2017年10月3日 – 見る – miru – sehen

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Dass ich verlernt habe, hinzusehen, wenn ich unterwegs bin, fiel mir erst auf, als ich jemanden kennenlernte, der ständig stehen bleibt, um Dinge zu fotografieren, die ich nicht einmal bemerke.

Es fällt mir nach wie vor schwer, aufmerksam zu sein, obwohl ich es inzwischen jeden Tag übe. Die letzten Wochen in Berlin waren jedoch hektisch, anstrengend – und ich stets in Eile und auf Rückzug bedacht. Hier ist es nun ganz anders: ich habe Zeit und vor allem meine Neugier wieder, die letztes Jahr auf der Strecke blieb, weil ich damit beschäftigt war, nicht zu verzweifeln.

 

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Von meinem Fenster aus kann ich den Mori Tower sehen, in dem sich ganz oben das Mori Art Museum befindet. Auf der Aussichtsplattform habe ich mich letztes Jahr von der Stadt verabschiedet. Mit von der Luftfeuchtigkeit verklebtem Haar, das im Wind weht, und einem erleichterten Gesichtsausdruck. Es war ja klar, dass ich wiederkommen würde.

Ich liebe das Museum. Zu Einen, weil es sich so hoch oben über der Stadt befindet, zum Anderen, weil die Ausstellungen stets wunderbar kuratiert sind.

 
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Ich gehe heute mehr als 20.000 Schritte. Unter anderem von Ebisu nach Shibuya, wo mir erstaunlich viel Graffiti begegnet – vermutlich, weil ich mich die meiste Zeit entlang der Bahngleise fortbewege. In Shimokitazawa suche ich eine Stunde lang ein Geschäft, in dem es selbst gemachten Schmuck zu kaufen gibt, und das ich dort sonst stets sofort fand. Ich bin mit einem Mal so müde und durcheinander, dass ich mich gerne auf die Straße fallen ließe, um zu schlafen, wäre da nicht die Angst, niemand kümmerte sich um mich. Vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht, weil ich eine weiße, für hiesige Verhältnisse fette Frau mit rosa Haaren bin. Außerdem habe ich in Shibuya mit Teruko in meinem liebsten Sushi-Restaurant eine Verabredung. Als ich die Kreuzung betrete, fühlt es sich so aufregend an, als sei ich am Alexanderplatz. Das ist schön und erschreckend gleichermaßen, weil ich nach wie vor jenem Gefühl hinterher traure, das sich einstellt, wenn man dort zum ersten Mal steht.

Wie gut es mir im Vergleich zum letzten Jahr geht, merke ich, als ich Teruko ohne jegliche Anspannung gegenüber sitze, ihr von meinem Leben in Berlin erzähle, und wir uns den ganze Abend freuen, dass wir einander wiedersehen. Später sitzen wir – auf ihren Wunsch hin – bei Starbucks über der Kreuzung. Ich war noch nie hier oben, obwohl ich fast jeden Tag da unten rumlaufe! sagt Teruko. Um uns herum lauter Menschen, die aufgeregt die vielen Menschen fotografieren. Willst du zur Kirschblüte nach Tokio kommen? Du kannst bei mir wohnen, musst nichts bezahlen. Ich bekomme große Augen und nicke.

 
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Eine halbe Stunden lang irre ich durch Roppongi und finde Jeans Wohnung nicht mehr, weil hier im Dunkeln alles anders aussieht, lediglich große Straßen Namen haben, und es auch keine Hausnummern gibt. Die zahlreichen Nachtclubs haben nun geöffnet, zwielichtige Gestalten stehen in Anzügen vor Eingängen herum und ich habe mich selten so wenig sicher gefühlt.

2017年10月2日 – ただいま – tadaima – wieder daheim!

ただいま – tadaima sagt man, wenn man fort war und wieder nach Hause kommt. Die Antwort darauf ist お帰りなさい – okaerinasai – Willkommen zurück!

