2016年9月4日 – 家から駅まで – ie kara eki made – Von daheim bis zum Bahnhof

Den jetzigen Weg gehe ich immer zu Fuß, denn er ist in mehrere kurze Abschnitte unterteilt, und ich habe mich immer noch nicht satt gesehen an den winzigen Restaurants, alten Häusern, Bürogebäuden, Konbinis, Gehwegverzierungen, Frisiersalons, Bars und Wohnhäusern, die er für mich bereithält.

Noch während meines zweiten Japan-Besuchs fiel es mir manchmal schwer, die Schönheit im hiesigen Straßenbild zu sehen. Viele verschiedene Gebäudearten und -stile kreuz und quer durcheinander, oft fehlt die Struktur, als wurde immer einfach dort gebaut, wo es passte, und es gibt kaum Straßennamen. Eine japanische Bekannte erzählte mir, dass sie einmal Besuch aus Europa hatte, der total enttäuscht war, dass es so wenig alte Gebäude zu sehen gab. Ich glaube, dass wir im Westen eine völlig verkitschte, romantische Vorstellung davon haben, wie es in Japan aussieht. Dazu tragen auch die vielen Fotos Reisender bei, die vor allem Tempel und Schreine sowie wunderschöne alte Häuser oder schlichte Gebäude fotografieren. Die Realität sieht anders aus: sie ist chaotisch, manchmal heruntergekommen, da stehen winzige Häuslein neben riesigen Bürogebäuden – und dazwischen immer wieder überirdische Stromleitungen, die ungeordnet dort verlaufen, wo sie eben benötigt werden. Mittlerweile habe ich eine tiefe Liebe für all diese Dinge entwickelt, und es schmerzt sehr, sie schon bald wieder hinter mir lassen zu müssen.

 
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Direkt vor meinem Haus steht ein Getränkeautomat – was wohl auch damit einhergeht, dass sich im Erdgeschoss ein Münzwaschsalon befindet, der nicht nur für jene gedacht ist, die gemütlich in der eigenen Wohnung warten können, bis die Wäsche wieder sauber und trocken ist. Wenn es besonders heiß ist, kaufe ich mir schon mal das dritte Getränk von oben rechts. Auch wenn ich finde, dass Pocari Sweat in dem Fall kein guter Produktname ist.

 
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Ich bin schnell auf einer etwas größeren Straße und kann bereits die kleine Brücke sehen, auf die ich mich jedes Mal freue. Da sich linkersereits ein großes Firmengebäude befindet, sind hier unter der Woche, vor allem mittags, viele Menschen unterwegs – hauptsächlich Männer in Anzughosen und weißen Hemden, doch ich sehe auch Frauen mit wippenden Röcken und braven Blusen. Alltagstokio ist hinsichtlich der Mode unglaublich konservativ und langweilig. Es ist eine Fehlannahme, hier liefen alle mit bunten Haaren und in ausgeflippten Kleidungsstücken herum. Stattdessen dominieren auch in den U-Bahnen Faltenröcke, Glockenröcke, brave Pumps, Dreiviertelhosen, dazu weite, schlichte Oberteile oder welche mit Rüschen, hohem Ausschnitt und in gediegenen Farben.

 
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Unter der Woche sitzen hier entweder Bauarbeiter auf dem Boden und machen Mittagspause oder Salarymen stehen im Kreis und unterhalten sich. Manchmal hält auch ein Mann seine Angel über die Brüstung ins Wasser und hofft auf einen Fang. An seltenen Tagen findet sogar alles drei auf einmal statt.

 
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Während ich die Brücke überquere, blicke ich immer zuerst nach links, um mir den Skytree anzusehen. Abends ist er ein wenig hübscher, da er beleuchtet wird und verschiedene Lichter ihn umkreisen.

 
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Der Blick nach rechts erscheint erst einmal weniger schön, doch ich mag jene geballte Anordnung verschiedener Hochhäuser in der Ferne, die mir sagt, dass ich mich in Tokio und nicht in einer kleinen Stadt befinde. Man kann das hier nämlich schnell vergessen, denn es ist unglaublich ruhig, kein Straßenlärm ist zu hören.

