2016年5月5日 – 序章 – joshō – Prolog I

Seit drei Tagen bin ich in Tokio und langsam weicht die alles verzerrende Jetlag-Brille, wird meine Wahrnehmung normaler. Außerdem lasse ich endlich die Anspannung der letzten Wochen, ja Monate, hinter mir.

Ich wohne dieses Mal nicht bei Teruko. Ich könnte mir das Zimmer bei ihr ohnehin nicht leisten, und außerdem wollte ich etwas Neues erleben, in einer mir bisher unbekannten Umgebung sein. Meine Wahl fiel auf eine Art Wohngemeinschaft im Westen Tokios. Zum einen, weil mir die Einrichtung des alten Gebäudes mit 和室 – washitsu – japanischen Räumen auf Anhieb zusagte, zum anderen, weil ich unbedingt nicht alleine wohnen wollte und Yuki sehr gute Bewertungen hat. Dafür nehme ich in Kauf, dass unsere beiden Zimmer nur durch eine Schiebetüre getrennt sind, noch ein weiterer Raum an Airbnb-Gäste vermietet wird, und ich mit dem Zug etwa 20 Minuten bis nach Shinjuku benötige. Da dieser jedoch in der Regel alle fünf Minuten fährt, stellt das allenfalls ein finanzielles Problem dar.

Aber mein Plan ist es ja ohnehin, nicht so viel Zeit in Tokio selbst zu verbringen und eher eine Art unaufgeregten Alltag zu haben. Das gelingt viel besser auf dem Land, wo die Wege kurz sind und ich Orte wie Parks und Supermärkte mit dem Fahrrad erreichen kann. Außerdem bewahre ich mich auf diese Weise davor, dem Alkohol zu verfallen, da ich hier bisher bei jedem Aufenthalt abends mindestens ein Bier trinken musste, um von den täglichen Eindrücken der Stadt runterzukommen. Ein Bedürfnis, dem ich während eines Urlaubs gerne nachgebe – nicht jedoch sechs Monate lang.

Ich komme am Montagnachmittag nicht in Narita, sondern auf dem der Stadt viel näheren Flughafen Haneda an. Dort benötige ich weitaus weniger Zeit als sonst für die Einreise-Formalitäten. Allerdings wähle ich aufgrund meiner Müdigkeit den falschen Zug, muss deshalb mehrfach umsteigen und verlaufe mich auch noch auf dem etwa einen Kilometer langen Weg zu Yukis Wohnung. Da sich dabei wegen der Schwere des Koffers eine Rolle verhakt, verbrennt diese durch das Ziehen über den Asphalt regelrecht, und ich komme immer langsamer voran. Die Bücher im Handgepäck zerren außerdem an meiner Schulter. Lange kann ich jenen Modus, in dem ich mir selbst flüsternd Mut zuspreche, nicht mehr aufrecht erhalten. Wo bist du denn? fragt Yuki dann irgendwann per Textnachricht. Ich schicke ihm einen Google-Maps-Screenshot, und warte erschöpft darauf, dass er mich aus der Parallelstraße abholt.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, eine Wohnung zu betreten, die ich bereits von so vielen Bildern und sogar von einer Fernsehaufnahme kenne. Alles ist vertraut und doch nicht. Mehrere Monate lang war ein Foto meines jetzigen Zimmers der Bildschirmhintergrund des Arbeitsrechners, um durchhalten zu können. Es sind keine offiziellen Gäste da, doch Yuki hat Besuch von einer Freundin, die in Korea lebt und schon bald sitzen wir da und essen Curry, das Yuki gekocht hat. Ich bekomme dazu das einzige noch verfügbare Ei – jedoch nicht aus Gastfreundschaft, sondern weil ich beim Schere-Stein-Papier-Spiel gewonnen habe.

hellokitty

Bereits gegen acht gehe ich schlafen, liege jedoch die halbe Nacht wach und mache mich am nächsten Tag angeschlagen auf den Weg nach Shinjuku, um ein paar Dinge einzukaufen: ich benötige eine Nachttischlampe, Kisten für die Dinge in meinem Schrank, Lebensmittel. Es ist, als sei ich nur kurz und keine sieben Monate fort gewesen. Den ersten wunderbaren Moment erlebe ich sofort bei Starbucks, wo die Barista mir Komplimente für meine Kleidung und mein Aussehen macht. Der Kaffee, den sie mir verkauft, richtet jedoch nur wenig gegen meine körperlichen Beeinträchtigungen aus. Immer wieder gehen meine Ohren zu, in meiner Blutbahn scheint es zu vibrieren, meine Hände zittern, die Bewegungsabläufe sind fahrig und meine Beine stehen unter Spannung. Unsicher bewege ich mich fort. Fall jetzt bloß nicht in Ohnmacht! wird zu meinem Mantra. Jetlag aufgrund einer Reise in die Zukunft fühlt sich für mich jedes Mal an wie eine Krankheit, die ich aushalten muss.