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Als ich Japan vor 11 Monaten verließ, bangte ich um das Leben meiner Mutter, hatte Wochen der für mich bisher radikalsten Form von Einsamkeit hinter mir und keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Nun bin ich wieder in Tokio, liege im gleichen Bett wie in meiner letzten Nacht, blicke auf die Hochhäuser von Roppongi und genieße das Gefühl, erstmals nicht auf der Flucht vor meinem Leben in Deutschland zu sein, weil sich grundlegende Dinge geändert haben.

2016年5月16日 – 52階 – gojūnikai – 52. Stockwerk

Nach dem Besuch des Igel-Cafés setze ich mich in ein richtiges Café und entscheide, was ich noch in Roppongi unternehme, denn ich war bisher noch nie hier gewesen. Ganz in der Nähe befindet sich das Mori Art Museum, im 52. Stockwerk des Mori Towers, wo es eine Ausstellung gibt, die mich interessiert.

Auf dem Weg dorthin sehe ich zum ersten Mal seit langer Zeit den Tokyo Tower wieder – eingebettet in die Skyline der Stadt. Ich bin mir nicht sicher, wie bekannt dieser Turm eigentlich ist, und gehe davon aus, dass viele das Emoji dazu eher für einen verunglückten Eiffelturm halten. Mit vielen Städten verbindet man ein Wahrzeichen, selbst wenn man noch nie dort gewesen ist. Doch welches fällt diesen Menschen als erstes zu Tokio ein? Etwa die Kreuzung in Shibuya?

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Zum Glück werden im Museum verschiedene Tickets verkauft, und ich muss nicht für die Malereien aus Pompeji bezahlen – ein Ort, an dem ich sogar schon war, als ich einmal die Amalfi-Küste bereiste. Ohnehin bin ich nicht in Japan, um mir alte, europäische Kunst anzusehen.

Weil alle, die mit mir im Aufzug nach oben fahren, in den Aussichtsraum strömen, entscheide ich mich für die Hauptausstellung Roppongi Crossing 2016: My Body, Your Voice.

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Drei Künstler und Künstlerinnen beeindrucken mich an diesem Nachmittag besonders. Die erste ist Katayama Mari, der im Alter von sechs Jahren Teile beider Beine amputiert wurden, was sie in ihrer Kunst verarbeitet. Prothesen und Puppen sind Elemente, die sowohl in ihren Fotografien als auch Skulpturen immer wiederkehren. Alles ist verspielt, die Rahmen sind mit Muscheln und Glitzersteinen besetzt, selbst die Absperrbänder vor den einzelnen Kunstwerken sind aus verziertem Tüll und nicht aus weißen Schnüren wie bei den Exponaten der anderen.

Ein Ausstellungseinstieg, der mich sehr glücklich macht. Ich hatte wieder völlig vergessen, wie schön es ist, durch ein Museum zu gehen und mich von der Energie beeindruckender Kunstwerke durchströmen zu lassen.

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In einem Raum, an dessen Kopfende sich ausnahmsweise ein Fenster befindet, werde ich zum ersten Mal der tollen Aussicht von hier oben auf Tokio gewahr und staune.

Auf dem Boden liegt eine Plane, auf der sich willkürlich angeordnet Massen an unterschiedlichen Knöpfen befinden. Ziel dieses interaktiven Kunstwerks von Nomura Kazuhiro ist es, sich der anderen Knöpfe zu bedienen, die am Rand in silbernen Metallschalen bereitstehen. Wir sollen sie einzeln werfen, um einen der beiden erhöhten Zielpunkte zu treffen, die inmitten der Plane platziert wurden. Auf diese Weise sind also auch die anderen Knöpfe dort gelandet. Selbst die Angestellten des Museums, die für die Sicherheit in diesem Raum zuständig sind, werfen ab und zu ein paar. Vermutlich beschleunigt dies das Voranschreiten der Zeit bis zum Feierabend wenigstens ein bisschen.

