2017年10月9日 – 旅行する – ryokō suru – reisen

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Der Shinkansen ist bereits ziemlich voll, als ich in Shinagawa einsteige, um nach Okayama zu fahren. Ich benötige mehrere Versuche, bis es mir endlich gelingt, den Koffer in die Ablage über den Sitzen zu wuchten, während alle, die hinter mir sitzen, mit großen Augen zusehen.

Zum ersten Mal denke ich im Zusammenhang mit Höflichkeit, dass das in Deutschland nicht passiert wäre. Bisher wurde mir in solchen Fällen tatsächlich stets geholfen. Ich bin erschöpft und ärgere mich so sehr über die starrenden, passiven Menschen, dass ich ohne nachzudenken eine Verbeugung in ihre Richtung mache, ありがとうございます – arigatougozaimasu – Dankeschön! sage und mich erst dann setze.

So sehr habe ich mich in Japan noch nie daneben benommen, doch die Menschen hinter mir verziehen keine Miene. Kurz bin ich mir peinlich, doch dann fange ich an zu grinsen.

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2014年10月15日*

Ich fühle mich unwohl als ich um acht den Frühstücksraum betrete. Ein Mann, den ich gestern in der Straßenbahn gesehen habe, sitzt schon am Tisch. Zum Glück blicken wir beide in die gleiche Richtung, hinaus aus dem Fenster. Heute wäre ich lieber alleine. Irgendwann fragt der Mann mich auf Englisch, wie er denn wohl das Spiegelei mit den Stäbchen essen solle. Mehr als es zu zerteilen, es am besten auf den Reis zu legen und alles zu vermischen, fällt mir nicht ein. Heute gibt es unter anderem gebackenen Kürbis und auch der Fisch ist wieder dabei. Ich bin voller Freude darüber.

Später fällt es mir schwer zu packen. Nicht, weil ich noch bleiben möchte, sondern weil ich kraftlos bin. Das ständige Unterwegs- und Alleinsein ist ja nicht nur schön, sondern manchmal auch anstrengend. Ich bräuchte einen Tag Auszeit, doch den gestatte ich mir hier nicht.

Während der Fahrt fällt mir auf, dass es einen Grund gibt, wieso ich hier so gerne Zeit im Zug verbringe: währenddessen muss ich nichts machen, ich darf ohne schlechtes Gewissen rumsitzen, die Zeit vertrödeln und sogar verschlafen. Darüber hinaus ist es in japanischen Zügen wundervoll ruhig. 

Ich wünschte, es würde sich auch in Deutschland durchsetzen, nicht ständig alle mit Krach zu belästigen. Dass ausgerechnet Italien das andere meiner Lieblingsländer ist, mutet in diesem Zusammenhang schon sehr eigenartig an. Ich weiß nicht, wie das eigentlich zusammen passt. Vielleicht, weil ich selbst anders werde, sobald ich Italienisch spreche? Was mag wohl mit mir passiert, wenn der Plan glückt und ich wirklich ein halbes Jahr in Tokio leben kann?

*

Der erste Blick aufs Meer ist immer der schönste. Ich könnte auch einfach immer wieder mit dem Schnellzug hin und her fahren, aus dem Fenster sehen und mich in der Aussicht verlieren. 

2014年10月12日

Ich stehe zum ersten Mal früh auf, denn heute verlasse ich Tokio für eine Woche. Gestern fand ich die Vorstellung noch grauenvoll. Vermutlich, weil sich das Kofferpacken in Terukos Wohnung in Kürze wiederholen wird, und dann muss ich wieder zurück nach Deutschland. Als ich aufstehe, ist aber jegliche Skepsis verflogen. Ich freue mich so, endlich mehr von Japan zu sehen. Mit dem Shinkansen fahre ich erst einmal bis Kyoto. 

Wenn man in Japan Zug fährt, muss man genau gucken, wo man einsteigt und einen Platz wählt. Es gibt zwei Klassen und dann wird auch noch zwischen Wagen mit reservierten Plätzen und Wagen mit freien Plätzen unterschieden. Auf dem Bahnsteig selbst ist – wie bei den U-Bahnen auch – markiert, wo sich welche Türe zu welchem Wagen öffnen wird. Wie man sich davor aufreiht, ist auf den Shinkansen-Bahnsteigen ebenfalls genau festgelegt.

Ich habe heute einen reservierten Platz, weil das mit dem Japan Rail Pass nichts kostet. Die ganz schnellen Shinkansen-Züge, die nur an sehr wenigen Haltestellen halten, darf ich mit dem Pass allerdings nicht benutzen. Das ist aber ziemlich egal, wenn man die Geschwindigkeit deutscher ICEs gewohnt ist. Nur zweieinhalb Stunden benötigen wir für etwa 460 Kilometer! Den Fuji kann ich dieses Mal leider nicht sehen. Die Berge sind in Nebel gehüllt und vielleicht hatte ich vor drei Jahren auf dieser Strecke großes Glück, als der Berg völlig frei im Sonnenschein dalag.

Am Bahnhof in Tokio hatte ich mir eine Bentobox für unterwegs gekauft. Während ich das Gefühl habe, Essen in öffentlichen Verkehrsmitteln sei verpönt oder gar verboten, so ist es im Shinkansen auf jeden Fall erlaubt. Wie wunderbar die Inhalte dieser Boxen arrangiert sind und wie viele unterschiedliche leckere Dinge sich darin befinden! Ich habe Glück und es ist nichts dabei, das mir nicht schmeckt.

Von Kyoto aus geht es mit dem Regionalzug weiter nach Nara. Dort marschiere ich mindestens zwanzig Minuten lang, immer leicht bergauf, mit dem Rollkoffer zu meinem Hotel. Es liegt ganz in der Nähe des Parks, wegen dem ich hauptsächlich hier bin.