2016年5月16日 – 地震 – jishin – Erdbeben

Auf dem Nachhauseweg vom Museum entscheide ich mich spontan dafür, endlich das günstige Fließband-Sushi-Restaurant in Shibuya aufzusuchen, welches ich so mag. Es befindet sich in der Nähe des Bahnhofs, im achten Stockwerk des Seibu-Gebäudes, das unter anderem auch ein Kaufhaus und ein Kino beherbergt.

Zum Glück sitzen nur wenige Menschen auf den Stühlen vorm Eingang und warten: Bereits nach zehn Minuten darf ich am Tresen Platz nehmen. Das Band hält kaum Gerichte bereit – vermutlich, weil es schon relativ spät ist – und so fülle ich einen Zettel mit meiner Bestellung aus. Da ich eitel bin und einen guten Eindruck machen möchte, wähle ich ausschließlich Sushi, deren Kanji ich lesbar (ab)schreiben kann.

 

Mit Mareike hatte ich hier im September gemeinsam gegessen. Eine Sekunde nach der Veröffentlichung meines Tweets beginnt alles zu wackeln. Ich bin also gerade einmal seit zwei Wochen hier und da ist es bereits: mein erstes Erdbeben, das ich nicht im Bett liegend erlebe, sondern draußen unter Menschen – und dann auch noch ohne Begleitung!

Ich blicke mich um: Die Angestellten des Restaurants sehen überhaupt nicht beunruhigt aus! Sie lachen und signalisieren uns, nicht aufzustehen. Alle Menschen um mich herum haben sich ihren Bezugspersonen zugewandt. Ich hingegen starre alleine geradeaus, sehe die Aufnahmen vom 3. März 2011 vor meinem geistigen Auge, die ich mir seinerzeit in Dauerschleife auf einem der Monitore im Fitness-Studio ansehen musste, während ich auf dem Laufband hechelte: einstürzende Regale, durch Büros fliegende Gegenstände, Menschen mit angstvollen Gesichtern.

Seit es angefangen hat zu wackeln, sind höchstens drei Sekunden vergangen. Der Ablenkung wegen entscheide ich mich für Twitter, blicke aufs Telefon – in diesem Moment ertönt daraus der schrille Erdbebenalarm meines Netzbetreibers und ich zucke zusammen, lasse es beinahe fallen. Zumal mein Telefon nicht das Einzige ist, ganz viele Smartphones im Raum machen dieses grässliche Geräusch! Ein Umstand, der nicht zu meiner Beruhigung beiträgt, zumal sich das Restaurant nach wie vor bewegt als sei das ganze Gebäude eine Maschine im Landeanflug.

Ich kann nicht abschätzen, wie lange das Beben andauert: 20 Sekunden, eine Minute? Ich versuche vergeblich, meine Angst wegzuatmen. Als es endlich vorüber ist, blicken sich alle erleichtert um. Was, wenn das nur eine Ankündigung war? Ich versuche mich zu erinnern: den ähnlich starken Beben, die ich bisher immer frühmorgens erlebt hatte, waren auch keine weiteren großen Erschütterungen mehr gefolgt. Bei dem letzten war ich nur kurz wach geworden und schlief zwanzig Minuten später bereits wieder. Doch das Beben heute fühlte sich sehr anders, viel gefährlicher an. Vielleicht, weil ich mich nicht auf Erdgeschosshöhe befinde?

Wie kam ich ängstlicher Mensch bloß auf die Idee, monatelang in einem Land zu leben, wo solche Ereignisse nicht ungewöhnlich sind? Es gibt hier auch eine viel professionellere Maßeinheit für Erdbeben. Im Gegensatz zur starren Richterskala bestimmt die JML-Skala die Auswirkung an der Oberfläche, so dass für verschiedene Regionen unterschiedliche Werte genannt werden können. Der Anstieg der Skala verläuft exponential, nicht linear. So ist der Abstand von Stärke zwei zu drei geringer als der von einer niedrigen fünf zu einer hohen.

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Zum ersten Mal stelle ich meine Entscheidung in Frage. Würde ich in der Lage sein, das gerade Erlebte einfach wieder beiseite zu schieben? Schließlich ist es sehr wahrscheinlich, dass ich bis Ende Oktober weiteren Erdbeben ausgesetzt bin. Ich will doch meine Unbeschwertheit nicht verlieren, die mich hier fast immer durch den Tag trägt.

Die restlichen Portionen Sushi zu essen fällt mir schwer. Ich bestelle zur Beruhigung ein Bier, dabei tränke ich viel lieber einen Whisky. Auch zehn Minuten nach dem Beben habe ich immer noch Gänsehaut, denn in Gedanken erlebe ich das Ganze wieder und wieder und grusele mich.

