autos, die sich immer mal wieder regelrecht auf der Straße stauen. Ich bin diese Menschenmassen, die sich, vorbei an Andenkenläden, Fress-Ständen, Sehenswürdigkeiten, durch kleine touristische Orte schieben, mittlerweile gewöhnt. Aber es nimmt mir auch ein wenig die Freude daran, irgendwo hinzufahren, wenn es dort nicht besonders schön ist.

An einem Stand koste ich Süßkartoffelkuchen. Er schmeckt wunderbar, fast wie Kastanie, und ich kaufe sowohl für mich als auch Teruko drei der mächtigen Stücke. Der alte Verkäufer ist hoch erfreut über meine Begeisterung, erzählt mir, dass er keinerlei Zucker für den Kuchen verwendet habe und bietet mir vom Probierteller noch ein paar besonders knusprige und deshalb köstliche Stücke an.

Als ich die Straße langsame hinter mir lasse, höre ich Musik, die aus der Richtung eines Schreins ertönt. Auf dem Vorplatz haben sich ein paar ältere Menschen aufgebaut und spielen Streichinstrumente, deren Namen ich nicht kenne. Einer der Herren im überschaubaren Publikum begrüßt mich freundlich als ich hinzutrete. Die Menschen sind hier überall besonders nett, denke ich. Lange kann ich dem Ganzen jedoch nicht zuhören, denn als das eine Stück zu Ende ist und ein neues beginnen soll, ertönt zuerst der typische Übersteuerungston, dann sind nicht alle Vortragenden synchron und müssen noch einmal von vorne anfangen. Es ist ohnehin Zeit für mich zu gehen, denn ich bin um 18 Uhr mit Teruko in Shibuya im Kaiten-Sushi-Restaurant verabredet.

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Dieses Mal müssen wir fast eine Stunde warten, bis wir dran kommen. Zum Glück gibt es die ganze Zeit Stühle, die wir nach und nach aufrücken können. Ich liebe dieses Sushi-Restaurant. Das Angebot ist enorm, das Sushi schmeckt großartig, die Bedienung ist zuvorkommend und es ist wirklich günstig. Da selbstverständlich nicht alle verfügbaren Sushis auf dem Fließband angeboten werden, kann man auch Zettel mit seinen Bestellungen ausfüllen und sie direkt dem Sushimeister geben. Teruko sagt mir, ich solle meinen selbst ausfüllen – und ist dann doch erstaunt, dass es lesbar ist.

Ich atme glücklich durch. Heute benötige ich zum ersten Mal seit sieben Tagen keine Schmerztablette mehr. Das Monster ist für die nächsten drei Wochen verschwunden und ich sitze entspannt in Tokio in einem Sushi-Restaurant, als müsse ich nicht wieder abreisen, als wäre alles genau richtig so.

Dieses Gefühl hatte ich bisher nur mit Italien, Köln und Berlin – und jedes Mal habe ich ihm nachgegeben und mich für ein Leben dort entschieden. Ich werde es dieses Mal nicht anders machen.

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Bereits letztes Jahr waren Teruko und ich in einem der Purikura-Fotoautomaten. Mein Bild hängt bei mir in der Küche, ihres steht hier im Wohnzimmer auf dem Regal. Wir machen wieder eines!, sagte Teruko bereits am Abend meiner Ankunft. Deshalb suchen wir heute erneut eine der obskuren Fotokabinen auf. Es kommt mir vor, als machte sie uns dieses Jahr noch jünger, die 大きい目 – ōki me – Augen groß.

2014年10月24日***

Es gibt hier Purikura – Fotoautomaten, deren Ziel es ist, auf den Bildern möglichst ’schön‘ und niedlich auszusehen. Man kann aus unterschiedlichen Modi, Hintergründen und Verzierungen wählen, um am Ende gleich mehrere Bilder von sich zu haben, auf denen es den Anschein hat, man sei 10 bis 20 Jahre jünger.

Ich mag meine Manga-Augen.