Weil ich aus Kostengründen unbedingt in einen großen 100-Yen-Shop möchte und sich der einzige, der mir auf Anhieb einfällt, auf Harajukus überfülltester Einkaufsstraße befindet, fahre ich gegen meine Vorsätze dorthin. Ich war im September während der Silver Week dort, als es unerträglich überfüllt war. Dieses Mal ist Golden Week und alle, die nicht gerade im Verkauf oder im öffentlichen Dienst arbeiten, haben noch länger frei und überall befinden sich noch mehr Menschen.

Während ich schwankend am Anfang der völlig überfüllten Takeshita Dōri stehe – ich habe den Eindruck, hier befinden sich genau so viele Touristen und Touristinnen auf einmal wie sonst im gesamten Rest Japans – und innerlich wegen meiner Entscheidung die Augen verdrehe, spricht mich auf Englisch eine junge, weiße Frau an, um mir zu sagen, dass ich toll aussehe. Oh, Dankeschön! antworte ich versehentlich auf Deutsch – und es stellt sich heraus, dass Ami wie ich aus Berlin kommt. Sie bietet an, mir die Links zu all ihren wundervollen Couchsurfing-Hosts in verschiedenen Städten Japans zu schicken, und ich bin erstaunt über den schönen Zufall, will ich doch dieses Mal auch jene Form des Reisens für mich wählen. Vor einigen Jahren habe ich selbst über Couchsurfing einige Leute in meinem Wohnzimmer beherbergt.

Nachdem ich mit dem Einkaufen bei Daiso fertig bin, fahre ich zu Teruko nach Higashi-Nakano. Wie im Schlaf finde ich das richtige Gleis, die Haltestelle, den richtigen Ausgang, den Weg zu ihrer Wohnung. Irgendwo zu sein, wo ich fast nichts lesen kann, die Menschen kaum verstehe und dennoch solch einen vertrauten Weg habe, ist sehr sonderbar. Gleichzeitig bin ich froh, nicht erneut wieder hier zu wohnen. Wir fallen uns in die Arme, sitzen zwei Stunden beisammen und reden. Ab und zu sieht Teruko nach den mit Nüssen und Cranberries gefüllten Brötchen, die sie gerade backt, und schenkt mir zum Abschied ein paar davon. Ich bin so glücklich, dass du tatsächlich hier bist! sagt sie. Ich glaube, sie hat mir nicht zugetraut, dass ich wirklich komme.

2015年9月14日 – 草 – kusa

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Bereits beim Kauf war ich verwundert über die geringe Auswahl an Tampons, die es hier gibt. Nun bin ich entsetzt ob ihrer Qualität: Die Watte wurde nur dürftig zu einem Zylinder geformt. Eigentlich handelt es sich um einen gesteppten Wattelappen, in dessen Mitte ein Faden vernäht wurde. Der Tampon ist dementsprechend einfach auseinanderzufalten.

Kurz nachdem ich das Bild mit einer Beschwerde auf Instagram veröffentlicht habe, erfahre ich von Wataru, dass hier eher Menstruationstassen verwendet werden. Okay, 1 : 0 für Japan.

 
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Heute ist kein so guter Tag. Ich brauche Ibuprofen und sehr viel Zeit, bis ich das Haus verlassen kann und fahre erneut ans Meer. Dieses Mal bleibe ich jedoch in Tokio. 2011 war ich schon einmal im Kasai Rinkai Park, deshalb weiß ich, dass es hier 草 – kusa – Wiese gibt und Schatten. Nicht einmal eine Stunde benötige ich bis dorthin – etwa so lange wie in Berlin, um zur Arbeit zu kommen.

Die meiste Zeit liege ich im Gras und schaue aufs Wasser. Wenn ich nach links blicke, sehe ich das Disneyland-Schloss am Horizont. Es sieht dort sonderbar und falsch aus. Verspielt und künstlich inmitten der Natur und den nicht minder künstlichen Wolkenkratzern, an deren Anblick man sich jedoch längst gewöhnt hat, die sich gefällig in Horizonte einfügen, sogar etwas Beruhigendes haben.

Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass ich den Tag nicht besser nutze – dabei hatte ich mir zuhause doch vorgenommen, viele ruhige Stunden zu verbringen, da ich dringend Erholung brauche. Nun fällt es mir so schwer, da mir die Zeit davon läuft und sich der Wunsch nach einem Alltag hier vor Ort immer mehr in meiner Brust ausweitet.

Später setze ich mich an einen der Picknicktische aus Holz, um ein paar Aufgaben aus meinem Textbuch zu lösen.

 
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Am Abend fahre ich zurück. Bevor ich in Shinjuku in meine Bahn umsteige, möchte ich dort noch etwas essen. Als ich bei meiner Suche zufällig an dem Restaurant vorbeikomme, in dem ich letztes Jahr gemeinsam mit P. war, ist klar, wo ich heute Abend essen werde.

2015年9月13日 – 喫茶店 – kissaten

Heute möchte ich einen Flohmarkt besuchen. Ich erhoffe mir davon, ausgefallene Dinge zu finden, wundersame Kleinigkeiten, die mich zuhause an Japan erinnern werden. Mit der Yamanote fahre ich nach Shinagawa.

Der Flohmarkt soll in einem großen Gebäude stattfinden. Weil ich den Bahnhof auf der falschen Seite verlasse, muss ich einen großen Umweg gehen. Dieser führt mich vorbei an riesigen Bürotürmen, durch Niemandsland.

Solche öden, traurigen Orte zwischen manchmal leeren Gebäuden kenne ich mittlerweile. Biegt man um die nächste Ecke, ist sofort alles wieder voller Menschen.

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Der Flohmarkt findet drinnen und draußen statt, doch leider gibt es hier nur langweilige Dinge und vornehmlich Kleidung, an der ich nicht interessiert bin. Ganz abgesehen davon, dass mir die Blusen, Kleider und Röcke gar nicht passten, weil ich größer und breitschultriger bin als fast alle Japanerinnen, denen ich bisher begegnete.

Bevor ich zum Bahnhof zurückkehre, gehe ich zu einer Mauer in der Nähe und mache ein Foto. Da kommt ein Mann mit einem Koffer, setzt sich dazu und spricht mich auf meine Haarfarbe und meine Kleidung an. Er öffnet den Koffer und wühlt lange darin herum, während er immer weiter mit mir redet. Manches verstehe ich, das meiste jedoch nicht. Dann zieht er einen hässlichen rosa Schal hervor und bietet ihn mir zum Kauf an. Ich lehne höflich ab, indem ich behaupte, bereits einen rosa Schal zu besitzen, doch er redet weiter und versucht es erneut. So frage ich ihn nach der Richtung zum Bahnhof, bedanke mich, stehe auf und gehe.

 
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Ich bin erst in zweieinhalb Stunden in Shinjuku verabredet, also steige ich vorher in Shibuya aus, um die Tokyo Wondersite Galerie zu besuchen.

Beim Überqueren der Kreuzung mache ich es nun einmal anders herum und fotografiere von unten die Menschen im Starbucks. Kurz darauf sehe ich zum ersten Mal Streetart – sie fällt kaum auf zwischen all den Geschäften, dem Gefunkel und Geblinke. Ich denke an Berlin und die vielen Aufkleber, an gemalte und gesprayten Kunstwerke, und auch an hingerotztes Geschmiere. Wer wohl so mutig war, die Katze hier anzubringen? Ich kann den Namen nicht entziffern. Und wie kommt es, dass sie nicht wieder entfernt wurde?

 
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Tokyo Wondersite hört sich riesig an und auch die Webseite vermittelt den Eindruck, es handle sich um eine große Location. Letztendlich ist es jedoch eine winzige Galerie, in der nur wenige Kunstwerke zu sehen sind. Eines mache ich beim Betreten des Raumes fast kaputt, viele verstehe ich nicht. Lediglich ein Fuchs-Bild gefällt mir. Ich habe offenbar ein gutes Gespür dafür, mit großen Erwartungen Orte (Meer, Flohmarkt, Ausstellung) aufzusuchen, die nicht erfüllt werden.

Anders ist das bei meiner Verabredung. Hier habe ich keine großen Erwartungen, verspüre eher diffuse Angst. Ich habe Toshiyuki bei Tinder kennengelernt. Unter meinem Profil steht, dass ich bis Ende des Monats in Tokio bin und mich gerne zum Kaffeetrinken verabreden möchte. Tatsächlich hatte ich in Berlin nicht so viele Tinder-Matches wie hier bereits nach zwei Tagen. Geantwortet hat mir jedoch nur ein einziger Mann, und den sehe ich nun.