Nachdem ich bezahlt habe, fahre ich mit dem Aufzug hinunter, obwohl ich jetzt sehr gerne zu Fuß ginge, um bei einem erneuten Beben nicht in einem gestoppten Fahrstuhl festzusitzen, doch das Treppenhaus ist bereits gesperrt wegen der Uhrzeit. Unten angekommen fällt mir auf, dass ich aufgrund der Anspannung meinen Schirm im Restaurant vergessen habe. Ich gebe das billige Plastikding verloren, denn bei uns in der Wohnung gibt es zum Glück noch genügend – die vielen Gäste haben sie da gelassen.

Erst als ich an der Kreuzung in Shibuya stehe und sich die Menschen nicht anders verhalten als sonst, die Stimmung die gleiche ist wie immer, beruhige ich mich. Yuki und Mandy lachen, als ich ihnen zuhause von meinen Erlebnissen berichte. Wir haben hier draußen kaum etwas gespürt, sagen sie. Ich brauche Schnaps! rufe ich, und gemeinsam trinken wir Soju, den Mandy aus Korea mitgebracht hat. Heute bin ich besonders dankbar dafür, dass ich nicht alleine wohne.

Am nächsten Morgen hat die Verdrängung bereits gute Arbeit geleistet.

2015年9月19日 – 大きい目 – ōki me

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Heute fahre mit dem Zug nach Kawagoe, eine kleine Stadt westlich von Tokio, die dennoch zwei riesige Bahnhöfe hat. Tatsächlich ist vor Ort aber alles sehr gemütlich und gediegen. Es gefällt mir hier besser als in Kanazawa, wohin ich viel länger unterwegs war.

Zuerst nehme ich den Bus, und schon wieder finde ich mich mit den Haltestellen nicht zurecht. Dieses Mal habe ich zwar einen englischen Stadtplan, die Haltestellen des Ringbusses sind jedoch nicht darauf eingetragen – oder ich finde sie nicht, weil sie im Bus nur auf Japanisch angezeigt werden und meine Karte in Romaji – mit lateinischen Buchstaben – geschrieben ist.

Ich schaue mir einen Schrein und ein altes Schlossgebäude an, in dem es nicht viel mehr zu sehen gibt, als unzählige leere Tatami-Räume und einen hässlichen Garten. Anschließend mache ich mich zu Fuß auf den Weg zu einem Verkaufsviertel, das angeblich an frühere Zeiten erinnert.

Zufällig komme ich dabei an einem Werbeplakat für die Miffy-Ausstellung im Kawagoe City Art Museum vorbei, die anlässlich des 60. Geburtstages der Figur stattfindet. Ich kenne zwar den Hasen, weiß jedoch nichts über den niederländischen Künstler Dick Bruna, der ihn erfunden hat. Es werden auch noch andere Werke von ihm vorgestellt, die nichts mit Miffy und seiner Welt zu tun haben – beispielsweise Mengen an Buchcovern, die Bruna gestaltet hat, sowie einige Werbeplakate. Die Ausstellung passt gut nach Japan, auch wenn sie einem Niederländer gewidmet ist: Miffy sowie die anderen Tiere und Figuren haben ähnlich wie Hello Kitty kaum eine Mimik und sind sehr niedlich. Diese Niedlichkeit findet sich zudem auch in ernsten Bereichen wieder, beispielsweise auf Plakaten, die Bruna für das Rote Kreuz gestaltet hat, und die zum Blutspenden animieren sollen.

Weil die Ausstellung auch für Kinder ist, sind viele der Schilder ohne Kanji geschrieben, so dass ich sie lesen und manchmal sogar verstehen kann. Das ist ungewohnt und fühlt sich gut an. Am Ende der Ausstellung können Kinder und Erwachsene gleichermaßen aus einem Bastelbogen Miffy-Ohren zum Aufsetzen ausschneiden. Ich hoffe, dass ich meine heil bis nach Tokio transportieren kann.

 
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Das Einkaufsviertel erinnert tatsächlich an früher beziehungsweise das, was ich mir unter einem früheren Japan vorstelle. In alten oder alt aussehenden Holzhäusern am Straßenrand verkaufen allerlei Händler Lebensmittel und Andenken. Es sind sehr viele Menschen unterwegs – sowohl zu Fuß als auch in Autos, die sich immer mal wieder regelrecht auf der Straße stauen. Ich bin diese Menschenmassen, die sich, vorbei an Andenkenläden, Fress-Ständen, Sehenswürdigkeiten, durch kleine touristische Orte schieben, mittlerweile gewöhnt. Aber es nimmt mir auch ein wenig die Freude daran, irgendwo hinzufahren, wenn es dort nicht besonders schön ist.

An einem Stand koste ich Süßkartoffelkuchen. Er schmeckt wunderbar, fast wie Kastanie, und ich kaufe sowohl für mich als auch Teruko drei der mächtigen Stücke. Der alte Verkäufer ist hoch erfreut über meine Begeisterung, erzählt mir, dass er keinerlei Zucker für den Kuchen verwendet habe und bietet mir vom Probierteller noch ein paar besonders knusprige und deshalb köstliche Stücke an.