Beim ersten Greifen in die Knopfschale blitzt eine Erinnerung in mir auf, die ich längst vergessen hatte: als Kind spielte ich voller Freude mit Knöpfen! Unsere Vermieterin, die oft auf mich aufpasste, war Schneiderin, und ich nehme an, dass ich sie von ihr bekommen hatte. Immer wieder fasse ich nun in die Schale, streichle die Knöpfe, versenke meine Hände darin und versuche, mich an mehr zu erinnern. Ich sehe mich auf dem graugemusterten Teppich in meinem Kinderzimmer knien, und besonders ein grüner Knopf sowie einer schwarzer, kleiner mit goldener Verzierung haben es mir angetan.

Um das Gefühl nicht sofort wieder zu verlieren, setze mich auf einen der am Rand aufgestellten Hocker – meiner ist aus hellem Plexiglas, doch es gibt auch welche, die aussehen wie kleine, rote Pilze. Gleichzeitig blicke ich auf die Stadt, über den Knopfteppich hinweg, der selbst ein wenig aussieht wie eine riesige Metropole.

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Die letzte Künstlerin der Ausstellung beschäftigt mich am meisten. Hasegawa Ai hat sich für ihr Projekt (Im)possible Baby überlegt, wie wohl die Kinder eines gleichgeschlechtlichen Paares aussehen würden, wenn es gelänge, auf einen männlichen Samen zu verzichten und das Erbgut allein aus einer Zelle der zweiten Mutter zu extrahieren.

Zuerst blicke ich auf Porträts der beiden Frauen, die sich der Künstlerin zur Verfügung gestellt haben, dann auf die ihrer fiktiven Kinder. Im Anschluss daran gibt es Schnappschüsse von Familienveranstaltung wie beispielsweise einem Geburtstag. Verstörend und begeisternd zugleich.

Es wird außerdem ein Video gezeigt, in dem die beiden potenziellen Mütter zu Wort kommen und unter anderem über ihre Haltung zum Kinderkriegen oder über häufig nicht einlösbare Vorstellungen vom Konzept Familie sprechen. Im Anschluss daran äußern sich unter anderem ein Wissenschaftler, der solch eine Fortpflanzung ethisch nicht vertretbar findet, eine Transfrau, die sich für die Vision begeistert, oder ein Anwalt aus dem Gesundheitswesen, der sich hinter die gleichgeschlechtliche Heirat und damit einhergehend auch solch eine utopische Fortpflanzungsmöglichkeit stellt.

An die Wand, an der auch der Monitor hängt, wurden viele Sprechblasen mit unterschiedlichen Meinungen zu dem Thema gemalt. Ich finde es gut, dass auch kritische Stimmen aufgezeigt werden. Nicht, weil ich sie unterstütze, sondern, weil ich dadurch daran erinnert werde, dass es sie gibt. Auf diese Weise werden Debatten abgebildet und können weitergeführt werden.

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Anschließend will ich zur Freiluft-Aussichtsplattform, doch diese ist mittlerweile geschlossen. Leider wurde mir das beim Betreten des Museums nicht mitgeteilt. So bleibt mir nur noch der Gang zum normalen Aussichtsraum, in dem gleichzeitig auch eine Sailor-Moon-Ausstellung gezeigt wird. Kurz betrachte ich die Exponate, doch ich kann mit dieser Serie nichts anfangen – als sie nach Deutschland kam, war ich bereits 25, gerade vom kleinen Freiburg in das aufregende Köln gezogen und interessierte mich nicht für Zeichentrick.

Weitaus betörender ist die Aussicht auf die mittlerweile in der Dunkelheit liegenden, funkelnden Stadt – und direkt vor mir der beleuchtete Tokyo Tower, der unwirklich aus der Szenerie hervorsticht. Die Aussicht wirkt eher wie ein Kunstwerk, eine gekonnte 3D-Animation, die besonders gut umgesetzte Miniaturwelt eines akribischen Fans

Lange sitze ich an einem der Fenster und blicke auf die Stadt. Hier wohne ich also! Wie sehr das Gebäude wohl bei einem Erdbeben schwanken mag? Zum Glück ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ausgerechnet jetzt so etwas passiert, beruhige ich mich selbst – und ahne nicht, wie knapp ich diesem Erlebnis tatsächlich entgehe.