Wir treffen uns später in Shinjuku vor der großen Kinokuniya-Buchhandlung. Hier entdecke ich ein Vorbereitungsheft für den Japanese Langue Profiency Test, der zwei Mal im Jahr stattfindet und – ähnlich wie das Zentralabitur, das ich vor vielen Jahren in Baden-Württemberg absolvieren musste – weltweit der gleiche ist. Es gibt diesen Test natürlich für verschiedene Level und ich habe mir zum Ziel gesetzt, den einfachsten der fünf Variationen im Sommer des nächsten Jahres zu bestehen. (Der Anmeldeschluss für den Test im kommenden Dezember war leider vor drei Tagen.)

Dann ist es halb vier, Toshiyuki schreibt, dass er da ist und ich stelle mich gut sichtbar vor das Geschäft. Als er zu mir tritt, geben wir uns die Hand und gehen gemeinsam in Richtung eines 喫茶店 – kissaten – Cafés. Das ist gut, denn so können wir während des Spaziergangs dorthin die meiste Zeit nach vorne blicken und meine Nervosität legt sich. Es stellt sich schnell heraus, dass Toshiyuki kein Englisch kann. Hilfe!, mein erster Gedanke, Hurra!, der zweite. Denn es ist leider verlockend, immer wieder auf die englische Sprache ausweichen zu können, wenn Dinge, die man sagen möchte, zu kompliziert erscheinen. Nun habe ich keine Wahl – ich muss Japanisch sprechen, egal, wie falsch und schlecht es sein mag.

Das ist sehr, sehr anstrengend, aber auch sehr, sehr gut. Ich bin entsetzt darüber, wie viel ich falsch mache, andererseits freut es mich, dass ich am Ende sogar in der Lage bin, über den Geburtenrückgang in Japan und Deutschland gleichermaßen zu sprechen. Es gibt außerdem viel zu lachen, ständig suche ich Worte, bitte Toshiyuki darum, Sätze langsam zu wiederholen, immer wieder tippen wir in unsere Telefone, schalten zwischen Tastaturen hin und her. Er ist Fußballtrainer – mittlerweile für Kinder–, und kennt sogar die Hertha BSC. Ich erzähle ihm, dass dort zwei japanische Spieler unter Vertrag sind, doch das weiß er längst. Ein Mal war er beruflich in Deutschland – in Leverkusen. Ich erklären, dass das eine trostlose Stadt sei und zeige ihm Fotos von Berlin.

Erst nach zweieinhalb Stunden verlassen wir das Café wieder und es passiert etwas sehr seltenes: ich lasse zu, dass ich eingeladen werde. Zumindest versuche ich nur ein einziges Mal, ihm die Hälfte des Rechnungsbetrages zu geben. Dann traue ich mich nicht mehr, weil ich ihn nicht vor dem Kassierer bloßstellen möchte. Ich habe wirklich keine Ahnung, welches Zahlverhalten hier üblich ist. In Deutschland bezahle ich bei ersten Verabredungen immer selbst, um unabhängig zu bleiben.

Gemeinsam spazieren wir zum Bahnhof. Als sich unsere Wege trennen, verbeugt er sich vor mir und steigt die Treppe hinab. Ich gehe nicht davon aus, dass wir uns wiedersehen. Bestimmt war es ihm zu anstrengend mit mir, dabei würde ich ihn eigentlich gerne noch einmal treffen. Ich mochte den Nachmittag sehr, denn er war auf angenehme Weise aufregend.

 
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Da ich keine Lust habe, schon wieder in ein Restaurant zu gehen, kaufe ich mir ein paar Dinge im Family Mart und esse zu Hause. Teruko ist nicht da, und so kann ich ungestört zum ersten Mal in meinem Leben Nattō pur essen. Es erinnert mich im Geschmack ein wenig an Gorgonzola. Wenn ich genügend Soja-Soße hinzufüge und während des Essens die Augen schließe, geht es eigentlich. Ich erinnere ich mich an meine erste Olive, das erste Bier, den ersten würzigen Käse. Nattō zählt vermutlich auch zu jenen Gerichten, an denen man erst im Laufe der Zeit Gefallen findet. Im Kühlschrank stehen noch zwei weitere Packungen.

Dann kommt Teruko nach Hause und spricht schon wieder Englisch mit mir, auch einfachste Sätze. Rede Japanisch!, sage ich ihr, und bitte sie, es auszuhalten, wenn ich mich schwertue. Von diesem Moment an verstehe ich nur noch ein Viertel von dem, was sie sagt und freue mich dennoch.

Zwei Stunden später schreibt mir Toshiyuki: Gehen wir das nächste Mal zusammen Okonomiyaki essen?