Als ich die Straße langsame hinter mir lasse, höre ich Musik, die aus der Richtung eines Schreins ertönt. Auf dem Vorplatz haben sich ein paar ältere Menschen aufgebaut und spielen Streichinstrumente, deren Namen ich nicht kenne. Einer der Herren im überschaubaren Publikum begrüßt mich freundlich als ich hinzutrete. Die Menschen sind hier überall besonders nett, denke ich. Lange kann ich dem Ganzen jedoch nicht zuhören, denn als das eine Stück zu Ende ist und ein neues beginnen soll, ertönt zuerst der typische Übersteuerungston, dann sind nicht alle Vortragenden synchron und müssen noch einmal von vorne anfangen. Es ist ohnehin Zeit für mich zu gehen, denn ich bin um 18 Uhr mit Teruko in Shibuya im Kaiten-Sushi-Restaurant verabredet.

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Dieses Mal müssen wir fast eine Stunde warten, bis wir dran kommen. Zum Glück gibt es die ganze Zeit Stühle, die wir nach und nach aufrücken können. Ich liebe dieses Sushi-Restaurant. Das Angebot ist enorm, das Sushi schmeckt großartig, die Bedienung ist zuvorkommend und es ist wirklich günstig. Da selbstverständlich nicht alle verfügbaren Sushis auf dem Fließband angeboten werden, kann man auch Zettel mit seinen Bestellungen ausfüllen und sie direkt dem Sushimeister geben. Teruko sagt mir, ich solle meinen selbst ausfüllen – und ist dann doch erstaunt, dass es lesbar ist.

Ich atme glücklich durch. Heute benötige ich zum ersten Mal seit sieben Tagen keine Schmerztablette mehr. Das Monster ist für die nächsten drei Wochen verschwunden und ich sitze entspannt in Tokio in einem Sushi-Restaurant, als müsse ich nicht wieder abreisen, als wäre alles genau richtig so.

Dieses Gefühl hatte ich bisher nur mit Italien, Köln und Berlin – und jedes Mal habe ich ihm nachgegeben und mich für ein Leben dort entschieden. Ich werde es dieses Mal nicht anders machen.

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Bereits letztes Jahr waren Teruko und ich in einem der Purikura-Fotoautomaten. Mein Bild hängt bei mir in der Küche, ihres steht hier im Wohnzimmer auf dem Regal. Wir machen wieder eines!, sagte Teruko bereits am Abend meiner Ankunft. Deshalb suchen wir heute erneut eine der obskuren Fotokabinen auf. Es kommt mir vor, als machte sie uns dieses Jahr noch jünger, die 大きい目 – ōki me – Augen groß.

2015年9月14日 – 草 – kusa

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Bereits beim Kauf war ich verwundert über die geringe Auswahl an Tampons, die es hier gibt. Nun bin ich entsetzt ob ihrer Qualität: Die Watte wurde nur dürftig zu einem Zylinder geformt. Eigentlich handelt es sich um einen gesteppten Wattelappen, in dessen Mitte ein Faden vernäht wurde. Der Tampon ist dementsprechend einfach auseinanderzufalten.

Kurz nachdem ich das Bild mit einer Beschwerde auf Instagram veröffentlicht habe, erfahre ich von Wataru, dass hier eher Menstruationstassen verwendet werden. Okay, 1 : 0 für Japan.

 
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Heute ist kein so guter Tag. Ich brauche Ibuprofen und sehr viel Zeit, bis ich das Haus verlassen kann und fahre erneut ans Meer. Dieses Mal bleibe ich jedoch in Tokio. 2011 war ich schon einmal im Kasai Rinkai Park, deshalb weiß ich, dass es hier 草 – kusa – Wiese gibt und Schatten. Nicht einmal eine Stunde benötige ich bis dorthin – etwa so lange wie in Berlin, um zur Arbeit zu kommen.

Die meiste Zeit liege ich im Gras und schaue aufs Wasser. Wenn ich nach links blicke, sehe ich das Disneyland-Schloss am Horizont. Es sieht dort sonderbar und falsch aus. Verspielt und künstlich inmitten der Natur und den nicht minder künstlichen Wolkenkratzern, an deren Anblick man sich jedoch längst gewöhnt hat, die sich gefällig in Horizonte einfügen, sogar etwas Beruhigendes haben.

Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass ich den Tag nicht besser nutze – dabei hatte ich mir zuhause doch vorgenommen, viele ruhige Stunden zu verbringen, da ich dringend Erholung brauche. Nun fällt es mir so schwer, da mir die Zeit davon läuft und sich der Wunsch nach einem Alltag hier vor Ort immer mehr in meiner Brust ausweitet.

Später setze ich mich an einen der Picknicktische aus Holz, um ein paar Aufgaben aus meinem Textbuch zu lösen.

 
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Am Abend fahre ich zurück. Bevor ich in Shinjuku in meine Bahn umsteige, möchte ich dort noch etwas essen. Als ich bei meiner Suche zufällig an dem Restaurant vorbeikomme, in dem ich letztes Jahr gemeinsam mit P. war, ist klar, wo ich heute Abend essen werde.