 
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Hier wohnt ein altes Ehepaar. Das heute am Sonntag durch einen blauen Vorhang verhängte Fenster dient unter der Woche als Verkaufsstelle für Gebackenes und Tee. Wenn ich nachmittags beim Vorbeigehen einen kurzen, flinken Blick durch die sonst weit geöffnete Türe werfe, sehe ich die Hausherrin auf dem erhöhten Fußboden am Tisch sitzen. Ich stelle mir vor, dass sie schon ihr ganzes Leben lang hier wohnt und sich einfach der Zeit draußen angepasst hat, indem sie die Büromenschen mit Mittagssnacks versorgt. Es riecht hier immer intensiv nach Holz, und Vergangenheit. Als mein Kakerlaken-Ekel besonders groß und anstrengend war, habe ich mir vorgestellt, wie das alte Ehepaar im Gegensatz zu mir in friedlicher Koexistenz mit den Tieren lebt – weil das schon immer so war. Es hat mir leider nicht beim Entspannen geholfen.

 
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Die Gehwege in diesem Bereich haben allerlei Verzierungen. Die Bilder zeigen Feldarbeiter, Geishas oder Samurais und bringen mich immer zum Lächeln.

 
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Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert, dass der Pflanzenwall dieses Eckhauses aus lediglich aufeinander gestapelten Wasauchimmers besteht. Ich vermute in diesem Gebäude ein teures Restaurant oder eine Bar, denn abends, wenn es bereits dunkel ist, kann ich trotz Pflanzenmauer einen Raum mit Theke erkennen, an der edel gekleidete Menschen sitzen – zumindest sehe ich Damen mit Kimonos – die Getränke zu sich nehmen, welche von einem Herren auf der anderen Seite des Tresens serviert werden.

 
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Am Wochenende sind die Restaurants geschlossen, aber so habe ich wenigstens die Möglichkeit, sie zu fotografieren, ohne dass sich jemand belästigt fühlt – im Gegensatz zu den Frisiersalons, die deshalb hier fehlen. Es ist recht leer auf der Straße und ich erinnere mich noch, wie mich das am Tag der Besichtigung der Gegend beunruhigte. Ob es hier denn auch sicher sei, fragte ich meine Begleitung von der Hausverwaltung, was zwar bejaht wurde, aber das hätte auch lediglich Taktik sein können, um mich zum Einzug zu bewegen. Es ist aber so, dass ich hier schön häufiger zu später Stunde nach Hause gegangen bin und mich noch nie gefürchtet habe, sondern immer die Sommernachtsstimmung genießen konnte. Ein Luxus, den ich in Deutschland nicht habe, und den ich sehr vermissen werde.

 
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Die Phasen der Ampel sind immer sehr lang, was bedeutet, im schlimmsten Fall für die Dauer mehrerer Minuten in der Hitze zu stehen und auf Grün warten zu müssen. Vor allem, wenn ich es eilig habe, ist das schwierig, denn hier geht so gut wie niemand bei Rot über die Straße. Als ich es an dieser Stelle letzte Woche dennoch einmal wagte, weil ich sonst zu spät zum Unterricht gekommen wäre, bedachten mich die Menschen auf der anderen Straßenseite mit entsetzten Blicken. Ich habe mir hier jedoch längst die stolze, ignorante Haltung vieler Frauen abgeschaut, und in solchen Momenten gehe ich einfach noch ein wenig aufrechter als ohnehin schon.

 
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Mit dem Überqueren der Straße verändern sich die Gehwegverzierungen. Ab hier werde ich mit hübschen Tiermosaiken beglückt.

 
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Erst nachdem ich all das hier passiert habe, gelange ich zur Hauptstraße, an der es auf einmal laut und wuselig ist.

 
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Hier reihen sich Konbinis, Geschäfte und Restaurants aneinander. Ich könnte jeden Abend woanders essen gehen und hätte in den mir hier verbleibenden acht Wochen vermutlich immer noch nicht alles kennengelernt. Letztendlich fällt meine Wahl aber gerne auf eines der günstigen Ramen-Restaurants. Besonders mag ich das dritte Gericht von links, in der zweiten Reihe von oben: Tantan men.

 
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An dieser Stelle gehe ich normalerweise hinab in die Tiefe und fahre mit der Tozai Line zu meiner Schule in Iidabashi, doch auch der Rest von Tokio ist von hier aus gut zu erreichen. Ich genieße es sehr, nicht mehr jeden Tag so weit fahren zu müssen, um überhaupt in der Stadt zu sein.

Dies ist jedoch nur einer der vielen Eingänge. Der U-Bahnhof erstreckt sich über ein weites Areal, und auf der anderen Straßenseite gibt es noch viel zu sehen. Demnächst.